Resultate:  1

Weiter!
  • © Ulf Aminde
    • Ulf Aminde (*1969)

  • TitelWeiter!Edition of 1 + 1 AP
  • Datierung2004
  • GattungMedia-Installation
  • MaterialVideoinstallation; Minidv PAL, transferiert auf DVD mit Audio (9.42 min)
  • Masse53:13:05 min (Dauer)
  • InventarnummerBG-O 12149/14
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Deutschen Klassenlotterie Berlin von der Kulturverwaltung des Berliner Senats, 2014
  • AusgestelltNein
Text
Weitere Abbildungen

Auf einer Wiese in Friedrichshain spielt eine Gruppe Punks „Reise nach Jerusalem“. Im Hintergrund die Ruine eines Abbruchhauses, dessen weggerissene Fassade zum Park den Blick frei gibt auf das Innere, in dem sich eine zweite Gruppe Punks befindet. Alles wirkt wie eine zufällig beobachtete Szene in einer der zahllosen Berliner Brachflächen, die mit dem Mauerfall entstanden. Aus mangelnder Verwertbarkeit und gesellschaftlichem Desinteresse an dem Ort werden sie zu einem quasi rechtsfreien Raum, den sich hier eine autonome Punkszene angeeignet hat. Umso seltsamer ist dann jedoch, dass die Gruppe ausgerechnet das irgendwie auch bedenkliche Kinderspiel „Reise nach Jerusalem“ spielt, bei dem nach jedem Ende der Musik derjenige raus fliegt, der keinen Stuhl mehr abbekommt. Das auf Ausgrenzung und Konkurrenzkampf aufgebaute Prinzip des Spiels will nicht recht zum anarchischen Lebensgefühl der Punks passen. Und so scheitert das Spiel auch grandios, weil jeder für sich neue Regeln erfindet: Die Spieler ohne Stuhl setzen sich auf den Boden oder den Schoß der Mitspieler, schmeißen sich gegenseitig wieder von den Stühlen oder gehen einfach nicht raus und spielen weiter. Irgendwann entwickelt sich die Szene in ein absurdes Chaos: Hunde bellen und werden in einen wilden Tanz zur Musik einbezogen, die weißen Plastikstühle zerbrechen im allgemeinen Trubel und hinter der Kamera treibt Ulf Aminde die Gruppe mit lauten „Weiter, Weiter!“-Rufen an.

Was zunächst wie ein voyeuristischer, quasi ethnologischer Einblick in das Gruppenverhalten von Punks erscheint, zeigt sich so als inszenierte Versuchsanordnung mit offenem Ausgang, in die Ulf Aminde von außen wie ein Theaterregisseur eingreift. Der Ort des Geschehens wird dabei zur Bühne eines autonomen Lebensentwurfs, der die kaputten, gesellschaftlich wertlosen Reste des öffentlichen Raums offensiv besetzt. Hier kollidiert das im Spiel intendierte gesellschaftliche Regel- und Rollenverhalten mit der radikal behaupteten Autonomie der Punks und entlarvt diese zugleich. Die spielerische Situation beginnt plötzlich zu kippen und aus dem kreativen Umgang mit den Regeln wird letztlich ein unkontrollierbarer Verdrängungskampf, der keinerlei Regeln mehr folgt. Vor dem Hintergrund des seit einigen Jahren wieder aufgekommen Interesses an den zurückgelassenen Brachen ist Weiter! zugleich eine Metapher des Kampfs um gesellschaftliche Freiräume im öffentlichen Raum.