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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
  • Date28.09.1917
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount4 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 783/79
  • Other NumberBG-HHE I 9.44
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„28. Sept 17
Ich fahre nicht nach Dresden, weil das, wie Du heute sagtest: sehr richtig ist, sondern weil ich dort mit Stadelmann[1] sprechen muß, und weil ich bei F. Müller[2] auf einer expr. Soiree sprechen werde. Seit 3 Tagen ist Bruhn[3] hier - und in der Verzweiflung, in der ich über Deine Ablehnung bin, ist mir das, was ich an ihm erzielt habe, ein Trost. Ich sehe doch, daß ich mich ganz in einen ändern Menschen (nicht »belehrend«) vertiefen kann, bis zur Verwandlung in ihn - ohne jede Spur von Uberhebung und doch führe ich ihn - ich habe ihn, glaube ich, wirklich über seine Unklarheit und sein Schwanken wegbringen können. - Das Wichtigste ist mir, das solltest Du doch wissen, Menschen zur Bewußtheit zu führen - und darum leide ich auch unter dem immerwährenden Zusammenbruch unserer Beziehungen so sehr. Manchmal denke ich, irrsinnig zu werden, daß mir das nicht gelingen will, mit Dir zur gegenseitigen Sicherheit zu gelangen. - Erlaube mir jetzt eins: ich habe vor 8 Tagen vom Dimitri Mereschkowski[4] Religion und Revolution gekauft und da ergab sich folgendes: er, der Nachfolger Dostoiewskis, selbst ein Führer der Revolution, zieht die Synthese des russischen Mensch-Gottes, analysiert Tolstoi, Dostoiewski, Solowjof[5] und Rosanow[6] und kommt zu dem Resultat, daß er Satz für Satz die Probleme aufstellt als ungelöste Ahnung, die ich bis zum 26. 8. positiv gelöst habe. Er sagt an ein paar Stellen dies: »Nur aus dem Zusammenstoß dieser zwei entgegengesetzten Prinzipien - der Anarchie von Tolstoi und der Theokratie von Dostoiewski - kann die neue synthetische Wahrheit geboren werden, kann das erste Aufleuchten der letzten religiösen Offenbarung, die letzte revolutionäre Handlung entstehen.« »Das wahre Reich Gottes zeichnet sich aber durch Abschaffung aller Symbole aus: dieses Reich schafft Verkörperungen und macht alle Mitglieder der Gesellschaft gleich zu Königen, Priestern und Propheten.« »Vor allem die Frage der Religion, die nicht nur das individuelle, sondern auch das sociale Heil anstrebt; die Frage der Offenbarung des zweiten Wesens der Dreieinigkeit nicht nur im einzelnen menschlichen Individuum, im Gott- Menschen, sondern in der Gesamtheit der zu Gott gewordenen Menschheit, welches Ideal sich durch die ganze Weltgeschichte zieht. Dann die Frage der religiösen Umwandlung des Geschlechts, und der geschlechtlichen Liebe, welche Frage weder durch die Ehe, die zwar christlich heißt, noch durch das Cölibat gelöst ist.« »daß das ganze Christentum nur ein Weg zu einer kommenden Religion der Dreieinigkeit.« »Er ist nie von der Wissenschaft der satanischen Tiefen verführt worden, er leidet nicht an Überfluß, sondern an Mangel dieser Wissenschaft. Das Böse verlockt ihn nur rein empirisch; metaphysisch . .. wird er nur zu Unschuld, die nicht Böses will weil sie es nicht kennt, versucht. Er überwindet nicht die dunklen und satanischen Seiten des Lebens - er schließt die Augen und wendet sich ab, wie Kinder tun, wenn sie sich fürchten.« (Mereschkowski ist der erste, der das Böse bewußt, auch im Göttlichen sieht.)
Er sagt dann, daß er und die ändern den Ausweg ahnen aber noch nicht gefunden haben. Aber ich habe ihn gefunden. Das ist nicht Selbstbetrug. - »Selig ist, der sich nicht an mir ärgert« - Du darfst mich nicht loslassen - Du darfst nicht - denn wenn Deine Leiden auch groß sind - vielleicht erfordert das die Größe der Aufgabe. Der Neue Mensch - kann nur sein, wenn er das Böse nicht negiert, sondern damit umgehen lernt - die schrecklichste Aufgabe, die noch Niemand gelöst hat. Und ich weiß nun, Durch Dich, das ich böse bin, wie jeder Mensch böse ist - aber vielleicht wird kein andrer Mensch die Beherrschung des Bösen in mir, ohne dem ich nicht der Mensch sein könnte, der Erlösung bringt - die Beherrschung wird mir vielleicht kein andrer Mensch geben können, als Du. Und es ist auch in Dir viel Böses, denn Du wolltest schon oft Deiner Aufgabe untreu werden und sagtest: Genug. Sieh doch, was Du zerstörst! Nicht etwas nur zwischen mir und Dir! Zitterst Du noch, diese Aufgabe zu erfüllen? Und glaubst Du nicht, daß es doch wahr sein kann, wenn ich Dich bitte, mir Deine Scham zu schenken, den letzten heimlichsten Rest der Schranken zwischen Dir und mir? als Rettung, Entspannung, und daß Du das noch nie getan hast? Einen Sieg der Selbstverleugnung, den in Caputh, hast Du doch schon errungen?
Du kannst doch diese Aufgabe nicht im Stich lassen?Wolle doch einen Weg sehen - und rette mich vor dem Gedanken:
daß ich Dich töten
muß, wenn Du mich verläßt!
Weil ich Dich im Innersten anbete wie ein Idol - und es mir scheint, als würde ich das nicht tragen können, daß mein Idol mich verrät durch: Aufgeben!
Ich hoffe so sehr, Du hast verstanden! Es ist nicht: genug, noch nicht genug! Von uns Beiden nicht!
Auf dem äußersten Punkt sehe ich nur diesen Weg, noch diesen Weg - geh ihn doch - nicht nur für mich!
Ich fahre Montag früh. Sage ein Wort.“

[1] Dr. Heinrich Stadelmann (1865-1948), lebte als Nervenarzt in Dresden. Als Schriftsteller am Dresdner Expressionismus beteiligt. [2] Conrad Felixmüller. [3] Max Bruhn. [4] Dimitri Mereschkowski (1865-1941), russischer Schriftsteller. Religion und Revolution. In: Der Zar und die Revolution. München, 1908. S. 91 ff. [5] Wladimir S. Solowjew (1853-1900), russischer Philosoph und Dichter. [6] Wassili Rosanow (1856-1919), russischer Schriftsteller und Kritiker.