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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, Berlin
  • Date05.08.1916
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount2 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 804/79
  • Other NumberBG-HHE I 8.39
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„5. August 16.
Liebste
wie ich am Poststempel sah, gehen die Briefe 2 Tage. Du wirst schon gedacht haben, ich schriebe garnicht. - Ob aber in diesen Kriegszeiten überhaupt mit Sicherheit gesagt werden kann, der Brief kommt dann und dann an, weiß ich nicht. Also wollen wir uns nach Herzenslust schreiben, nicht nur antworten; sonst bekämen wir alle 6 Tage einen Brief! Wie wenig Du wiegst, das ist bißchen schlimm. Mache nur in der ersten Zeit keine großen Laufereien. Daß es ordentlich zu essen giebt, ist schön, und wenn Du kannst, iß nicht, sondern (friß) - Ich habe angefangen, etwas zu arbeiten. - Aber ich will ein Buch aus meinen losen Notizblättern zusammenstellen und einige Gedichte dazunehmen. Manches kennst Du noch nicht. Gestern früh schrieb ich:
Man sei politisch, ja, aber man sei dies nicht agitatorisch; man treibe die Politik der Gesetzeserfüllung aus der eigenen Seele und am eigenen Leibe. Ein bedenkenlos-aufrichtiges Leben ein Mensch, dies ist eine Potenz, ein Zwang, höchst politische Tat - aufklärerische Worte sind unfähig nur eine Hand, nur ein Herz, nur ein einziges Hirn umlenken zu können in neue Gewißheit! Man leiste das Ungeheure - oder schweige. Verschwinde.
Rubiner[1] fordert nämlich den politischen Künstler. Er hat einen Franzosen entdeckt, Jouve[2], der ein Buch schrieb, Vous etes les hommes. Aux freres enne- mies. Es ist was (ähnliches) wie Walt Whitman. Es ist wie ich Dir sagte, das Gesetz erfassen, unbedingt danach handeln, Gesetz und Zwang werden, aber das ist ja Politik - jede Handlung ist dann Politik.
Liebste, werde mir gesund, schön, stolz - wenn ich komme werde ich geblendet sein. Meinethalben mach Dir keine Sorgen - ich lasse mich nicht gehen und schwach will ich nicht werden - ich bin auch so hart, daß mir das von selbst nicht widerfährt! Nun sei froh der Sonne und des vielen Blau und der Lüfte!
Dein R.“

[1] Ludwig Rubiner (1881-1920), freier Schriftsteller in Berlin. Mitarbeiter an Franz Pfemferts Aktion und Rene Schickeies Weißen Blättern; Aufenthalt in Paris, während des 1. Weltkrieges in der Schweiz. Lyriker d. Expressionismus. [2] Paul Jean Jouves: Vous etes des hommes. Paris, 1915.