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Ende der Konzerte? Mechanisierte Musik. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Schliepe

  • TitelEnde der Konzerte? Mechanisierte Musik. BerlinZeitungsausschnitt [Quelle unbekannt. Bezieht sich vermutl. auf den 18. Musikabend der Novembergruppe 1926/1927].
  • Datierungvermutlich 1926/1927
  • GattungDruckerzeugnis
  • SystematikZeitungsausschnitt
  • MaterialPapier, gedruckt
  • Umfang1
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHE II 26.39
  • Andere NummerBG-HHE II 26.39
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung

"Ende der Konzerte?
Mechanisierte Musik
Die «Novembergruppe» hatte uns ins Vox-Haus eingeladen, um die neueste, umwälzende Errungenschaft vorzuführen: das mechanische Klavierspiel.
Gegenüber den bisherigen Klavierspielapparaten stellt die Konstruktion der Firma Steinway-Welte insofern einen Fortschritt dar, als erstens hier die Fixierung aller Anschlagsarten und Vortragsnüancen gegeben ist, und zweitens der Komponist die Möglichkeit hat, direkt für die «Maschine» auf die Reproduktionsrolle zu komponieren, ohne vorherige Uebertragung.
Merkwürdige Perspektiven eröffnen sich da. Es wird Musik geschrieben werden, so schwer, so kompliziert, so schnell - daß kein Mensch mit seinen zehn Fingern sie mehr spielen kann. Also Originalmusik für die Klaviermaschine. So etwa, wie es Orgelmusik gibt, die man ohne Vereinfachung auf dem Klavier auch nicht wiedergeben kann.
Außerdem - deutete Herr Stuckenschmidt, der Hauptvertreter des Musikmechanisierungsprinzips, an - wäre es keineswegs ausgeschlossen, daß man in einiger Zeit auch das Orchester einschließlich Dirigent mechanisieren werde. Dadurch würden ganz neue Ausdrucksgebiete erschlossen. Man könnte auch Töne elektrisch erzeugen; vor allem die Amerikaner - natürlich! - hätten bereits ... Also was die Amerikaner für die Zukunft der Musik wieder geleistet haben, weiß ich nicht mehr. Es ist auch unerheblich. Ich bezweifle stark, daß das Heil in der Musik gerade von den Amerikanern kommen wird.
Sollte Herr Stuckenschmidt Recht behalten, wird in absehbarer Zeit nur noch mechanische Musik gemacht werden, und die Einzelpersönlichkeit des Künstlers wird so altmodisch sein, wie heute ein altes Mütterchen am Spinnrad ...
Nun zu dem Konzert. Auf dem Podium im Vox-Haus stand ein Flügel, der unten noch mit einem besonderen Mechanismus versehen war. Ein Herr legte schweigend oben eine Papierrolle hinein und verschwand. Plötzlich begann der Flügel zu spielen, und über seine Tasten, vor denen niemand saß, ging dabei ein gespenstisches Zittern.
Es war Musik von Toch, Münch und Hindemith. Ein Dutzend Etüden (Etüden für eine Maschine?!) Es klang enorm schwer, sehr gehämmert und ging meist äußerst schnell. Und es war - was wir als Musiker ja ehrlich zugeben können - recht langweilig.
Später wurden noch zwei Stücke von Debussy und Skriabin vorgetragen, die diese Komponisten selbst für ein mechanisches Klavier (vermutlich ein anderes, da diese ja schon geraume Zeit tot sind) eingespielt haben. Das hörte sich allerdings bedeutend besser an; freilich steckte da auch viel mehr reine Musik drin. Man spürte auch die persönliche Anschlagskunst heraus und so etwas wie Individualität.
Dann hielt Herr Stuckenschmidt seinen Vortrag. Ich bin kein Gegner der mechanischen Musik, vertrete ihre Bedeutung sogar ganz energisch - aber ich meine: so arg wie der Redner die bisherigen «unmechanischen» Musikzustände darstellt, sind sie denn doch nicht. Daß die individuelle Reproduktion durch einen Künstler zur «Verstümmelung des Kunstwerkes» führe, ist doch eine zelotische Ansicht. Ich finde sogar einen besonderen Reiz darin, ein Tonstück in verschiedener «persönlicher» Auffassung vorgetragen zu hören; es ist das ja gerade eine Eigentümlichkeit der redenden Künste, daß sie eine mannigfache Interpretation zulassen.
Nehmen wir an, Beethoven hätte die «Appassionata» selbst für das Steinway-Welte-Klavier gespielt. Das wäre heute für uns fabelhaft interessant. Aber wenn man mich vor die Wahl stellte, ob ich nun die Appassionata mir eine Woche lang täglich «authentisch» vorspielen lassen wolle, oder lieber der Reihe nach von Lamond, Schnabel, Ansorge, Giesching, Elly Ney, Friedberg, Erdmann - ich würde (trotz Beethoven) das letztere vorziehen! Denn hier geht etwas Lebendiges vor sich, etwas, wobei ich mich selbst innerlich beteiligen kann. Bei der Maschine bin ich bloß «Zuhörer».
Man möchte die Frage aufwerfen: ist die mechanische Musik - wie sie in diesen Kreisen aufgefaßt wird - überhaupt noch Musik? Oder nicht vielmehr etwas Andersgeartetes: ein seelenloses, «abstraktes» Klangspiel?
Die Entwicklung kann natürlich nicht gehindert werden. Warten wir ruhig ab, was aus der Richtung der Musikmechaniker (sit venia verbo!) uns beschert wird. Die Erörterung dieser Fragen hat ja noch Zeit!
An die Vorträge schloß sich eine Diskussion. Solange sich nur die Musiker daran beteiligten, blieb man wenigstens unmittelbar bei der Sache. Dann meldeten sich jedoch die Herren von der bildenden Kunst - auch eine Tänzerin - zum Wort, und da wurde es schlimm. Als die Novembergrüppler bei ihren Spezialinteressen angelangt waren, zogen sich die Musiker zurück. Denn sie waren ja wegen des mechanischen Klaviers gekommen. ...
Schliepe."