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[Dies ist die Weihnacht des Friedens...]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Johannes Baader (1875 - 1955)

  • Title[Dies ist die Weihnacht des Friedens...]
  • Date26.09.1916
  • CategoryManuskripte
  • ClassificationTyposkript
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Amount4 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC H 2231/79
  • Other NumberBG-HHE I 8.69
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„Dies ist die Weihnacht des Friedens,
da über der Sternkugel
Erde leuchtet
die Pracht des strömenden Samens, den
das Dreieck der Sterne ausstößt, das ich hier
zeichnete. - Unter dem blühenden Strahl dieser Fackel grub ich am Morgen des 26. September 1916 das Wort in den Mutterleib unserer Erde:

DIE MENSCHEN SIND SCHAUSPIELER DER EWIGKEIT. ALLE MENSCHEN ZU ALLEN ZEITEN
CASSIOPEIA
EPSILON PERSEI
CAPELLA BAADER ZETA PERSEI
BETA AURIGAE ALKYONE IM KREIS DER PLEIADEN

Dies gilt für die Menschen des Siebentafel-Epos Enuma Elisch[1] und das Gilgamesch-Epos[2]/ des Rigveda[3] und der anderen drei Veden/des Yih-king[4]/ des Shu-king[5]/ des Shi-king[6]/ des Li-ki[7] und des Ch’un-tsi[8]. Ich kenne auch die Geschichte und die Briefe von Tell-el-Amarna[9]/ die Reden des Schairs Bileam[10], des Sohnes Beors aus Petor/ das Awesta[11] und den Bundahishn[12] und den Bah- man Yasht[13]/ das Mahabharata[14] und das Ramayana[15]/ die alten und die jüngeren Upanishaden[16]/ das pitakam[17] mit dem Dighanikaya[18]/ die Sagen von Moses und vom Zuge des Urvaters Abraham über Haran nach Urusalim und Aegypten/ das Alte und das Neue Testament/ die Weissagungen des Ephesers Johannes in der Offenbarung Johannis, und des Tarsers Paulus in dem Brief an die Saloniker, Uber das Wiederkommen des Antichrists (Nero)/ die Märchen von Tausend und eine Nacht/ die Geschichte der Gründung von Lha-sa[19]/ den Qoran[20]/ den Kreis der Geburtsfabeln von Alexander dem Großen bis Djin- gizkhan und Timur[21]/ die Eddalieder[22]/ das Beowulf-Epos[23]/ die Nibelungen/ den Lehrsatz der Wahren Jodo-Sekte[24] in Japan/ die Teokalli[25] von Mexiko/ die Altäre von Copan[26]/ und das Gottesreich der Inka von Cuzco/ die Kräfte derAngekoks[27]/ und die Erzählung der Mosetene-Indianer[28] von der Milchstraßen- schlänge »Myo«/ den Tangaloa der Samoaner[29]/ und die Einbildungen der Männer und Frauen und Kinder, die wohnen mit ihren Königen und Priestern vom Sudan bis an das Kapland. - Ich kenne das Werk Doktor Martin Luthers und die Gedanken des Zarathustra-Nietzsche/ und des Doktor Salomo Friedländer (Mynona).
Homer und Hesiod/ Lao-tsze/ Augustinus/ Meister Eckehart/ Alesander VI.[30]/ Julius II.[31]/ Leo X.[32]/ Ignatius von Loyola[33]/ Keppler/ Francis Bacon genannt »Shakespeare«[34]/ Junius[35]/ Ludwig xiv./ Napoleon/ Goethe, Schiller/ Walt Whitman/ Dostojewski/ Strindberg/ Cecil Rhodes[36]/ Briand[37]/ Yuan-shi- kai[38]/ Rasputin/ Venizelos[39]/ Casement[40]/ Wilson/ - Und den Homo Mousteriensis Hauseri[41].
Ich kenne sie alle und es gilt für sie alle:
DIE MENSCHEN SIND SCHAUSPIELER DER EWIGKEIT.
ALLE MENSCHEN ZU ALLEN ZEITEN.
Im dritten Jahr des Weltkriegs, am 26. September 1916.
BAADER
227 000 000 000 000
227000 Milliarden Moleküle gehören nach dem Bericht von Adolf Koelsch[42] über die Forschungen von Franz Hofmeister[43] dazu, um den astronomischphysikalischen Bau einer einzigen Zelle der menschlichen Leber aufrecht zu erhalten. Und doch ist die Zelle der menschlichen Leber nur so groß als der Raum eines Würfels, dessen Seiten
ein fünfzigstel Millimeter lang sind, so daß also zwei solche Zellen zusammengelegt, mit ihrer fabelhaften Ordnung von insgesamt 454000 Milliarden Molekülen, erst einen Körper darstellen, der eben noch mit dem bloßen Auge als winzigstes Stäubchen wahrgenommen werden kann. Aber von diesen 454000 Milliarden Molekülen, die er enthält, bildet jedes für sich ein geordnetes Welthaus mit Elektronensternen und Atomsonnen. Doch es wird uns kein Forscher der Welt jemals erschöpfend erzählen, wie es in solchen Abgrundtiefen des Weltalls zugeht, und nur dieses Eine mag festehen, daß es ein Oberflächengerede bliebe, wollten wir diese inneren Welthäuser »klein« nennen, denn mit dem gleichen Zwang müßte einer der Milchstrasse Umkreis »klein« nennen, der durch den Rand seiner Sterne hindurch, und so weit von ihm fortgeflogen wäre, daß er dessen Bezirk nur noch als wie ein Stäubchen am Himmel sähe. Denn kommt er zurück von dem Flug und nähert sich wieder dem Stäubchen, so wächst daraus auf seine Welt, und aus dem nichtigen Punkt, den er sah, entfaltet sich Alles, das ist, Beides: Erde
und Himmel.
Jeder Mensch ist ein Geheimbund unzähliger Wesenheiten, Völkerschaften und Staaten, die im wirklichen Sinne des Worts unter einer gemeinsamen, verborgenen Oberleitung stehen und ihr gehorchen. Und keines der Wunder in ihrer oberen Welt würde geschehen ohne ebenso hohe und höhere Wunder in ihrer Tiefe.
Auch die Kämpfe der Nationen und Religionen, der Parteien und der Erwerbsgesellschaften, gleichwie der tägliche Kampf der Geschlechter, sind Dichtungen und Bühnenschauspiele, von der Ewigkeit eingegeben und vorgespielt vor sich selbst in den zahllosen Zuschauern, die in allen Atomen sitzen, aus denen sich die unendliche Bühne und das endlose Schauhaus
der Welt aufbaut.
Es spricht die Ewigkeit:
Dem aber, der heute noch an den Tod glaubt, wo das Leben lebendig durch alle Atome der Welt braust, und diese Atome Weltmeere sind, voll ewigen Glanzes, dem rufe ich zu:
Es gibt keinen Tod für den Menschen, dem das Wunder »Geburt« ein Zusammentreten lebend vorhandener Welten zu spielendem Chorgesang ist, denn er findet im »Tod« nur das Ende des einen Chors, und das Bereitgestelltwerden zum Reigen und Chorgesang eines neuen.
Und das Nirwana redet:
Dies, lieber Gotama, ist die Erlösung vom Tode:
Jede Mutter ist von Staats und Rechts wegen instand zu setzen, ihr Kind zu einem freien Staatsbürger erster Ordnung zu machen.
Für den Starken gibt es kein Leiden.
THAI-KIH
Die Menschen sind Schauspieler der Ewigkeit und die Gedanken der Menschen sind die Anweisungen der Ewigkeit an ihre Schauspieler.
Die Trennung in Einzelnes und die Verschiedenartigkeit seiner Anschauung besteht nur im Sinne des Spiels als eine Einrichtung zur Unterhaltung der ewigen Kurzweil.
Die Ewigkeit ist ein und dasselbe mit ihrem Schauspieler, nicht nach der Form, aber nach dem Inhalt.
Das Tao ist das vollkommene Leben der Ewigkeit.
Die Maya ist die scheinbare Unvollkommenheit, in der wir spielen.
Der Thai-kih ist der Gipfel, unter dem Alles lebt in Tao und Maya.
Baader
SPIELSACHEN
Du sollst dein Bestes erzwingen im Ausgleich aller deiner inneren und äußeren Notwendigkeiten.
Nichts Anderes geht vor sich als solch ein Krieg wie dieser »Weltkrieg«, wenn die königliche Schaar der Samen im blutumwobenen Grunde der Mutter werdenden Göttin Menschweib den Weg sucht zur Neugeburt eines majestätischen Weltstaats.
Es gibt nichts Unheiliges, wo die zwei Welten Mann und Weib, Gott und Göttin, ineinanderfließen. - Es gibt nichts Unheiliges, weder für tao noch für maya.
Es ist unmöglich, das Zusammenleben der Menschen, die Weltgebirge und Himmelskörper geworden sind, noch fernerhin »Ehe« und »Familie« zu nennen, ausgenommen es wäre in einer völlig neu gewordenen, himmlischen Ordnung.
Wenn die maya zu einem Kunstwerk gestaltet werden soll, hat man dies und das auszumerzen, wie der Künstler von seinem Marmorblock dies und das ausmerzen muß, will er aus ihm das Bild herausholen, das er sich vornahm. Der ausgemerzte Marmor ist darum nicht schlechter als der Beibehaltene, und nur um der Schöpfung des Bildes willen muß er zu Schutt werden. Nicht im tao, aber in der
MAYA.
Dies aber sei der künftige Gottesdienst in allen Kirchen, Schauhäusern, Werkstätten und Schulen:
GROSS IST DEIN LEBEN, O EWIGKEIT!
UND WIR BETEN DICH AN IN ALLEN DEINEN GESCHÖPFEN!
ALS DIE MIT DIR EINS SIND!
IN EWIGKEIT! AMEN!“

[1] Enuma eliscb: Babylonisches Lehrgedicht von den Göttergenerationen.
[2] Gilgamesch-Epos: bedeutendstes Werk der babylonischen Literatur, Ende des 2. Jahrtausend v. Chr.
[3] Rigveda: ältestes Literaturdenkmal Indiens. Der in altertümlichem und kunstvollem Sanskrit abgefaßte Rigveda bildet die erste der vier Sammlungen des Weda. Um 1000 v. Chr.
[4-8] Konfuzianische Klassiker, die kanonische Geltung erlangten.
[9] Tal-al-Amarna: Ort und ausgedehnte Ruinenstätte in Ägypten. Wurde 1911-1914 ausgegraben. Die gefundenen Tontafeln mit babylonischer Keilschrift sind die wichtigste Quelle für Palästina und Syrien vor der israelitischen Einwanderung.
[10] Bileam: Seher zur Zeit der Landnahme Israels, um 1200 v. Chr.
[11] Awesta: Sammlung der heiligen Schriften der Anhänger der zoroastrischen Religion (Parsismus), abgefaßt in altiranischer Sprache, dem Awesti- schen. Die ältesten Teile gehen auf den Religionsstifter Zarathustra selbst zurück.
[12] Bundahishn: Eine der beiden großen kompilatorischen Enzyklopädien der Zoroastrier, anonymes Werk, in mittelpersischer Sprache verfaßt, vermutlich Ende 9. Jh. v. Chr.
[13] vermutlich Brahman: Begriff der indischen Philosophie.
[14] Mahabharata: indisches Epos. Älteste Teile aus dem 4-/3. Jh. v. Chr., vor-buddhistisch, bedeutende Quelle des frühen Hinduismus.
[15] Ramayana: indisches Epos. Älteste Teile aus dem 4-/3. Jh. v. Chr.
[16] Upanischaden: philosophisch-theologische Abhandlungen des Brahmanismus im Anschluß an die Weden. Die älteren, im spätwedischen Sanskrit verfaßten U. vermutlich um 800-600 v. Chr.
[17] vermutlich Pitaka: Bezeichnung für Teile des buddhistischen Kanons. [18] Dinghanikaya: erster Abschnitt des suttapitaka, des Kanons des Therawada- Buddhismus, in dem der Tod des Buddha geschildert wird.
[19] Lhasa: Hauptstadt Tibets, ehemaliger Sitz des Dalai-Lama.
[20] Qor’an: Koran, heiliges Buch des Islam.
[21] Timur (1336-1405), türki- sierter Mongole, durch seine Grausamkeit berühmt gewordener transoxanischer Herrscher.
[22] Edda: Werk der altisländischen Literatur.
[23] Beowulf-Epos: altenglisches Stabreim-Epos.
[24] Jodo-Sekte: vermutlich Dschodo, japanische Schulrichtung des Buddhismus.
[25] Teokalli: Tempelpyramiden der alten Mexikaner.
[26] Copan: bedeutende Ruinenstätte der Mayas.
[27] Angekoks: Zauberpriester der Eskimo für Schamanismus.
[28] Mosetene-Indianer: Indianerstamm in Ostbolivien, mit isolierter Sprache. [29] Tangaloa: Meeres-, Himmels- und Schöpfergott der Polynesier, dessen Kult sich von den Gesellschaftsinseln vermutlich vom 7. Jhdt. an über Polynesien verbreitete.
[30] Alesander vi.: Alexander vi. (1431-1503), seit 1492 Papst.
[31] Julius 11. (1443-1513), Mäzen und Förderer der Kunst, Papst seit 1503. [32] Leo x. (1475-1521), Papst seit 1513, Freund der Humanisten und Mäzen der Künste, verhängte 1521 den Kirchenbann über Luther.
[33] Ignatius von Loyola (1491-1556), Katholischer Ordensgründer. In seinen Schriften zeigt sich als Quelle seiner Aktivitäten eine »Mystik des Dienens«. [34] Seit der Mitte des 19. Jh. gab es Versuche, die unter dem Namen Shakespeare veröffentlichten Dramen anderen Personen zuzuschreiben, so auch Francis Bacon.
[35] Junius: anonymer Verfasser der Briefe des Junius (1768-1772). Setzte sich kritisch und polemisch mit der politischen Führung Großbritanniens auseinander.
[36] Cecil Rhodes (1853-1902), britischer Politiker, Vertreter der britischen imperialen Idee.
[37] Aristide Briand (1862-1932), französischer Staatsmann. Setzte sich für eine gemäßigte Außen- und Innenpolitik ein.
[38] Yüan-Shi-Kai (1859-1916), chinesischer General und Politiker, letzter kaiserlicher Premierminister. Wurde 1912 Präsident der Republik. Proklamierte sich im Dezember 1915 zum Kaiser, mußte aber wegen Aufständen im Süden der Republik auf Thronbesteigung verzichten.
[39] Eleftherios Venizelos (1864-1936), griechischer Politiker. Mitbegründer des modernen griechischen Staatswesens. Wurde 1915 wegen Entente-freundlicher Politik zum Rücktritt gezwungen. Rief am 16. Oktober 1916 eine provisorische Regierung aus und erklärte nach dem Rücktritt Konstantins I. den Mittelmächten den Krieg.
[40] Sir Roger David Casement (1864-1916), irischer Freiheitskämpfer. Suchte nach Kriegsausbruch in Deutschland Unterstützung. Wurde von britischen Behörden am 3. August 1916 wegen Hochverrats hingerichtet.
[41] Kaspar Hauser (angeblich 1812-1833) Findelkind unbekannter Herkunft. [42] Adolf Koelsch (1879-1948), naturphilosophischer Schriftsteller, Naturwissenschaftler.
[43] Franz Hofmeister (1850-1922), Professor für physische Chemie an der Universität Straßburg.