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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
  • Date11.07.1917
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount2 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 781/79
  • Other NumberBG-HHE I 9.33
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„11. Juli 1917
(Ich »kümmere« mich nicht um Dich - weil Du Zeit und dadurch Ruhe bekommen mußt.)
am 12. LASSE ICH DIE SCHWARZE FAHNE WEHEN ÜBER STRINDBERGS GRAB[1]. Und
damit über mein bisheriges Leben.
Übrigens: aus dem Buch: Schwarze Fahnen[2], einiges, was ich eben vorher selbst überlegte.
»Ihr Zusammenleben war in den Ausschweifungen der Einsamkeit zu einem einzigen großen Geschlechtsleben entartet. Ihre Personen hatten ein Bedürfnis, gegeneinander zu agieren und zu reagieren, und in den Zwischenstunden benutzten sie das Gespräch als Ersatz. Statt einander mit Ruten zu peitschen, bellten sie sich gegenseitig an.«
Wir haben uns so sehr isoliert, durch Dich und das »Keinen Menschen sehen lassen« als Frucht innerer Unsicherheit. Und die sexuelle Spannung wurde so stark, daß wir uns mit Worten zerrissen, und ich Dich schlug, weil ich schließlich ein stärkerer Mensch bin, radikaler als Du, un-heimlich. Aber Du hast nichts vor mir moralisch voraus, wie Du denkst: Dein Mißtrauen, Unsicherheit, Haß, kommen aus der Isolation, an die Du Dich 26 Jahre gewöhnt hast - und nun differieren wir, weil ich schon mit 19 Jahren gegen Gewalt war, Anarchist, und wenn ich in Isolation geriet, dies bei mir nur vorübergehend war, als Nihil des Schaffenden. Daß unser Leben, unsere Beziehungen so ausliefen wie sie es taten, rührt daher, daß Du nicht begreifst, daß meine Schläge von Deiner unruhigen Sexualität hervorgerufen sind. Es ist Gewalt, aber sexuelle - also beiderseitige. Ich versuche keine »Entschuldigung«. Aber Du solltest eigentlich darüber nachdenken, mit was Du bei Dir selbst kämpfst, kämpfen solltest. Meine Sexualität ist ruhig, real. Erinnere Dich daran, was ich in solchen Momenten »denke«; nur mit jeder Faser das Wunder meines starren Vordringens in Dein Fleisch, das Entgegen Deines Kindes. Du aber bist ganz irreal romantisch entrückt. Also noch ganz bestimmt von Deiner ungesunden 26 Jahre langen Verdrängung. Und deshalb bist Du noch Jungfrau und weil Du mich nicht ganz im Tiefsten hast, entgegenkommst (das tut ohne Dein »Wissen« Deine Gebärmutter) - deshalb beherrschst Du weder Dich noch Deine Worte - es geht dann wider Dein Wissen böse. »So handeln auch die meisten Menschen in unserer Zeit; sie laufen davon und wagen nicht hinter die Hülle zu sehen.« Und hinter der Hülle steht: das Allgemeine, Streben nach Nicht-Vereinzelung, kein Haß gegen irgendeinen Menschen, oder eben hier diese Frau[3]; (Du verstehst) - Almosen siehst Du nur, weil Du fortwährend durch nicht genug concentrierte Sinnlichkeit Dich zurückgesetzt fühlst: »darfst nicht auf die Straße geschickt werden« - nun denke mal weiter.“

[1] Der 12. 7. war der Geburtstag von Raoul Hausmann. [2] August Strindberg: Schwarze Fahnen. Roman. 1907. [3] Elfriede Hausmann-Schaeffer.