Results:  1

Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, Berlin
  • Date20.04.1917
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount2 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 775/79
  • Other NumberBG-HHE I 9.21
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„20. April 17.
Ich brauche zu einer Arbeit eine Nummer der Aktion, in der von Nicolai »der Familiensinn«[1] enthalten ist; ebenso das Heft mit dem »Expressionismus«[2] von Hatvani. Beide Hefte liegen bei Dir. Dann bitte ich Dich, mir das Gedicht, das ich auf das Passepartout des Kopfes (1915) von Dir geschrieben habe[3] (es hängt über Deinem Bett) abzuschreiben. Ich hoffe, Du schickst mir diese Dinge? Wenn Du Dir klar werden wolltest, was zwischen uns überhaupt vorgeht - wenn Du das sehen willst, wenn auch nur für Dich, dann lese doch an den nächsten Abenden, wenn Du schon meinen Worten nicht glaubst, aufmerksam: »Ostern«.[4] Man muß so etwas öfter lesen, um alle Bedeutungen ganz zu verstehen - ich tue das auch. Wir leben nun einmal unser heutiges Leben - und das kann nicht anders sein, als schon Laotse sagt: Großer Baum hat ein feines Haar zur Wurzel. Das aber ist Dir noch nicht deutlich genug. Der »Sinn« - vielleicht - aber die Anwendung? - Auch mir fällt diese schwer, aber ich versuche immer wieder - und wieder. -
Und dann lese doch das 3. und 5. Heft der freien Straße, die ich Dir beide schenkte. Im 3. Heft steht:
»Der andere ist in Dir. Du kannst ihn nie wegleugnen. Du liebst einen Menschen und du liebst den Menschen. Verstelle dich nicht. Deine Liebe schreit nach Reinheit, Glauben. Der Andere ist in Dir bis zur Auswechselbarkeit. Seine Schuld ist deine Schuld. Die Verantwortlichkeit hat kein Ende. Wir jammern mutlos, verkriechen uns in Teleologien, Pflichten gegen einzelne, Selbstbehauptungen. Wir haben Furcht vor Verschmähung. Unser Fuß stockt wenn unser Herz brennt und drängt, hinzulaufen, ihn aufzurichten, der vor Dir stürzt, in seinem Blute liegt. Wir können es nicht mitansehen und wenden den Blick weg, der den Visionen nicht entrinnen kann. Wir bauen uns einen Zwang zur Unreinheit auf und hoffen auf die Zukunft ...«[5] -.

[1] Friedrich Nicolai: Der Familiensinn. In: Die Aktion 7.1917,5/6.
[2] Ludwig Hatvani: Versuch über den Expressionismus. In: Die Aktion. 7.1917,11/12.
[3] Es handelt sich um sein Gedicht Wache Tränen. Das Bildnis Hannah Höchs mit dem Gedicht ist abgebildet in: Adriani. S. 11.
[4] Ostern (1901), symbolistisch-surrealistisches Drama von August Strindberg.
[5] Zit. nach Richard Oehring: Bemerkung. In: Dem Anderen in Dir. Dritte Folge der Vorarbeit / Hg. Richard Oehring. Berlin: Verlag Freie Straße, 1916.