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Immanuel Kant. An seinem 200. Geburtstag. [Köln oder Berlin]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Otto Freundlich (1878 - 1943)

  • TitleImmanuel Kant. An seinem 200. Geburtstag. [Köln oder Berlin]
  • Date[vermutlich April 1924]
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationTyposkript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben, Durchschlag, handschriftliche Korrekturen, Bleistift
  • Amount7 Blatt
  • FondsTeilnachlass Raoul Hausmann
  • Inventory NumberBG-RHA 1786
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, und Spendenmitteln, 1991
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

»Immanuel Kant
An seinem 200. Geburtstag

Das eigentliche Verhängnis Kants, dass seine Philosophie eine Gehirnphilosophie war und blieb, konnte auch von seinen liebevollsten und begabtesten Schülern nicht verändert werden. Das Rührende in diesem Philosophenleben ist, dass ein Feinmechaniker aus feinen Metallteilen ein Bauwerk aufführte, das turmhaft hoch hinaufragt; das schön ist wie der Eifelturm. Aber es ist kein Weltgebäude, und sollte doch eins sein. Es ist das Werk eines Gedankentechnikers, der die konstruktiven Möglichkeiten des Begriffs entdeckt hatte und dem es seine eigene zarte Körperkonstitution erleichterte, das Patos der Distanz zu allem Krafterfüllten, Leiblichen zu bewahren. Das mit ungeheurer klarer Selbsterkenntnis und Konsequenz durchgeführte noli me tangere dieses Philosophenlebens verwirklicht die Idealität seines Erkenntnisvermögens in nahezu absoluter Weise. Und diese, seine ganz subjektive Konstellation konnte nur darum eine solche Allgemeingültigkeit erlangen, weil die politisch-nationale Tendenz jener Zeit, in die Kants Mannestum fiel, die realen Machtverhältnisse der Welt nicht erkennen konnte oder nicht zu erkennen brauchte. Das kleine Preussen Kant's hatte jedenfalls ein sehr geringes praktisches geographisches Welterlebnis. Seinen Unternehmungen und Kriegen fehlte die Verantwortung vor der ganzen Welt oder eine Ideologie, die aus der Menschenliebe geboren war; der Seelenaspekt selbst einer tapferen Zähigkeit blieb freudlos barbarisch und für die beteiligten Menschen oder Untertanen entwürdigend.
Kant war ein Mensch, der die Freiheit fürchtete. Jedenfalls jene autonome Freiheit, die ihr Gesetz ohne welche Furcht vor Strafe oder Benachteiligung verwirklicht. Also eine Freiheit, die nicht aus Opportunismus handelt.
Das Eigentümliche nicht nur dieses Philosophen sondern der Philosophie überhaupt besteht darin, dass sie die Gestaltung, den Prozess des Lebens unberücksichtigt lässt. Mit der Anerkennung autonomer Gestaltungskraft im Weltplan selbst, ist die apriorische Erkenntnisform jedenfalls eine Eigenschaft, die auch dem Stein, dem Tier und der Pflanze zukommt, und nicht nur dem Menschen. Der transzendentale Idealismus in der Kantischen Formulierung verschwindet unter diesem Aspekt und ebenso der Mensch als einziges geistiges Kräftezentrum der Welt.
Aber die falsche, untragbare Belastung, die diese von Kant geschaffene Zentralstellung des menschlichen Intellekts überall bekundet, lähmt und verhindert alle seine produktiven Kräfte, weil die Achtung vor der moralischen Persönlichkeit und vor der Freiheit des Sittengesetzes eine rein theoretische und intellektuelle bleibt. In der Praxis bleibt für ihn die soziale Rangordnung bestehen, wie sie die monarchische und bürgerliche Tradition geschaffen hatte. Und damit die Nichtachtung des Untertans und seiner Freiheitsansprüche, sobald sie diese Rangordnung bedrohen. Auch dies gibt eine Erklärung für die starke Resonanz der Kant'schen Lehre in seiner Zeit und bis heute. Es liegt in ihr das ganze Geheimnis des Staates; des politischen Staates sowie auch des kirchlichen. Des Staates als Inhabers der physischen Gewalt über den Untertan, wie auch des Kirchen-Staates als Inhabers der moralischen Gewalt über den Untertan.
Die Form der Kritik, welche Kant für die Gestaltung seiner Weltanschauung wählte, machte es von vornherein unmöglich, einen Weltorganismus, eine Totalität zu erkennen und zu gestalten. Denn dies gelingt nur, wenn der Einzelne mit dem Ganzen völlig verbunden und in ihm aufgegangen ist. Es gelingt nicht von einem abstrakten Standpunkt der Beobachtung. Denn die Leibhaftigkeit der Verbundenheit mit den Menschen und dem Weltganzen ist die Voraussetzung verbindlicher Aussagen.
Die Anerkennung des Radikal-Bösen in der Welt hat Kant mit dem Christentum, wenn vielleicht auch nicht mit der Lehre Christi, gemeinsam; sie liegt auch im Sündenfall des alten Testaments begründet. Aber das Radikal-Böse hat keinen metaphysischen Ursprung, sondern ist eng verbunden mit der Tatsache des Besitzes und der vom und für den Besitz geschaffenen Gesellschaftsordnung. Und dies Radikal-Böse ist ein Zeichen dafür, dass diese Gesellschaftsordnung keine göttliche Institution ist. Kant, der selbst aus dem Proletariat hervorgegangen ist, hatte geistig und sozial die Formen der bürgerlichen Kultur seiner Zeit angenommen, was ja ausnahmslos geschah, und wogegen nur ein einziger Mensch während seines ganzen Lebens protestierte: Beethoven.
Die Enthüllungen, welche Franz Mehring in der „Lessing-Legende" über die grauenhaften Hintergründe des damaligen Staates macht, zeigen jedenfalls, um welchen Preis die gesellschaftliche Kultur jener Zeit erkauft wurde. Die französische Revolution war ein Protest der Opfer dieser Kultur, und er blieb in Deutschland nicht ohne Widerhall. Aber die eigentümliche Stellung des deutschen Gelehrten, Dichters und Künstlers war in ihrer Praxis immer monarchisch orientiert und nie demokratisch. So verlor die geistige Gestalt der deutschen Denker, Dichter und Künstler niemals das Kostüm der Konvention, und alle Ideen, die der Zeit vorauseilten oder in manchem ihr entgegengesetzt waren, bekundeten in Sprachform, Kunstform und Lebensgeste die Devotion vor der bestehenden Ordnung. Einer ist auch hier ausgenommen: Beethoven.
Es ist und bleibt darum etwas Unversöhnliches in dem einzelnen Leben dieser Persönlichkeiten, das auch ihren Werken als etwas Steriles anhaftet, und wodurch ihre geistige Handschrift das Auge des Lesenden verwirrt.
Die Verlegung des Raum- und Zeitschemas in den menschlichen Intellekt ist die philosophische Tat Kant's, die ihn so berühmt gemacht hat. Ganze Bibliotheken sind über das Kantische Zeit- und Raumproblem geschrieben worden. Aber es ist keinem der offiziellen und inoffiziellen Kantianer gelungen, dieses zeiträumliche Skelett mit Fleisch und Blut zu füllen und es zum Leben hinzuführen. Die Zeitraum-Hypothese Kant's ist und bleibt die Zuweisung zweier dem Weltganzen zugehörigen Eigenschaften in den alleinigen Besitz des Menschen. Dass der Mensch Anteil an diesen wie auch an anderen Eigenschaften hat, die dem Universum angehören, ist gewiss. Und dass er diese Eigenschaften in einer besonderen nur ihm eigentümlichen Art verwendet und gestaltet, ist das immer wieder neue Erlebnis, das durch die Technik und Kunst offenbar wird. Aber es ist noch niemand gelungen und wird niemand gelingen, eine Eigenschaft eher zu bestimmen und zu er-kennen, als bis sie wirkend geworden, also mit der Materie verbunden ist. Ist dies aber geschehen, so ist die Auflösung dieser Einheit eine Tat der Phantasie und gehört in das Reich der Mythenbildung. Der Mensch ist und bleibt ein mythenschaffendes Wesen. Der Zeitraum-Mythos Kant's ist eine unverbindliche Besonderheit von ästethischer und psychologischer Bedeutung, zu dem man ein bejahendes, vernein[en]des oder auch gleichgültiges Verhältnis haben mag; aber es ist eine rein anthropozentrische Anschauung. Nach dieser Anschauung wäre es verboten, alles, was nur in der Gestalt, in der Gestaltung und in der Vorstellung wirksam und erkennbar ist, als eine mich umhüllende und durchdringende Wesenhaftigkeit anzuerkennen.
Dass auch die originale, schöpferische Einwirkung vom Menschen aus auf die Umwelt möglich und notwendig ist, bedarf keines Beweises. Aber wie und was verändert oder gestaltet werden soll, ist eine Forderung allgemeinerer Art, und sie betrifft den Geist ebenso wie den Leib; den Einzelnen ebenso wie die Gemeinschaft; das Innenleben ebenso wie das Aussenleben; und auch Zeit und Raum gehören in den Gestaltungsprozess und haben ausser ihm keine Existenz, keine Erkennbarkeit, keine Beweisbarkeit. Aber ich glaube, das eigentliche „An sich", auf das die Kant'sche Denkmethode alle Erfahrung zurückführen möchte, hat eine andere Bedeutung, als sie seine sprachliche Gestaltungskraft darstellen konnte. Und diese Bedeutung wäre eine allgemeine Weltwahrheit, wenn die anthropocentrische Methode sie zu erkennen mit einer excentrischen Methode vertauscht werden könnte. Ich glaube nämlich, Kant meinte: Alle mit Erfahrung, also mit bestimmten Eigenschaften versehenen Tatsachen sind keine ursprünglichen, sondern erworbene, also geschaffene. Zu diesen Tatsachen gehört die Geschichte als Zeit; die sichtbare Welt als Raum. Er meinte nun, es bliebe die reine Zeit übrig, wenn man das darin Geschehende entfernte; und es bliebe der Raum an sich übrig, wenn man Gestalt und Farbe daraus entfernte. Aber diese Ur-Anfänglichkeit, dieses An - sich, dieses Vor - aller - Erfahrung - Daseiende betrifft den Kindheitszustand der Menschheit, der historisch unerreichbar ist, also nicht gedacht werden kann. Wie dieser Kindheitszustand gewesen sein mag, das können wir nur intuitiv ahnen; aber selbst die prähistorische Kunst - und graphischen Gebilde gehören schon einer so späten Epoche an, dass auch sie auf die Organbildung des Menschen keine Schlüsse mehr zulassen. Was aber als wahrscheinlich angenommen werden kann, ist, dass nicht nur das Zeit- und Raumbewusstsein, sondern früher noch als dies, das Form- und Farbenbewusstsein in einem mühevollen, kampfvollen und jahrhunderttausende langen Prozess erworben werden musste. Immerhin ist das, das wir heute Mensch nennen, in seinem damaligen Zustande unerkennbar; und wenn ihm das a priori schöpferischer Anlagen zuerkannt wird, so muss es mit demselben Rechte auch dem Kristall oder Wasser, der Luft, der Pflanzenzelle etc. zuerkannt werden.
Der Mensch des 18. Jahrhunderts war aber der Erbe einer sich auflösenden alten Kultur, die eben durch die französische Revolution, durch Lessing, Goethe, Beethoven, Voltaire und Rousseau völlig zertrümmert wurde.
Das „Zurück zur Natur" Jean Jaques Rousseaus hiess in der Kant'schen Sprache: Zurück zum a priori, d.h. zurück zum Uranfang.
Aber während Rousseau die reine ungeistige Natur wollte, wollte Immanuel Kant den von keiner Natur, von keiner Erfahrung belasteten Intellekt. Und es steckte in Kant der fanatische Glaube: Wenn er nur den Menschen den Weg zum Uranfang, zum a priori, gewiesen hätte, dann würden sie auch im stände und willens sein, neue Menschen zu werden. Aber sie müssten sich erst alle dem militärischen Reglement, dem Drill seiner Kategorien-Lehre unterwerfen. Ein rein monarchisches Prinzip, das im Aufbau des preussischen Staates durch seine Könige sich ausgewirkt hatte. Hier sehen wir Kant in seiner historischen Determiniertheit. Hier kündigt sich an der verzweifelte Kampf eines Erben, der sich aus dem Brei verwesender Kultur auf den Felsen intellektueller Unbedingtheit zu retten suchte. Aber es steckt eine gewaltige Not in dieser intellektuellen Unbedingtheit, die aus dem Versäumnis, dem mangelnden Wagemut, sich ganz verdrängen zu lassen, herrührt, um als Phönix aus der Asche neu zu erstehen. So, aus dieser Selbstbewahrung, prägte sich der Kantische Kubismus oder Konstruktivismus, der ein Zeichen dafür ist, dass das Opfer der Selbstauflösung nicht gebracht wurde. Dieser Kantischen Gestaltungsform haftet an die Manier, die in der bildenden Kunst das Kennzeichen für die Ungelöstheit des schöpferischen Vermögens ist.

Aber das Problem, das Kant zu lösen versuchte, ist von gigantischem Ausmass. Er scheiterte daran, dass seinem gewaltigen Intellekt das gewaltige Menschentum eines Beethoven versagt war, der immer wieder sein Individuum zerbrach, immer wieder dadurch seine Zugehörigkeit zur Menschheit offenhielt, immer wieder Opfer, Brand und Flamme wurde, und als Phönix zum Licht emporstieg.
Die Philosophie Kant's ist für Deutschland ein Verhängnis gewesen. Sie hat die weltsociale Auswirkung des Lessing-Goethe-Schiller-Herder'schen Kulturkreises vernichtet. Sie hat die kollektive Weltkultur, die durch diese vier Persönlichkeiten anerkannt, gelebt und als bildende Kraft dem Mitteleuropäer geschenkt wurde, durch das starre Dogma intellektueller Uniformierung für lange Zeit aus Deutschland verbannt. Und sie ist noch jetzt der Hemmschuh, den der für die neuen Forderungen der Welt sich bildende Geist nur schwer von seinen Fersen löst.
Wenn ich mit diesen Anschauungen auch in Widerspruch zu der grossen Kantgemeinde stehe, so ist eben diese Kantgemeinde das reaktionäre Element der Zeit, wie sie es auch schon zu Kant's Zeiten gewesen ist.
Wir haben in der tiefen Verantwortung für die sociale und geistige Form, zu der wir uns bekennen, keine Toleranz zu üben und keine Pietät walten zu lassen zu Gunsten eines Gedankenbaues, der automatisch die in ihm Wohnenden auf Lebenszeit zu seiner Hausordnung verpflichtet. Es kann uns nichts an dieser Hausordnung liegen, selbst wenn uns für die bedingungslose Unterwerfung unter sie ein sicheres und lebenslängliches Obdach gewährt werden sollte; selbst wenn wir aus dem Fenster unseres Asyles mit unserem natürlichen Auge oder mit einem Femglas eine gute Aussicht geniessen sollten. Wir müssen eben an diesem Hause und an dieser Hausordnung vorübergehen und sie sich selbst überlassen.

Otto Freundlich.«