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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
  • Date30.07.1915
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount2 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 791/79
  • Other NumberBG-HHE I 6.17
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
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„30. Juli 1915
Warum, Liebste, sollte ich wohl über Deinen Brief lächeln? ironisch. (Schon in Deinem ersten Brief schriebst Du, ich hätte Dich »ausgelächelt«. Dachtest Du, ich hätte z. B. auf dem Bahnhof gelächelt? Alles andre als das - aber bei mir siehts leider leicht aus, als lächelte ich (selbst wenn ich heule). Gestern habe ich nicht arbeiten können. Ich dachte so um Mittag: jetzt schreibt Sie dir. Und Nachmittag ging ich spazieren nach Lichterfelde, bis zum freien Feld, um 1/26 Uhr. Da war’s wieder so. Und ich konnte vor Herzklopfen nicht weitergehn, ich konnte durchaus nicht über’s freie Feld - weil mich das dann wohl zu sehr hätte an Gotha denken lassen. Heute bestand meine Leistung nur in Leinwandaufspannen und grundieren. Aber ich dachte über meine Arbeit nach. Wenn Dir die Welt anders aussieht als mir: siehst Du, Du bist zuhause. Und das muß für Dich trotz allem schön sein. Ich sitze hier und seit ich vom Bahnhof am vorigen Montag zurückkam ist es hier, wirklich und wahr, Herbst geworden. - Ich denke schon dran, in paar Wochen vielleicht nach Eisenach zu fahren. Nicht leichtsinnig. Aber vielleicht doch. Und mit dem, was ich über Flaischlen[1] sagte, hab’ ich Dir doch nicht weh getan? Schreib mir für Montag.
Dein R.

Hans Reimann hat eine Groteske geschrieben.
Beim Augenarzt.[2]
Da will ich nun herauskriegen, er hat woll einen Vetter der Augenarzt ist. Und will den verkohlen. Oder was. Oder will er den Mann dämlich machen, der jawoll, mit den besseren oder den schlechteren Augengläsern weder besser noch schlechter sehen kann. Worauf ihn der Vetter totschlagen, tot! schlagen! muß. Muß. Mit dem Kohlenhaken; denn er paßte ihm doch grade Augengläser auf. Den unschuldigen Mann totschlagen mit dem Augenhaken. Ich fürchte sehr, der Vetter Augenkohl hatte so’n schlechten Witz, wie sein Vetter, der Reimann, der schweigen sollte. Besser. Oder schlechter.
29. Juli. 1915 R. Hausmann

Das schrieb ich gestern Abend, nachdem ich die Aktion gelesen hatte und sie wieder mal recht ohne Salz fand. Übrigens was schönes von Jammes[3] drin, und ein entsetzlicher Blödsinn von Friedlaender[4]. Ich sende Dir nächstens einen Pack Zeitschriften: soll das nun officiell werden? Gnädiges Fräulein? Und einen schönen Gruß von Ihrem sehr ergebenen R. H.?
(Mußt Du nicht Berlin-Stegl. schreiben? auf Briefen.)
Siehst Du Dir auch manchmal Jisanka chu[5] an? Und hast Du schon wieder mal in die Blüte des Chaos[6] geseh’n? Ich hätte noch so viel Sachen für Dich.


30. Juli 1915.
Ich liege mit geschlossenen Augen.
Ich höre den Wind rauschen
Ich höre einen Vogel singen
Schüchtern.
Er singt:
Seit Sie fortfuhr
Deine Liebe
Ist es Herbst geworden.
Was hier Welt war
Kann nur mehr noch scheinen.
Ich liege mit geschlossenen Augen.
(Verzeih mir dieses »Gedicht«. Es ließ mir aber keine Ruhe.)“


[1] Cäsar Flaischlen (1864-1920). Lyriker, Erzähler und Dramatiker. 1895-1900 Schriftleiter der Zeitschrift Pan. [2] In: Die Aktion. 5.1915, 29/30 (24. Juli 1915). Hans Reimann (1889-1963). Hg. satirischer Zeitschriften, Schriftsteller, Verfasser grotesker und satirischer Prosa. [3] Francis Jammes: Pflanzen, ebda. [4] Salomo Friedlaender: Der Armleuchter als Handtuchhalter; ebda. [5] Japanische Schrift aus dem 18. Jahrhundert, die Hausmann 1912 aus der Sammlung Succo erwarb. Er schenkte sie Hannah Höch am 16.7. 1915. Die Schrift befindet sich heute im Besitz der Erben. [6] Alfred Mombert: Die Blüte des Chaos. Minden, 1905. Raoul Hausmann schenkte ihr dieses Buch anläßlich ihres Geburtstages, am 1. November 1916 (vgl. Bolliger 1980, S. 11).