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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, Osterholz bei Langballig
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, Osterholz bei Langballig
  • Date03.09.1917
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben, maschinengeschrieben
  • Amount1 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 782/79
  • Other NumberBG-HHE I 9.36
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„3. Sept. 17.
Ich brauche dringend die Manuscripte »Christus«[1] - ich besitze den Originaltext nicht mehr.
Du, und andre, (nach den im August gemachten Erfahrungen) scheint noch nicht zu wissen, wie ich bin - und wie Ihr seid. Nun sind alle darin einig »daß es mit mir nichts sei« - aber sollte das an mir ganz allein liegen, oder garnicht daran, daß Ihr andre Menschen seid? Was bin ich für ein Mensch? Nicht »Christus« - aber ich halte dafür, daß ich einmal mehr Bedeutung für die Menschen haben werde, als etwa Comenius[2], oder Böhme[3]. Wenn sich nicht herausstellen sollte - daß ich der einzige wirklich anti-europäische, materialistisch und »real« befangene Mensch bin, den es um 1918 gibt.
Daß ich zu Brutalität neige - wer muß die reizen? Ich bin nicht Buddha, der erhabne Erleuchtete, aber ich kämpfe gegen meine Brutalität. Und »unwahr«? Von Eurem Standpunkt aus? Kennt Ihr denn Eure ganze Wahrheit?
Meine Adresse: Osterholz, war Dir durch meinen letzten Brief vom 2.8.17 ja bekannt

[Rückseite Typoskript]
Die Friedrich Adler-Niederlassung[4[, ein Vorstoß zum wahren Staat, Erfüllung der Anarchie durch den befreiten Menschen, wahrend das Andenken des bisher aufrichtigsten Menschen unter der Herrschaft der Gewalt, Dr. Friedrich Adler. Aber wir bedürfen nicht der Gewalttat, sondern der Gewalt gleich Wucht der wahren Tat, vom Mittelpunkt der im Innersten gesammelten Kraft, Demut. Die Vorboten dieser Erkenntnis: Tolstoi, vor allem Dostoiewski. Jede Handlung, Äußerung in Beziehungen, des geeinigten Menschen ist heil und recht. Dostoiewski, in sich alle entscheidenden Zustände, Beziehungen erlebend, ganz unklar über ihre Bedeutung als Gegen - Spiel, Kampf Gottes mit dem Teufel im Menschen, steigert bald diesen bald jenen als Zar und Christus, Stawrogin und Sossima; nicht erkennend seinen Traum eines (noch ihm) lächerlichen Menschen, Überwindung der Furcht Iwans: Gott im Menschen als Demut und Gewalt, Gut und Böse, indeterminierter Determinismus allein aus der Wahrheit des Mensch-Geistes. - Das Ende des Tier - Reichs, der Herrschaft des Anti- Christ, der Autokratie, die Erkenntnis des Parlamentarismus, des Sozialismus als Autokratie, von Dostoiewski verkündet und aufgedeckt, wird von uns geführt werden in die wahre und volle, einzig mögliche Anarchie, als eine Theo- kratie der menschlichen Dreieinigkeit, Mann, Weib, Kind; deren Einigkeit, Gemeinsamkeit der Mensch endlich erkenne! Diese einzige Staatsform, Besitzergreifung vom Einzig-Ungemeinen, zugleich Allgemeinen, des Menschen von seiner eigenen Heiligkeit, als alleiniger Notwendigkeit, gleich: Himmel auf Erden, Herrschaft des Geistes, der wahren Realität.
Osterholz, den 21. August 1917.“

[1] vgl. BG-HHE I 9.13.
[2] Johann Comenius (1592-1670), tschechischer Philosoph und Pädagoge, früher Verteter des barocken Universalismus.
[3] Jakob Böhme (1575-1624), frühbarocker Mystiker und Philosoph.
[4] Friedrich Adler (1879-1960), sozialdemokratischer Politiker. Er ermordete 1916 aus pazifistischen Motiven den österreichischen Ministerpräsideten Stürgh.