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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, Böckel (Westfalen)
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, Böckel (Westfalen)
  • Datierung19.08.1916
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang2 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 809/79
  • Andere NummerBG-HHE I 8.45
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

„19. August. 16.
Liebe, meine Briefe sind durchaus einfach zu verstehen. Ich dachte, es würde Dir schmerzlich sein, mich in Westfalen[1] zu wissen - nichts weiter wollte ich bitten mit dem »stolz sein«, »lieb schreiben« - als daß Du in Gewißheit auf mich warten würdest. Nicht in Ungewißheit und ich sehe, noch Schlimmerem. - Nebenbei, es giebt garnichts als pure Wunder von Sinn, die man Zufall nennt - dessen müßtest Du gerade bei mir sicher sein, Du dürftest nicht die Kleinheit oder Größe eines Anlasses unterschätzen. Hier die Dame des Hauses ist eine sehr eigentümliche Frau[2]. Sie schreibt, merkwürdige Dinge. Ich las etwas davon. Sie weiß sehr viel von dem, was das Wesen ist, ohne bis zum Mittelpunkt des Seins je gelangen zu können - aus rückwärtiger Gebundenheit. Aus Einschränkung des innersten Sein, des Ursprungs durch - Heimat. Es ist, als hätte ich dies hier so deutlich erst noch erfahren sollen, bevor ich wieder vor Dir stehe, weil ich in den Tagen, als ich allein war eben über diese Heimatgebundenheit bei Dir nachdachte - in dem Sinne: vor 4 Wochen sagtest Du mir, Du hättest einmal gefühlt, wenn Du nicht mehr warten könntest, würdest Du, wenn Du ihn wüßtest, den Besten um eine einzige Stunde bitten - woher hättest Du dann den Mut genommen, den Du jetzt nicht hast? Obgleich das wohl nur eine einseitig gefaßte Idee von Dir war - aber sie schließt doch Mut in sich - vor dem lebensten Leben willst Du die Augen schließen? Jeder Mensch lebt »nach dem Gesetz« nur graduell verschieden - bei mir mußt Du sicher sein, daß nur das Sinnvolle geschehen kann. Dann kannst aber Du - sehen. Verstehen. Bin ich Dir immer noch finster? Ja, soll ich nicht kommen?
Natürlich bekam ich Deine beiden Briefe ich verstehe sie wegen des Zweifels nicht, der daraus spricht! den Zweifel verstehe ich nicht! Morde ich lügenhaft?“

[1] Bei Herta König, auf dem Rittergut Böckel bei Bieren.
[2] Herta König (1884-1976). Dichterin, Mäzenin. Lebte in München und auf dem Rittergut Böckel bei Bieren (Westfalen). Aktive Pazifistin. Veröffentlichte u. a. Blumen: Gedichte. Leipzig, 1919; Die Kleine und die große Liebe. Berlin, 1920; Sonette. Leipzig, 1917.