Resultate:  1

Zur Auflösung des bürgerlichen Frauentyps (Unter besonderer Berücksichtigung des Einzelfalls)
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelZur Auflösung des bürgerlichen Frauentyps (Unter besonderer Berücksichtigung des Einzelfalls)
  • Datierung30.05.1919
  • GattungManuskripte
  • SystematikTyposkript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben, handgeschrieben
  • Umfang5 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC H 69/79
  • Andere NummerBG-HHE I 12.22
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

Typoskript mit handschriftlichen Zusätzen und einer handschriftlichen Mitteilung an Hannah Höch.

„30. Mai 19
Zur Auflösung des bürgerlichen Frauentypus.
(Unter Berücksichtigung eines Einzelfalles).
Die Definitionen Weiningers über die Gegensätze der monogamen Mutter und der nichtmonogamen freien Frau sind, so zutreffend sie auch erscheinen, noch rein von der bürgerlichen männlichen Gesellschaft aus gewertet. Das Verdienst Weiningers, in Geschlecht und Charakter auf das Deutlichste die Abhängigkeit der Frau von männlichen Verdrängungsidealen nachgewiesen zu haben, wird beeinträchtigt durch seine stark moralisch ethische Wertung, die den Mann als das absolute Etwas und im Gegensatz hierzu die Frau als das absolute Nichts statuiert und infolge dessen seinen Definitionen den Zukunftswert in Rücksicht auf einen unbürgerlichen Frauentypus abschneidet. Trotz seiner geistigen Einstellung wertet Weininger männlich sexuell ohne sich dessen bewußt zu werden; sonst hätte schon ihm die Erkenntnis dämmern müssen, daß die Frau nicht ent-entweder Mutter oder Dirne sondern beides zugleich ist, der von ihm gewiesene männliche Frauentypus hat eine fatale Verwandtschaft mit dem vom Manne erdachten Idealtypus der Jungfrau. Die heute aus der bürgerlichen Gesellschaft heraustretende Frau ist noch garnicht bei ihrem wesentlich Weiblichen angelangt, sondern noch durchaus von den Gedanken geleitet, die der Mann in der bürgerlichen Besitzrechtsfamilie verewigt hat. In den sexuellen Beziehungen dieser Frau, die in der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Fälle Hysterikerin ist und deren protesthaftes Heraustreten aus der männlichen Familie eine männliche Leitlinie erzeugt und erzwingt, ist heute noch eine Einstellung zum Märtyrertum, eine tragische Geste des Geopfertseins zu bemerken, die aus der Unklarheit über die Gleichzeitigkeit von Mutterschaftstrieb und dirnenhafter Einstellung resultiert. Hierbei neigt die Frau zu einer Art eigenen Verherrlichung in einer nicht körperlich sondern geistig empfundenen Jungfrauschaft, als Bewußtseinssicherung gegen die, in ihren widerstreitenden Erfahrungseinstellungen sich meist unbewußt bemerkbar machende Abneigung gegen den Mann als Sexualpartner. Weil die Frau heute noch mit den moralischen Werten des Mannes operiert, schreckt sie vor einer neutralen Wertung ihres Dirnenhaften zurück; hierbei passiert es ihr, daß sie aus dem Dilemma ihres eigenen Bewußtseins von Reinheit und dem hier noch männlich unrein bewerteten Dirnentum einen ästhetischen Ausweg als Rettung und damit Fälschung der in ihr tätigen Sexualkomplexe vornimmt und aus ihrer zeitweisen sexuellen Unterlegenheit dem Manne gegenüber als moralisches (also eigentlich männliches) Plus und Selbstsicherung auf stellt.//
Die Grundlagen zu dieser Einstellung hat Weininger äußerst treffend analysiert, so sagt er unter anderem: »Das Unvermögen der Frauen zur Wahrheit folgt aus ihrem Mangel an einem freien Willen zur Wahrheit und bedingt ihre Verlogenheit. Wer mit Frauen Umgang hatte, der weiß, wie oft sie unter dem momentanen Zwang, auf eine Frage zu antworten, ganz beliebig falsche Gründe für das, was sie gesagt oder getan haben aus dem Stehgreif angeben. Nun ist es richtig, daß gerade die Hysterikerinnen peinlichst, aber nie ohne eine gewisse, demonstrative Absichtlichkeit vor Fremdem jeder Unwahrheit aus dem Wege gehen: aber gerade hierin liegt, so paradox es klingt, ihre Verlogenheit. Denn sie wissen nicht, daß ihnen die ganze Wahrheitsforderung von außen gekommen und allmählich eingepflanzt worden ist. Sie haben das Postulat der Sittlichkeit knechtisch akzeptiert und geben darum bei jeder Gelegenheit zu erkennen, wie getreu sie es befolgen.«[1]
»Der Fremdkörper im Bewußtsein, das schlimme Ich, ist in Wirklichkeit ihre eigenste weibliche Natur, während, was sie für ihr wahres Ich hält, gerade die Person ist, die sie durch das Einströmen alles Fremden wurde.«[2] (Gerade hier wird deutlich wie männlich moralisch Weininger noch wertet, denn die Anpassungen und Aufnahme des Fremden, bei einem gleichzeitigen Bewußtsein des Eigenen, ist bei der Frau technisch durchbildungsfähiger und steigerbarer als beim Manne, also ein Vorzug.)
»Diese außerordentliche Bestimmbarkeit des Weibes durch Außerihmliegendes ist im Grunde Wesensgleich mit seiner Suggestibilität, die weit größer und ausnahmsloser ist als die des Mannes: beides kommt damit überein, daß das Weib im Sexualakte und seinen Vorstadien nur die Passive, nie die aktive Rolle zu spielen wünscht. Es ist die allgemeine Passivität der weiblichen Natur, welche die Frauen am Ende auch die männlichen Wertungen, zu welchen sie gar kein ursprüngliches Verhältnis haben, akzeptieren und übernehmen läßt. Diese Imprägnierbarkeit durch die männlichen Anschauungen, diese Durchdringung des eigenen Gedankenlebens der Frau mit dem fremden Element, diese verlogene Anerkennung der Sittlichkeit, die man garnicht Heuchelei nennen kann, weil nichts Antimoralisches durch sie verdeckt werden kann, diese Aufnahme und Anwendung eines an und für sich ihr ganz heteronomen Gebotes wird, so weit die Frau selbst nicht wertet, im allgemeinen leicht und glatt vonstatten gehen und den täuschenden Schein höherer Sittlichkeit leicht hervorbringen. Komplikationen können sich erst einstellen, wenn es zum Zusammenstoß kommt mit der einzigen eingeborenen, echten und allgemeinen Wertung der Höchstwertung des Sexualaktes.«3
»Aber die Lüge, die es begeht, wenn es sich das männliche gesellschaftliche Urteil über die Sexualität, über Schamlosigkeit, ja über die Lüge selbst, einverleiben läßt und den männlichen Maßstab aller Handlungen zu dem seinen macht, diese Lüge ist eine solche, die ihm nie bewußt wird, es erhält eine zweite Natur, ohne auch nur zu ahnen, daß es seine echte nicht ist, es nimmt sich ernst, glaubt etwas zu sein und zu glauben, ist überzeugt von der Aufrichtigkeit und Ursprünglichkeit seines moralischen Gebarens und Urteilens: so tief sitzt die Lüge, die ontologische Verlogenheit des Weibes.«4
»Aber selbst diese Scheinzurechnung, welche die Frauen von hysterischer Konstitution an sich vollziehen, wird hinfällig im Augenblicke, wo die Natur, das sexuelle Begehren, sich durchzusetzen droht gegen die scheinbare Bändigung. Im hysterischen Paroxysmus geht nichts anderes im Weibe vor, als daß es sich, ohne es mehr sich selbst, wie früher, ganz zu glauben, fort und fort versichert: das will ich ja gar nicht, das will man, das will jemand Fremder von mir, aber ich will es nicht. Jede Regung anderer wird nun zu jenem Ansinnen in Beziehung gebracht, das an sie, wie sie glaubt, von außen gestellt wurde, aber in Wahrheit ihrer eigenen Natur entstammt und deren tiefsten Wünschen vollauf entspricht; nur darum sind die Hysterischen im Anfall so leicht durch das Geringste aufzubringen. Es handelt sich da immer um die letzte verlogene Abwehr der in ungeheurer Stärke frei werdenden Konstitution; die »Attitudes passionelles« der Hysterischen sind nichts als diese demonstrative Abweisung des Sexualaktes, die darum so laut sein muß, weil sie eben doch unecht ist, und so viel lärmender als früher, weil nun die Gefahr größer ist. Daß so oft sexuelle Erlebnisse aus der Zeit vor der Pubertät in der akuten Hysterie die größte Rolle spielen, ist danach leicht zu verstehen. Auf das Kind war der Einfluß der fremden moralischen Anschauungen verhältnismäßig leicht auszuüben, ohne einen erheblichen Widerstand in den noch fast gänzlich schlummernden sexuellen Wünschen überwinden zu müssen. Nun aber greift die bloß zurückgedrängte, nicht überwundene Natur das alte, schon damals von ihr, nur ohne die Kraft, es bis zum wachen Bewußtsein emporzuheben und gegen diese durchzusetzen, positiv gewertete Erlebnis auf, und stellt es nun erst gänzlich verführerisch dar. Jetzt ist das wahre Bedürfnis nicht mehr so leicht vom wachen Bewußtsein fernzuhalten wie ehedem, und es ergibt sich die Krise. Daß der hysterische Anfall selbst so viele verschiedene Formen zeigen und sich fortwährend in ein neues Symptomenbild transmutieren kann, liegt vielleicht nur daran, daß der Ursprung des Leidens nicht erkannt, daß die Tatsache, ein sexuelles Begehren sei da, vom Individuum nicht zugegeben, nicht als von ihm ausgegangen ins Auge gefaßt, sondern einem zweiten Ich zugerechnet wird. Dies aber ist auch der Grundfehler aller ärztlichen Beobachter der Hysterie, daß sie sich von den Hysterischen hierin immer ebenso haben belügen lassen, wie diese sich allerdings auch selber aufsitzen: nicht das abwehrende Ich, sondern das abgewehrte ist die eigene, wahre und ursprüngliche Natur der Hysterischen, so eifrig diese auch sich selbst und anderen vormachen, daß es ein Fremdes sei. Wäre das abwehrende Ich wirklich ihr eigenes, so könnten sie der Regung, als einer ihnen fremden gegenübertreten, sie bewußt werten, und klar entschieden abweisen, sie gedanklich festlegen und wieder erkennen. So aber findet eine Maskierung statt, weil das abwehrende Ich nur geborgt ist, und darum der Mut fehlt, dem eigenen Wunsche ins Auge zu schauen, von dem man eben doch dumpf irgendwie fühlt, daß er der echtgeborene, der allein mächtige ist. Darum kann jenes Begehren auch nicht identisch bleiben, indem es an einem identischen Subjekte fehlt; und da es unterdrückt werden soll, springt es sozusagen über von einem Körperteil auf den anderen. Denn die Lüge ist vielgestaltig, sie nimmt immer neue Formen an. Man wird diesen Erklärungsversuch vielleicht mythologisch finden; aber wenigstens scheint sicher, daß es immer nur ein und dasselbe ist, was jetzt als Kontraktur, dann wieder plötzlich als Hemianästhesie, und nun gar als Lähmung erscheint. Dieses eine ist das, was die Hysterika nicht als zu sich gehörig anerkennen will, und unter dessen Gewalt sie eben damit gerät: denn würde sie es sich zurechnen und es beurteilen, wie sie alle geringfügigsten Dinge sonst nicht zugerechnet hat, so würde sie zugleich irgendwie außerhalb und oberhalb ihres Erlebnisses stehen. Gerade das Rasen und Wüten der Hysterikerinnen gegen etwas, das sie als fremdes Wollen empfinden, obwohl es ihr eigenstes ist, zeigt, daß sie tatsächlich ganz so sklavisch unter der Herrschaft der Sexualität stehen wie die nichthysterischen Frauen, genau so von ihrem Schicksal besessen sind und nichts haben, was über demselben steht: kein zeitloses, intelligibles, freies Ich.«5
Diese Feststellungen Weiningers sind absolut zutreffend für - die Frau der bürgerlichen Gesellschaft. Hier haben wir das Malheur der Psycho-Banalyse im ganzen Umfang vor uns: eine auf den Mann und seine Ideale rückbezügliche Wertung, die trotz aller Richtigkeit eben wertlos bleibt, weil sie der Lüge im Manne nicht gewahr wird. Wie die Frau der bürgerlichen Gesellschaft hin und her gerissen wird zwischen der Einstellung auf Mutterschaft und Dirnentum, so schwankt der Mann dieser Gesellschaft zwischen Idealismus und Verbrechertum, zwischen Geistigem und Tierischem. Die verfluchte tragische Lüge eines Jenseits, eines Nirvana, kurz irgend eines Abseitigen als romantischem Ideal ist die eigentliche Verlogenheit des Mannes aus der heraus er seine Überlegenheit über die Frau gesetzgeberisch wirken ließ in Besitzvorstellungen, Treuverträgen und Sexual werten. Eine noch gefährlichere Lüge des Mannes als der Gekreuzigte (Mann) ist die Gekreuzigte-Jungfrau. Zu dem Einzelfall wäre hier zu bemerken: aus dem adeligen Ideal des Helden und seinen abgeleiteten Unterabteilungen des Bürgers und Vaters ist die reine Jungfrau und deren Nebenabteilung der monogamen Mutter gegen die Dirne umidealisiert worden als ungeheuere Verfälschung der vieldeutigen weiblichen Sexualität in eine der männlichen Beherrschungstechnik bequemer liegende Eindeutigkeit. Die monogame Ehe ist wie bis jetzt jedes Recht und jede Sitte vom Manne statuiert worden und die kleinen Angriffe, die die bürgerliche Wissenschaft unternommen hat, um die Monogamie aufzulösen, sind so wertlos wie die Feststellungen und Untersuchungen der männlich bürgerlichen Wissenschaft überhaupt. Wie es in Wahrheit den gesunden, natürlichen Menschen in Hinblick auf irgend einen Gegensatz von Krankheit nicht gibt, sondern nur das eigene höchstgesteigerte Bewußtsein einer Entwicklungsfähigkeit als Auflösung der eigenen Grenzen gegenüber der Gemeinschaft so hat die Wissenschaft bis heute in ihren Untersuchungen über Monogamie oder Promiskuität keinen einzigen brauchbaren Wert zutage gefördert. Die Frau, die die Unabhängigkeit vom Manne und seinen Verdrängungsidealen hersteilen will, müßte zunächst die Grenzen ihrer sexuellen Einstellung gegenüber der Frau erweitern und modifizieren. Eine klischeehafte Haßeinstellung gegenüber der ändern Frau entspringt nicht aus ihrem Wesen und ist nicht radikal weiblich sondern radikal männlich; entsprungen aus einer männlichen Vereinfachungstechnik. Die größere Beweglichkeit und das leichtere Überschreiten der Grenzen z. B. der Sexualkomplexe des Mannes haben nacheinander zu Nachfolgerschaft, Kameradschaft und männlicher Gesellschaft überhaupt geführt. Eine weibliche Gesellschaft existiert nicht deshalb nicht, weil die Frau einer solchen Komplexauflösung unfähig wäre, sondern weil in ihr hier als begrenzendes Moment männliche Vorstellungen automatisch weiter wirken, die im Gegenüberstehen von Gruppenbeziehungen von der über ihre mütterliche Dirnenhaf- tigkeit noch unklaren Frau nicht von ihr aus aufgelöst werden. Diese Nichtauflösung und ihre Unfähigkeit hierzu war eines der praktisch sicherndsten Elemente der bürgerlichen Ehe und der mit ihr verbundenen Besitzbegriffe, hier wird durch die neuen kommunistischen Einstellungen der Gesellschaft eines der lächerlichsten Hindernisse beseitigt. Die Sexualkomplexe der Frau sind nicht so primitiv kindisch wie sie der Mann zu seiner Bequemlichkeit gestaltet hat, das Überschreiten der von ihm in der Monogamie gezogenen Grenzen wird der Frau zunächst nur gelingen in einer auflösenden Erweiterung gegenüber der Frau und einer hierdurch bedingten grundsätzlichen Veränderung ihrer sexuellen Beziehungen zum Manne als einer balancierenden Aufhebung ihrer bisherigen Hörigkeit. Die augenblickliche Ablehnung des Mannes als Sexualpartner und die eigene Verlügung in die Geste des Geopfertseins entspringen nur einer tiefen Unklarheit über das eigene Wesen und sind nicht bestimmende Grundbedingungen eines »tragischen Einzelfalles«“


[Handschriftlicher Zusatz:]
„Die Psycho-Praxis der Frau ist keine auf nur mannweibliche Sexualspannungen beschränkte Verkehrsangelegenheit innerhalb der bürgerlichen Ehe (Gesellschaft) sondern eine innerste Unabhängigkeitsbewußt- werdung von den bisherigen ethischen Imperativen als der Wahrheit.
N. B. »Betrüger« denken wahrscheinlich anders; aber wie? »hier sind Probleme, während die Gerechten sagen: hier ist Betrug« Nietzsche.
Es handelt sich nicht mehr um Annäherung, sondern um Dein Planmäßiges an mir vorbeisehen von Deinem Ideal aus. Du hast mich planmäßig von vornherein so oder so erziehen wollen, warst also voll hochmütigem Mißtrauen. Es empört sich heute alles in mir gegen Deine Zwänge, die mich unfrei und unwahr machten und gegen Deine großartige Endeinstellung: der großen Verachtung. Typisch ist es, daß Du sie von einem Tragiker wie Strindberg beziehst, typisch ist Deine weibliche Unselbständigkeit. Ich bin ich und denke, meine Gedanken. Mit den Clichees Deiner Familie willst Du mich klein machen oder ermorden. Nein. Leiden allein ist noch kein Vorwärtsgehen.“


[1] Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. Wien; Leipzig, 1903. S. 364. [2] Ebda.
[3] Ebda. S. 357 f
[4] Ebda. S. 358 f.
[5] Ebda. S. 367 ff.