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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, Berlin
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, Berlin
  • Datierung17.02.1917
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang9 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 770/79
  • Andere NummerBG-HHE I 9.9
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung

„17. Februar 17.
Als ich Dir am Mittwoch das Paket mit dem Brief brachte, dachte ich: wenn Sie diesen Brief gelesen hat, wird Sie sagen, ich bin blind, will oder kann Sie nicht verstehen. Aber, dachte ich, das ist nicht so, was ich vor ihr voraus habe, was mir das zu schreiben, unegoistisch zu bleiben, möglich macht, ist die brennende Sehnsucht, die ich empfinde... Nur Sie in die Arme nehmen, dieser »fanatische Glaube, es würde alles neu werden«. Sie ist verirrt - denn Sie braucht mich nicht -
Du sagst, Du hättest das Äußerste geleistet, nicht gestorben zu sein - von den irrsinnigen Schmerzen, die ich aushielt, nicht zu Dir gelangen zu können, Deine Herzenswunden nicht heilen, Dich nicht wieder froh machen zu können, will ich nicht viel sagen, nur das eine: ich hatte nicht Schmerzen, weil ich mich verkannt oder zurückgesetzt fühlte, sondern rein um Deinetwillen - wie soll ich das sagen? -
Sieh mal, auf dem Weg, auf dem Du jetzt bist, wirst Du mit Sicherheit nicht zu mir zurückfinden, Du siehst das nur noch nicht, daß Du, wenn Du mich erst 4 Wochen so entbehren kannst, so fremd, ja feindlich, daß Du mich dann überhaupt entbehren kannst. Denn feindlich gesinnt bist Du mir - Deine Stimme am Telephon, Deine Worte am Dienstag Abend-----
Mach’ Dich nicht so unnahbar! Laß mich ein einziges mal noch mit Dir sprechen! Habe so viel Vertrauen, daß ich diese Pause schon ausgenutzt habe, daß ich mich bemüht habe, schon in dem Brief bemüht habe, Dir zu helfen. In Deinem Brief an Deine Schwester aber waren so viele Worte, die von Frau Michaelson[1] stammten, die Du als Selbstrettung aufgegriffen hattest; Du hast ja ein viel besseres, edleres Herz, als diese grausamen Worte zeigen sollten. Denke an das, was Du Deiner Mutter gesagt hast: Du hättest mir das Leben schwer genug gemacht, Du wärst eine Festung, die wirklich nicht leicht zu nehmen sei - und an das, was Du am 31. Dezember zu mir in dem kleinen Bettchen sprachst, wie schwer es Dir fiele, Dich loszulassen, wie selbst Dein Körper sich erst lösen müsse, wenn ich zu Dir käme. Und dann hier in Berlin: Daß Du Dich festhieltest, nichts verraten, beherrschen - und daß Du wüßtest, das würde noch lange dauern [...]. Denke auch daran, daß ich dir sagte, es hätte Dir so sehr geschadet, daß Du alles für Deine Geschwister hast tun müssen, zuerst hast tun müssen - daß Du in Eure Familie erst Innerlichkeit gebracht hast - aber daß Du selbst dabei zu Schaden gekommen bist. Jetzt sage ich: fluche Deinem Vater, der so dumm-hartschädlig ist - er hat Dein Leben verdorben! Dein Mißtrauen, und Nicht-bei-mir-aushaltenkönnen rührt ganz sicher daher, daß Dir das Ankämpfen gegen Unterdrückung so zur zweiten Natur geworden ist, durch Deinen Vater, daß Du auch bei mir nicht an gute Absichten glauben kannst. Arme, wenn Du nur wüßtest, wie sehr Du Dich immer instinktiv zur Wehr setzt, in Einsamkeit und Eigenwillen retten willst - ich sehe, daß von da her das Meiste kommt. Mich hat dieses Abwehren, dieses blinde Abwehren immer zur Verzweiflung gebracht - es war deshalb, daß ich Dich enttäuscht habe und ich an Dir verzweifelte, Dein Mißtrauen fühlte - Du weißt noch nicht, was Gemeinsamkeit ist. Du kannst Dich nicht ganz hingeben, ruhig vertrauen, weil ich daran kaput gegangen bin, - aber komm, versuche es doch noch einmal! Mein Herz ist so bereit! Ich weiß jetzt, warum Du nicht mütterlich bist, warum Du die Türen zumachst - fühle doch, daß ich Dich liebe! Nicht blind liebe - schwer wird es schon noch sein - aber ich will Dir anders drüber helfen als bisher!
Fühle doch, daß Du dazuhelfen mußt! Daß Du mich brauchen mußt!
Wünsch Dir doch, daß ich bei Dir wäre!“

[1] Else Michaelson, Kollegin bei Ullstein.