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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, Berlin
  • Date28.07.1916
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount4 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 800/79
  • Other NumberBG-HHE I 8.35
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„Hannah zur Reise / 31. Juli 1916. / »Gedanken, die sich ändern / sind wahr« / Laotse /

Nicht die Erstbeste dem Erstbesten
Es sind Frauen wie Bienenköniginnen große Jungfrauen, die geben sich nur einmal und nur Einem hin - alle Ändern weisen sie zurück, ihr ganzes Leben warten sie auf den Einen. Der ist der Vater ihres Kindes. Wieviel Mut muß ein Mann zu solcher Frau haben. Er ist nur ein Mann und das Kind wird Sie gebären. Das schreit in ihr - bis der Mutige, Starke kommt, der vor nichts Angst hat. Das ist der Sinn des Krieges »des Mannes ist hier wenig, darum vermännlichen sich ihre Weiber« - Kinder kamen ihnen nur im Schlaf. So viel Schlechtgeborne müssen in Blut ertrinken für eine reinere Zukunft. Gold und Maschine, Ruhe und Bürgerlichkeit fressen den Menschen. Der Mensch muß sich besser erkennen.
28. Juli 1916.
Nichts begraben, was unklar blieb.
An Dir habe ich erst erfahren, was für Frauen es geben kann, gibt, und was ich als Mann bin. Aber da ich das vor Deinen Augen erkannte, da Du Zeugin meiner Erkenntnis warst - mußt Du auch erkennen, daß ich nach diesem großen Mut auch den Mut haben werde und habe, Zerwürfnisse zwischen uns nicht nur von mir aus zu sehen - Du mußt endlich erkennen, daß jedesmal, wenn Uneinigkeit zwischen uns zu entstehen beginnt, Du ganz vergißt, daß ich unsere inneren Notwendigkeiten, unsere tiefsten Geheimnisse erraten, erfühlt und Stärke und Reinheit in unser Leben gebracht habe - daß eben ich den Mut, den königlichen Mut zu Dir gehabt habe - Kein Anderer. Du mußt Dich erinnern, daß Du für mich den Tod überwunden hast - und dann müßtest Du Deine Ruhe bewahren, die Sicherheit haben, daß ich diese geringen Dinge unbedingt einsehen werde - wie ich schon große und schwere Dinge einsah. Du mußt wissen, daß Du mit dieser Sicherheit mich leiten kannst, zu Dir - wenn Du Angst hast »weil jedesmal etwas passiert« dann hebst Du zuerst unser Gemeinsames auf. Und wie ich mich dann auch bemühe, es kann mir dann nicht immer gelingen, uns ungetrennt zu erhalten {nie gelang mir das nicht nicht) mit Notwendigkeit reiße ich dann uns Beide in den Abgrund, an dessen Rand Deine Angst mich stößt. Du mußt mir doch helfen, meine Fehler auszugleichen!
Worte wechseln, aber Einigkeit wahren.
Auch wenn es sich um eine Spritze oder einen Zahn handelt, sollst Du gewiß sein, daß meine Erfahrung und die Gründe, warum ich Dich damit »quäle« ebenso gut sind wie Deine, daß ich in manches mehr Einsicht habe und nur Dein Bestes will. Wenn Du meiner sicher wärest, könnte mir nichts passieren. Denn ich kann nicht glauben, daß Du mir niedrige Streitlust zutraust. Ich will es nämlich nicht glauben. Du sagst, Du mußt alles herunterschlucken, ich käme von einem Zahn auf Deine Mutter und Kinder gebären - wenn Du auf den irgendwie wohl doch vorhandenen Zusammenhang bautest, Du brauchtest nichts zu schlucken. Sieh, unsere Pflichten gegeneinander sind gleich, keiner soll den Ändern loslassen, Deine Angst vor solchen Dingen aber ist Loslassen. Und in Deiner Angst, Du Kind, läufst Du so weit fort, jedesmal sehe ich alles, was uns verbindet, versinken - und dann laufe ich auch nach der anderen Seite. Sieh, Du sollst nicht glauben wollen, daß ich dich eigensinnig vergewaltige, - aus Stolz sollst du das nicht glauben.

Aus Stolz,
Wir sind
Nicht die Erstebeste
Nicht der Erstebeste -
Wir sind Hohe, Edle
Wir machen die Welt leuchten
Meine blaue Lilie
Stolz, stolz -
Empöre dich nicht
Gegen Deinen schwarzbraunen Erdboden
Deinen Vaterboden -
In den sind alle Deine Geheimnisse gelegt
Gottblumen wachsen Dir darauf.
Laß mich Deinen Verwandt-Verwandelten sein
Deinen Adler

»Riß- und schwebte«
»Es war mein Vater«
Der Dich pflanzte in die Erde seines Herzens.
Nun fühle
Wie Du Wurzeln schlägst
Nun fühle
Wie das Herz Dich in den hohen Himmel trägt.
30. Juli 1916
Nachts
Gieb mir ein kleines Zeichen - ich werde nichts mehr sagen, ich will ertragen lernen, daß Du mir viele kleine Dinge nicht glaubst. Glaube das Große!“