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Weißbierausschank im Hinterhofgarten - Garten der Berliner Weißbierbrauerei Gabriel & Jäger
  • © Urheberrechte am Werk erloschen
    • Franz Skarbina (1849 - 1910)

  • TitelWeißbierausschank im Hinterhofgarten - Garten der Berliner Weißbierbrauerei Gabriel & Jäger
  • Datierungum 1878
  • GattungGemälde
  • MaterialÖl auf Leinwand
  • Masse125,2 x 200,5 cm (Bildmaß), 137,6 x 213 x 9 cm (Rahmenmaß)
  • Stempel/Signaturunbezeichnet
  • KonvolutSammlung Dr. Jörg Thiede
  • InventarnummerBG-M 12086/14
  • CreditlineBerlinische Galerie - Zustiftung der Dr. Jörg Thiede-Stiftung, 2014
  • AusgestelltNein
Beschreibung
Weitere Abbildungen

In diesem anekdotenreichen Genrebild, das vermutlich auf die späten 1870er Jahre, d. h. vor Skarbinas erstem Paris-Aufenthalt 1882/83 und der Begegnung mit dem französischen Impressionismus, zu datieren ist, erweist sich der Maler als Schilderer eines bürgerlichen Großstadtamüsements, wie es zeitgleich die französischen Impressionisten zum Thema ihrer Werke machten. Das weltmännische Flair in den Bildern der Franzosen wich bei Skarbina jedoch einer eher gemütvollen Darstellung harmlosen Vergnügens, wie sie noch im Spätbiedermeier anzutreffen war und die Bebilderung der illustrierten Wochenzeitung „Die Gartenlaube“ mitprägte. Für sie zeichnete auch der frühe Skarbina.

In einem Hinterhof, umgeben von hohen dreistöckigen Mietskasernen,eröffnet sich dem Betrachter wie auf einer Bühne das Treiben eines Weißbiergartens: die Gäste sitzen in kleinen Gruppen an einfachen Tischen unter einigen Bäumen, deren zarte Blüte den Frühling ankündigt. An einem blau-weiß gestrichenen Mast hängt die Deutsche Reichsflagge, die vermutlich erst später (von fremder Hand?) hinzugemalt wurde. Der Mast vollendet die kleine Reihe von Gaslaternen, die den Hof bei Dunkelheit erleuchten werden - sie gehörten ab dem frühen 19. Jahrhundert zum Berliner Straßenmobiliar und bekamen ab 1882 Konkurrenz durch die ersten elektrischen Glühlampen. Die Bestuhlung wurde aus der Gaststube, die wahrscheinlich am Standort des Betrachters anzusiedeln ist, ins Freie versetzt: erst um 1900 waren die praktischen, gut verstaubaren Klappstühle und -tische generell in Gartenlokalen üblich. Links trägt der schwarz befrackte Kellner diensteifrig das kühle Nass in sogenannten Klauen-Gläsern heran, die um 1845 anstelle des bisherigen „Stangenglases“, das dann nur noch in Potsdam verwendet wurde, in Umlauf kamen und mit beiden Händen umfasst werden musste - erst ab ca. 1880 wurde auch das bis heute übliche Glas eingesetzt - eine halbkugelförmige Schale mit langem Standfuß (sog. Weiße-Pokal). Vom linken Bildrand überschnitten ist eine hölzerne Remise mit dem Biervorrat. Davor stapelt sich auf einem Holztisch, unter dem sich ein Hund über Essensreste hermacht, das Geschirr. Hier schenkt ein Mann aus einer Kruke Berliner Weißbier ein, das im Gegensatz zum Bayerischen Lagerbier nicht aus dem Fass verschenkt wurde.

Skarbina verharrte hier nicht bei einer oberflächlichen Schilderung eines Biergartens, eines Etablissements, das sich im Laufe des 19. Jahrhunderts auch in Berlin, parallel zu dessen Wandlung von einer provinziellen Residenzstadt zur Reichsmetropole und parallel zur Entwicklung der Bierherstellung, herauskristallisierte. Der Maler betrieb hier darüber hinaus eine soziologische Studie: penibel und doch liebevoll schilderte er das Verhalten der einzelnen Besucher, von der Großmutter, die an ihrem Strumpf strickt - eventuell eine Vorwegnahme der alten Dame aus Skarbinas Gemälde „Am Ofen“ von 1897 -, während ihr männliches Gegenüber Bier und Zigarre genießt, bis zum bierseligen Mann, der sein leeres Glas erhebt, und zum älteren Herrn am Stock, der im Hintergrund gerade die Lokalität verlässt, um seine Notdurft zu verrichten. Rechts vorne ist ein junges Liebespaar dargestellt, das sich von der übrigen Gesellschaft separiert hat und dem das Gespräch wohl wichtiger ist als das Bier, von dem auch der Zeitung lesende Herr hinter dem Kellner kaum Notiz nimmt. Bald wird sich der Hof weiter füllen, denn hinten sind unter einem Toreingang schon die nächsten Besucher erkennbar. Die Szene in der Mitte des Vordergrundes tritt, wenn auch leicht variiert, in Skarbinas Ölbild „Kartenspielende Spießbürger“1 von 1878 auf, das aber nur einen Ausschnitt aus einem Weißbiergarten zeigt.

Skarbina beließ es hier zwar nur bei der Darstellung verschiedener Typen, doch deren Verhalten untereinander lässt auch Rückschlüsse auf das Leben in einer Großstadt zu, das durch Entfremdung und Anonymität gekennzeichnet ist: so gibt es etwa unter den Figuren in Skarbinas Bild - bis auf das Liebespaar - keinen Blickkontakt. Skarbinas Bild zeigt darüber hinaus auf, wie nach der Reichsgründung 1871 nicht nur die Bevölkerung zunahm - die neu ankommenden Gäste werden an den ohnehin schon restlos besetzten Tischen kaum mehr Platz finden -, und wie infolgedessen auch der Konsum an Genussmitteln wuchs. Skarbina konzentrierte sich hier auf eine möglichst naturgetreue bis satirisch überzeichnete Schilderung eines sonntäglichen Vergnügens und nicht auf die Wiedergabe einer atmosphärischen Stimmung mittels Licht, Luft und Farbe im Sinne des Impressionismus. Dem trägt auch die lokalfarbenmäßige Palette, die noch keine impressionistische Leichtigkeit hat, Rechnung.

Die Herstellung des Weißbieres, von dem schon Napoleons Soldaten als „Champagner des Nordens“ schwärmten, begann in Berlin um die Mitte des 17. Jahrhunderts; dabei hing die spezielle Entwicklung des weißen Bieres zur typischen Berliner Weiße vermutlich mit Einflüssen der Hugenotten zusammen: denn den in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nach Brandenburg-Preußen übergesiedelten französischen „réfugiés“ soll das braune, nur unter Verwendung von Gerstenmalz zubereitete Bier zu schwer gewesen sein, so dass sie in den von ihnen errichteten Braustätten ein leichtes Weizenbier einbrauten. Die klassische Berliner Weiße, ein nicht lange haltbares, obergäriges Schankbier aus Gersten- und Weizenmalz mit einer Stammwürze von sieben bis acht Prozent und einem Alkoholgehalt von ca. 2,8 Prozent hat sich offenbar erst im 19. Jahrhundert entwickelt und wurde bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in speziellen Brauereien hergestellt. Sie wurde einen Tag nach dem Brauen an den Bierschänken, in Weißbierstuben und -gärten verkauft. Für die „unteren Zehntausend“ gab es auch die billigeren Stehausschänke („Bierbudiken“). Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde allerdings das echte untergärige bayerische Weißbier beliebter als das bislang in Berlin gebraute obergärige. Gab es 1844 zwölf Weißbierbrauereien in Berlin, so 1870 bereits 16 mit einer Häufung am Prenzlauer Berg nach der Reichsgründung 1871. Mit 51 erreichte ihre Zahl um 1905 bei gut zwei Millionen Berliner Einwohnern ihren Höhepunkt.

Der von Skarbina gezeigte Biergarten ist sicherlich derjenige der Berliner Weißbierbrauerei Gabriel&Jäger an der Choriner Straße/Ecke Zehdenicker Straße am Prenzlauer Berg, der ab den 1880er Jahren eine rege Bebauung erfuhr2 - ab den 1860ern wurden hier drei- und mehrstöckige Häuser gebaut, die ab den 1870er Jahren auch mehrgeschossige Hinterhäuser und Seitenflügel erhielten. Mit dem Bau der Mietskasernen im Zeitalter der Industriealisierung entstand hier einer der typischen Berliner Arbeiterbezirke. Die Bebauung des Areals mit Brauerei und Wohngebäuden wurde jedoch erst ab 1875 in teilweise unverputzter Ziegelbauweise wie auf Skarbinas Gemälde ausgeführt, so dass es also frühestens ab diesem Zeitpunkt entstanden sein könnte. Wahrscheinlich wurde das Gebäude im Bildhintergrund mit der Ausfahrt zur Choriner Straße später in Ziegelweise errichtet, und es gab zunächst die provisorische Remise und den Altbau Choriner Straße, der dem Zimmermeister Meyer gehörte und der 1878 an Gabriel&Jäger veräußert wurde. Die Brauerei Gabriel&Jäger, deren Mauern vor wenigen Jahren komplett abgerissen wurden, existierte von ca. 1874 bis 1913 und hat möglicherweise das Gemälde selbst als künstlerisches Dokument der eigenen Geschichte in Auftrag gegeben. Die Brauerei selbst wurde erbaut von Friedrich Wilhelm Gabriel und Otto G. F. Jäger. Heute entstehen hier die „Choriner Höfe“ - ein Komplex von Neubauwohnungen und Gewerbeeinheiten.
1 Privatsammlung; Abb. in: Margit Bröhan: „Franz Skarbina“, Berlin, 1995, S. 12
2 siehe Abb. Nr. 73, S. 128 in: Gerolf Annemüller, Hans J. Manger, Peter Lietz „Die Berliner Weiße - ein Stück Berliner Geschichte“, Berlin, 2008