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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, unvollständige Abschrift von Hannah Höch. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, unvollständige Abschrift von Hannah Höch. Berlin
  • Datierung10./12./13.11.1917
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang12 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 786/79
  • Andere NummerBG-HHE I 9.54
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
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„10. Nov. 17
»Tausend Pfade gibt es, die noch nie gegangen sind; tausend Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und unentdeckt ist noch immer Mensch und Menschen-Erde. - Euer Kinder-Land sollt ihr lieben, das unent- deckte im fernsten Meere! Nach ihm heiße ich Eure Segel suchen und suchen! O! welche vielen Meere rings um mich, welche dämmernden Menschen- Zukünfte! Wie Vieles ist noch möglich! Des Menschen Fernstes, Tiefstes, Sternen-Höchstes - seine ungeheure Kraft!«
Friedrich Nietzsche.

Die Herkunft jedes heutigen Menschen aus der Vaterrechtsfamilie bedingt seine Stellung zur Minderwertigkeit, die der Autokrat Mann (hier Vater) in gleicher Weise anwendet gegen männliche und weibliche Nachkommen. Daneben wird aber noch eine besondere Minderwertigkeitsgeltung der Frau durchgeführt, so daß die Folgen der Vaterrechtsfamilie zerfallen in zwei Gruppen,
a: Proteststellung gegen das überwertige männliche Princip zur Sicherung der eignen Individualität ruft bei Knaben und Mädchen männlichen Protest hervor; d.h. Aneignungswille zur Rolle des Stärkeren, die die heutige Familie in der einseitigen, fälschlichen Männlichkeit sieht, kann zu Freiheit oder Neurose führen;
b: Besondere Proteststellung der Frau gegen die Unterdrückung ihrer Persönlichkeit oder ihres Mutterschaftstriebes durch die Vaterrechtsfamilie.
Die wahre Einstellung zum Leben wird schon im ersten Kindesalter deutlich wahrnehmbar, als Konflikt des Eigenen und Fremden, aus dem eine Leitlinie, ein unbewußter Lebensplan entsteht, nach dem dauernd gehandelt wird. Wachgerufenes Minderwertigkeitsgefühl und Befürchtung einer weiblichen Rolle unterstützen das Auflehnungsbedürfnis, den Trotz, und verfälschen das Gefühlsleben. Faßt man die Ichtriebe als Anspannung und Einstellung gegen die Außenwelt, als Geltenwollen, Streben nach Macht, nach Herrschaft, nach Oben, so muß dies auf gewisse Triebe hemmend, zugleich aber steigernd einwirken. Hieraus entsteht Unsicherheit - und Schuldgefühl, Merkmale, Äußerungen nach Alfred Adler[1]: a: Uberempfindlichkeit, die sich gegen Herabsetzung Beschmutzung, Strafe kehrt, b: Erwartung von Herabsetzung, Strafe; Vorkehrung gegen dieselben: Angst. - Weiter ist die Unsicherheit, in der Kinder über ihre Geschlechtsrolle belassen werden eine verstärkte Bedingung zum Trotz. Es liegt hier alles an der Erziehung, um aus so beeinflußten Kindern keine Neurotiker werden zu lassen. Hier sagt Alfred Adler: die Erziehung muß dem Kinde die Möglichkeit nehmen, ein Gefühl der Minderwertigkeit aufkommen zu lassen. Der Erziehungsplan hat sich vor allem darauf zu richten, das Kind zu selbständigem Urteil zu bringen, es von der Meinung anderer unabhängig zu machen. Die Unsicherheit der Geschlechtsrolle ist von vornherein auszumerzen. Die Gleichstellung der Frau ist eine sehr dringende pädagogische Forderung, Handlungsweisen, die den Wert der Frau im allgemeinen bezweifeln, vergiften das Gemüt des Kindes und nötigen Knaben wie Mädchen, sich frühzeitig dem falschen Schein einer übertriebenen Männlichkeit beizulegen. Man erziehe nicht auf Gehorsam, wenn man die Einstellung auf Trotz vermeiden will. Asnavuroff[2] gelangt dazu, zu sagen: »Unsere Generation entwickelt sich im Bereich zweier Hauptfaktoren:
1. Gewalt, Herrschsucht, Ruinieren, sich aneignen (Staat), töten (Militarismus) Furcht vor der Frau, Herrschsucht des Mannes, Ausbeutung zu Lustzwecken (Prostitution, Narkotik, sexuelle Excesse) Ausbeutung zu wirtschaftlichen Zwecken (Kapitalismus) - ergibt Degeneration schaffendes, sadistisches Lust- princip = kapitalistischer Staat, Herrenmoral;
2. Dulden (Armut) Leiden (Proletariat, Prostitution) Martyrium (Patriotismus) allgemeine Passivität gegen Unterdrückung -: der Degeneration ergebenes masochistisches Lustprincip, = kirchliches Christentum, Sklaven: Moral.« Und er sagt: das Wichtigste ist das Heraustreten aus der Sippe, der erste Schritt zur Persönlichkeit. - Dazu will ich noch Otto Gross[3] anführen. »Es ist die Konsequenz der Gegensatzstellung, der gegenseitigen Reibung im inneren Konfikt, das beide gegnerischen Triebkomponenten durch Uberkompensation (Über-Aus- gleich) immer mehr entstellt werden. Infolgedessen äußert sich das Kräftespiel des Nicht vergewaltigt- werden wollen und Nichtvergewaltigen-wollens als innerer Konflikt von Willen zur Macht und Selbstaufhebung. - Als das Moment, das Adlers Erklärungen am meisten problematisch gelassen hat, erscheint mir das Phänomen des Masochismus im weitesten Sinn des Wortes. Der sadistischmasochistische Erscheinunskomplex ist nur die höchst gesteigerte Ausdrucksform der sexuellen Destruktions- (Zerstörungs-)Symbolik überhaupt. Für diese können wir jetzt die Formulierung geben: sie ist das Verschmelzungsresultat der Sexualität mit den erworbenen Endeinstellungen Wille zur Macht und Selbstaufhebung. - Die ungelösten inneren Konflikte und die Konfliktssymbolik, die als ihr Ausdruck aus dem Unbewußten kommt, entstehen durch den Druck von übermächtigen und unerträglichen Tatsachen der umgebenden Gesellschaftsund Familienordnung. - In der bestehenden Ordnung des Vaterrechts besteht die Abhängigkeit der Frau vom Manne um der Mutterschaft willen. - Der Mutterinstinkt gehört so sehr zum Wesen der Weiblickeit, daß sich die innere Gegensatzstellung zu diesem Instinkt nur als Verneinung der eignen Weiblichkeit selbst, als Wunsch nach Männlichkeit manifestieren kann. Das bedeutet, daß sich ergibt aus der der Frau gestellten Notwendigkeit des Verzichts auf ihre individuelle Selbständigkeit, wenn sie Mutter werden will, daß sich der Trieb zum Mutterwerdenwollen und damit das Weibseinwollen überhaupt an sich mit einer menschlich und sexuell passiven Endeinstellung, mit einer masochistischen Triebkomponente verknüpfen muß. - Dieser tiefste innere Konflikt der Frau bleibt nur dort erhalten, wo sich ein unverlierbarer Wille zum Festhalten an der eignen Individualität und ihrer Freiheit, ein Wille sich nicht vergewaltigen zu lassen, erhält. Allein in allen Frauen erhält sich , sei es bewußt, oder unbewußt, mit innerlichem Ja und Nein, das Gefühl, daß sie mit ihrer Sexualität und Mutterschaft sich vergewaltigen lassen, die Vergewaltigungs- und Destruktionssymbolik für Sexualität und Mutterschaft. Gleich wie in allen Männern, bewußt oder unbewußt, mit innerlichem Ja oder Nein, sich das Gefühl erhält, daß ihre sexuellen Beziehungen zur Frau im Grunde nur Vergewaltigung sind.« - Dies sind wertvolle Feststellungen, der heute am klarsten Sehenden. Aber nur Feststellungen.
Der einzige, der (auch Jung[4] nicht!) einen positiven Weg, eine principielle Lösung gefunden hat, bin ich. Ich setze der alten Ordnung von Jahrtausenden entgegen:
»Herausreißen das falsche Geschlecht aus dem Gipfel Gottes des unversehrtesten Seins in des Menschen Brust, vernichten die Vorherrschaft des Mannes als Der Gott, Der König, Der Vater. Mann als Abkömmling, als Ausfluß, des gemeinsamen Seelenquells, des göttlichen Grundes; Ableitung, Einzelung, wie Weib - so Mann, keine Vorherrschaft, die Gewalt wäre, sondern Ausgleich. Entzweiung im Handeln, zurückführend auf gleichen Grund. Welt-Geist-Gewalt will endlich demütige Einsicht: Gewalt löst auf, es ersteht gegeneinander über die Welt Adams, die Welt Evas, gleichermaßen teilhaftig des innersten Ursprungs, Formen der göttlichen Seele.«[5]
Und das Bekenntnis: der wahren Anarchie, als einer Theokratie der menschlichen Dreieinigkeit Mann Weib Kind; deren Einigkeit, Gemeinsamkeit der Mensch endlich erkenne! Diese einzige Staatsform, Besitzergreifung vom Einzig-Ungemeinen, zugleich Allgemeinen, des Menschen von seiner eigenen Göttlichkeit, als alleiniger Notwendigkeit als wahrer Realität! - Hiermit darf ich wohl sagen, daß es mir mein Leben lang, nach dem Heraustreten aus der Familie nur um dies ging, das Richard Ohring so sagt, »Das Bewußtsein, das Voraussetzung der Erlösung die Beseitigung des Zwiespalts von Leben und Erleben, die Bejahung des Erlebens ist, deckt den Widerspruch auf, den die Opferung des Erlebens um des anderen willen enthält. Die Rettung aus der Verzweiflung der Unfreiheit - die Erweckung des Mutes zu sich, kann dem ändern nur gelingen, wenn er selbst in seinem Tun diesen Mut zeigt. Dies ist die Stelle, wo das Recht zum Erleben - das allein noch nie ein Erleben frei gemacht hat - von der persönlich isolierten Bedeutung losgelöst wird, und der Versuch zum Erleben Frage der Beziehung, der Gemeinsamkeit wird. Dieser Glaube wird auch die Kraft geben, den Weg bis zum Kern des Erlebens mit allem Bewußtsein des Ernstes zu gehen und dem Erleben treu zu sein, wo es gilt, den leichteren Verzicht auf sich zu verhüten oder die Folge des Erlebens ohne Wanken zu tragen. Dieser Glaube wird immer neu mit innerer Gewißheit und Freude bewegen. Das Vertrauen, nicht nur Erleben zu dürfen, auch in der Wahrung des eigenen Erlebens eine Aufgabe zu erfüllen um der anderen willen, nimmt dem Erleben jede Scham vor dem anderen und macht die Bahn frei, in Leid und Freudigkeit dahinzugehen«.[6]//
(Ende 1916)//
Diese: Gemeinsamkeit, die ich von Dir immer forderte, scheinst du in Deinem Brief, wenn ich recht verstehe, nicht anzuerkennen, sondern Du scheinst die Trennung unseres Erlebens darauf zurückzuführen, daß ich mich Deiner Führung, der Erlösung meines Bösen durch Dich, nicht habe anvertrauen wollen. Hier ist der Angelpunkt: siehst Du die Notwendigkeit unserer Trennung darin, daß Du an meinen Kampf um unsere Beziehungen nicht anerkennst, und nur den vergeblichen Kampf, den Du für mich gegen meine Bequemlichkeit führst, gelten läßt?//
Denn Du sprichst einseitig von »Deiner Aufgabe« und davon »daß Du dazu da warst, mich unnachsichtig, ohne Rücksicht auf mich noch auf Dich, noch viel weniger auf andere, auf die Dinge zu stoßen, die ich bei mir zu erkennen oder gegen die ich zu kämpfen habe, mir die andere Seite zu beleuchten, wenn ich nur die eine sehen wollte.« - Daraus spricht für mich ein egocentrisches Gefühl, aus dem »noch viel weniger gegen andere« sogar ein Mangel des Gemeinsamkeitsgefühls - Gegensatz zu dem, was ich religiöse Beziehung nenne. - Daß Du mich in Deinem Brief in allen Punkten unter Dich stellst und zu entwerten suchst, um die von Dir gewünschte Logik: Trennung, ausreichend begründen zu können, ist zweifellos. Aber es käme jetzt darauf an, daß dies bei Dir kein so fest gefaßter Vorsatz wäre, um mich nicht ohne nochmalige genaue Prüfung aller in Betracht kommenden Punkte aufzugeben. Und nach den von mir am Anfang aufgestellten beiden Gruppen der psychologischen Folgen der Vaterrechtsfamilie, die bei mir ganz andere waren, als bei Dir. Denn nach unseren ernsthaften Kämpfen 1916 und Deinem weiteren Verhalten bei Konflikten zwischen uns, scheint mir bei Dir eine Ablehnung meiner aus weitreichenden Folgen der Gruppe b vor allem vorzuliegen. Fraglos ist bei Dir der Unterschied: Persönlichkeit = Kopf, Mutterschaftstrieb = Sexus, also Intellekt gegen Instinkt, besonders scharf ausgeprägt. Und dazu möchte ich von Furtmüller[7] einiges zitieren, über Beobachtungen, die er bei selbsterfundenen Märchen von Mädchen im Alter von 14 Jahren machte, in denen sich der »unbewußte Lebensplan« sehr deutlich äußerte.
Das Motiv der Prinzessinnenidee. Alfred Adler hat sie uns verstehen gelehrt als eine der wichtigsten und folgenschwersten Formwandlungen der männlichen Leitlinie beim Mädchen[8]. (Ich will ein Mann sein; kann leicht zu homosexueller Einstellung führen). In einigen Märchen wird die Heirat als Herabsteigen zum Mann dargestellt. Dann bespricht er einen besonders deutlichen Fall, die folgenden Stellen sind z.T. aus Briefen des Mädchens. »Einmal spricht sie davon, daß ihr zuviel ihr Willen getan wurde, als sie klein war. Dann sagt sie, sie sei ein Eisenkopf, das habe sie von ihrem Vater geerbt. Wir können daraus schließen, daß das Mädchen zwischen einer nachgiebigen Mutter und einem energischen Vater steht. - Den gesteigerten Drang, sich durchzusetzen, zu gelten, zu herrschen kann man allen Personen gegenüber, mit denen sie in Berührung kam, nachweisen. Von ihrer Stellung im Hause sagt sie: ›Ich beherrsche im Großen genommen jetzt meine ganze Umgebung‹, das erreiche sie indirekt, auf Umwegen. In der Schule ist sie eine sehr ehrgeizige, fleißige Schülerin, auf ihre Mitschülerinnen sieht sie von oben herab. ›Trotzdem ich mir oft denke, daß ich genau dasselbe sei wie alle ändern Mädel, so fühle ich mich manchmal, eigentlich immer, manchmal aber ganz besonders, direkt erhaben über die ganze Klasse. Ich sehe auf sie herab, fast mitleidig. Ich fühle immer deutlicher, je älter ich werde, ich bin anders, als alle die Mädel, ich habe mit ihnen nichts gemein.‹ Diese Stelle enthält nicht nur einen schlagenden Ausdruck ihrer Größenideen, wer auf solche Dinge zu achten gewohnt ist, wird eine unmittelbare und kaum verhüllte Äußerung des männlichen Protestes erkennen. Ein solches Mädchen wird für Liebesbeziehungen zwischen Mann und Frau wohl kaum viel übrig haben. - Das Mädchen, das begriffen hat, daß es nicht wirklich ein Mann werden kann, wird doch männlichen Protest gegen seine weibliche Rolle einlegen. Es kann dies nur rein negativ tun, indem es die Sexualität überhaupt ablehnt, oder positiv, indem es sexuell so frei und ungebunden leben will wie ein Mann. Soentwickeln sich aus der selben Wurzel Jungfräulichkeits- und Kurtisanenideal. - Das Entsagungsmotiv spielt eine wichtige Rolle. Seine entwickelte Form kehrt sich als Forderung gegen den Mann. Wir können hier eine Einstellung im Entwicklungsstadium beobachten, die dann in fixierter Form im psychischen Leben erwachsener Frauen oft eine große Rolle spielt: die Forderung nach dem reinen Mann. Es ist leicht einzusehen, welche treffliche Handhabe diese Forderung einer Frau mit aufgepeitschtem männlichen Protest bietet, um den Mann herabzusetzen und zu demütigen. - «//
Solche Dinge aus Deinem früheren Leben hast Du und haben mir andere erzählt. Nach dem Gesagten können Dir die Verbindungen zwischen Intellekt und Instinkt, Kopf und Sexus nicht mehr unklar sein. Es fragt sich nun: wie weit ist die Unterdrückung des Mutterschaftstriebes einerseits durch Deine Familie, andererseits durch Dich, an Deinem Widerspruch gegen mich gegen Gemeinsamkeit beteiligt? -//
Dann: wäre es nicht möglich, daß gerade durch die sexuellen Beziehungen* die bei Deiner organischen Veranlagung immerwährend Befruchtung, Mutterschaft fordern, aber auf Deinen (intellektuellen) Wunsch durch mich ohne Erfüllung bleiben müssen, trotzdem es beinah zur Erfüllung kommt - daß Du daraus genötigt wärst, durch Verdrängung, oder zum Ausgleich dieser fehlenden Erfüllung, in der Proteststellung gegen mich als Mann festgehalten und bestärkt zu werden? Auflehnung aus Entsagung? Weil der elektrisch-magnetische Ausgleich im sexuellen nicht voll zu Stande kommt, erzeugt er vielleicht Disharmonie im Geistigen, wird eben Destruktionssymbolik?//
Das alles nimmst Du hoffentlich nicht als Angriff. Und ich hoffe, daß Du aus Gerechtigkeit genau prüfst.//
R.//

Ich will noch bemerken, daß ich mich sehr wohl des Gespräches im Juni entsinne, als ich Dir sagte, Dein [ganzes] Mißtrauen und dein Widerstand rührt aus der Angst vor der Vergewaltigung her, daß Du das damals leugnetest, so daß ich Dir sagte: dann hängt es mit dieser Frau[9] zusammen, auch das wolltest Du nicht recht gelten lassen. Aber die Entwicklung der Dinge zeigte, daß Du Deinen Kampf ganz bewußt auch gegen diese Frau geführt hast. In Analogie der Forderung des »reinen Mannes« war ich Dir nicht rein wegen meiner Beziehung zu dieser Frau; Dein Kampf für mich dreht sich also eigentlich um die Fiktion meiner Reinigung?! Daher auch Ablehnung dieser Frau. Trotzdem halte ich es aber für viel richtiger diese meine Erlösung als verdeckten Kampfplatz zu verstehen: in Wahrheit kommt doch nur der Persönlichkeitsdrang, die Angst vor der Vergewaltigung durch mich, vor der Auflösung Deiner Selbst in Gemeinsamkeitgegen den Mutterschaftstrieb, und die Vermeintliche Unerfüllbarkeit dieses Triebes durch mich, als unrein und vergewaltigend, in Betracht.//
Du müßtest sehen, daß diese Kämpfe und Widerstände eigentlich garnicht gegen diese Frau gerichtet sind, sondern von Dir nur zur eigenen Sicherung gegen die volle Gemeinsamkeit, Selbstauflösung, gebraucht werden, daß alles dies nur Mittel sind zur Aufrechterhaltung Deines Willens zur Macht, intellektuelle Hemmungen, gerade weil ich Dich als Weib befreien wollte - ohne Uberhebung oder Gewalt. Durch diese passive Einstellung hast Du bei mir sehr oft die Umkehrung meines Auflösungswillens in »tierische Unbeherrschtheit« erzwungen, wieder als Mittel zum Zweck: Erhaltung des Intellekts gegen den Instinkt, Ich hätte allerdings mich nicht irritieren lassen dürfen.//
Wenn Du den Willen zur Selbstauflösung besitzt, so mußt Du erkennen, daß er nicht nur in der Mutterschaft liegt, sondern in Deiner Überwindung, im Nicht- ablehnen dieser Frau; auch in der Annahme und dem Vertrauen in meine Reinheit. Alles andere bleibt Protest. - Und wenn Du das Kind willst, wo bleibt dann Deine Möglichkeit dieses Weges, getrennt von mir? Was wirst Du tun, wenn ich Dir sage: gib die Idee meiner Unreinheit auf, führe den Ausgleich mit dieser Frau herbei, wenn es Dir möglich ist, und ich werde in einiger Zeit bei Dir bleiben?//
R.//
»Welche dämmernden Menschen-Zukünfte! Wie vieles ist noch möglich! Des Menschen Fernstes, Tiefstes, Sternen-Höchstes - seine ungeheure Kraft!«
F. N.“10//
„12. Nov. 1917//
»Er ist - ein neuer Mensch«//
Dostoiewski//
»Wenn man sich vorstellt, daß alle wie Christus wären, würde dann der Pauperismus (Armentum) überhaupt möglich sein? Dann wäre es sogar möglich, für seinen Nächsten zu sterben.« Dostoiewski//
»Das Erdenleben ist doch ein Prozeß der Wiedergeburt, (Umgestaltung).« Dostoiewski//
»Die Idee der Neuschöpfung des Menschen, grenzenlosen Allverantwortung ...«//
R. H.//
EVANGELIUM LUCAS 6/37.//
»Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr auch nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.« -//
(Zu tiefst ist jede Schuld Meine Schuld). Die Erlösung von der Schuld, Isolation: Auflösung in Gemeinsamkeit.//
Der Christus des Lukas 6,37, irrt in Matthäus 19,9 und 19,19://
»Ich aber sage euch: wer sich von seinem Weibe scheidet, es sei denn um ihrer Hurerei willen, und freiet eine andere, der bricht die Ehe; und wer die (Ab-) Geschiedene freit, der bricht auch die Ehe; (altes Gesetz) Ehre Vater und Mutter; und Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst« hier klafft schon der Widerspruch, der noch deutlicher wird durch Lukas 6,30: »Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das deine nimmt, da fordere es nicht wieder.«//
»Heute analog der Zwang zum Du; der Ich kämpft gegen Alle zum Leben im Du. Seid nicht - Ich! Leben gegen alle geöffnet: was will Ich im Du? Geöffnet weit gegen Einzel-Ich. Der Kampf geht um den Feind: Ich. Ich gegen Du, gleich alle; Ich bin mein Feind, den ich zwingen will zum Du.«//
R. H.//
Die psycho-analytische Synthese: Aufhebung der Gewalt, des Protestes, der Schuld in: Gemeinsamkeit als Balance des Fremden als des Eigenen, Mit- Ubernahme der fremden als der eigenen Schuld. - Zur Forderung meiner Reinigung wäre es zu sagen, daß diese Forderung eines Teils entspringt aus der Prin- cessinnenidee, als besonderer Form der eigenen Sicherung, ändern Teils, daß diese Forderung hinfällig ist, durch meine mehrmals gestellte Forderung: bleibe bei mir, (z.B. März 1916 auf Pichelsberge) und durch die neuerdings ausgesprochene Bereitschaft meines Bei-Dir-Bleibens. - Andrerseits würde sich das Mindestmaß meiner Schuld an den vielen Konflikten daraus ergeben, daß Du mir dauernd mit dem Vorurteil meiner Unreinheit entgegengetreten bist, ohne meiner Führung zu Schuld-Aufhebung zu vertrauen (Juli 1916) und ohne meine Bereitschaft, bei Dir zu bleiben um des Kindes willen, Deine Selbstauflösung durch Mutterschaft, zu erwidern oder anzunehmen. Dadurch mußte sich ja mein ganzes Tun in sein Gegenteil verwandeln. (Ich urteile hier nicht nach dem Wort: halt stille, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen; ohne den Balken in meinem Auge auszukeimen.) Denn du hast mir nie klipp und klar gesagt, woher Dein Widerstand kam.//
Im Juli 1916 sagte ich: ich will alle Schuld von Dir nehmen, dadurch, daß ich dieser Frau helfe, zu leben. - Und Vertrauen gebietet: keinen Menschen gering zu achten um einer Sache willen, die man noch nicht klar sieht. Der einzige, synthetische Weg aus der Glaubenslosigkeit, Irreligiosität des Heute, aus dem neurotischen Protest, ist der Glaube an die Ursprünglichkeit, Reinheit, ewige Neuschöpfung (an die ich bei Dir immer wieder glaubte) des Menschen, die das erste mal zu wahrer Gemeinsamkeit führt. Auch in der Schuld. Denn ich vor allem, aber mit mir auch Du, wir sind schuldig gewesen vor dieser Frau. Und ich versuchte die Lösung unserer Schuld, über Christus hinaus, in der Reinigung durch Gemeinsamkeit. Durch Gegen-Hilfe zum Du. Und darum hätte ich Dir, Dir vor allem, rein sein müssen. Du hättest diese Reinheit auch erkannt, wenn Du nicht Deinen Widerstand immer gestärkt hättest. Und Deinem Auflösungswillen wollte ich jetzt, mit Einverständnis dieser Frau, entgegen gehen - aber Du hast nicht angenommen. Ich muß hier nochmals hersetzen: »Die Rettung aus der Verzweiflung der Unfreiheit - die Erweckung des Mutes zu sich kann dem ändern (für den ändern) nur gelingen, wenn er selbst in seinem Tun diesen Mut zeigt. Dies ist die Stelle, wo das Recht zum Erleben - das allein nie ein Erleben frei gemacht hat - von der persönlich isolierten Bedeutung losgelöst wird und der Versuch zum Erleben Frage der Beziehung, der Gemeinsamkeit wird.«[11] Richard Ohring.//
Diese Frau[12] kam zu Dir, um Dir und mir durch Beziehungen zu Dir die Auflösung unserer Schuld zu ermöglichen; diese Beziehungen sind in jedem Fall, nicht nur in unserem, unausgesprochen vorhanden: metaphysisch als elektrische Entladungen, Störungen auf weite Entfernungen hin. Diese Störungen, die nur aus dem Unterbinden der Auflösungsmöglichkeit herstammen, konnten bisher, auch von Christus, nicht aufgelöst werden: heute in Gemeinsamkeit.“//
„13. Nov. 17.//
Ohne Lukas VI, 30 und vor allem 37 einen Augenblick zu vergessen, muß ich Dir sagen, daß aus Deinen Briefen noch ein ungeheurer, im Intellekt verankerter Wille zur Isolation spricht. Und wenn Du schreibst, daß ich Dich profanierte, wäre das Ende, so möchte ich dem entgegenstellen, daß Du mich schon längst profaniert hast - weil Du mein Anrecht auf Dein Kind wie überhaupt meine Anrechte auf die sich aus unserer körperlichen Gemeinsamkeit ergebenden Beziehungen ablehnst; nicht mit-fühlst: daß ich Deinem Instinkt rein genug war - sonst hättest Du Dich mir nicht immer wieder hingeben können. Wenn Du schon unsere Gleichheit in seelischer Hinsicht nicht anerkennen willst! Dein Instinkt hat mich bejaht - also das Weib in Dir; Dein Intellekt sichert sich in einseitig starrer Forderung - ohne jede Rücksicht darauf, daß Du Dich in gerade intellektuelle Widersprüche verwickelst. - Und daß Du nicht auf die Idee kommst, manches Tun von Dir fehlerhaft zu finden - wie unsere gemeinsame Schuld vom Mai 1916, die besteht, auch wenn Du sagst: Du wolltest das nicht, solange ich Beziehungen zu dieser Frau hätte, denn damals wollte ich ja ganz bei Dir bleiben.“//
[1] Alfred Adler (1879-1937), Arzt und Tiefenpsychologe. Schüler Freuds. 1911 Bruch mit der psychoanalytischen Schule. Begründer der Individualpsychologie.
[2] Felix Asnaourow. Russischer Sexualpsychologe. Veröffentlichte u.a. Sadismus und Masochismus in Kultur und Erziehung. München: Reinhardt 1913.
[3] Otto Gross (1877-1920), Sexualrevolutionär, Psychoanalytiker.
[4] Carl Gustav Jung (1875-1961), Schweizer Psychologe und Psychiater. 1912 Trennung von S. Freud. Begründete die Zürcher Schule der analytischen Psychologie. Einer seiner Patienten war u. a. Otto Gross.
[5] Aus: Raoul Hausmann: Der Mensch ergreift Besitz von sich, vgl. Nr. 8.53.
[6] Richard Öhring: Zwang und Erleben. In: Verantwortung zu fremdem Zwang. Fünfte Folge der Vorarbeit. Berlin: Verlag Freie Straße, 1916.
[7] Carl Furtmüller. Individualpsychologe. Gemeinsam mit Alfred Adler Herausgeber von Heilen und Bilden: Ärztlich-Pädagogische Arbeiten des Vereins für Individualpsychologie. München: Reinhardt, 1914.
[8] Vgl. A. Adler: Über männliche Einstellungen bei weiblichen Neurotikern. In: Zentralblatt für Psychoanalyse und Psychotherapie. 1. 1911. S. 174-178.
[9] Elfriede Hausmann-Schaeffer. [10] Friedrich Nietzsche. [11] Aus: Richard Oehring: Bemerkung. In: Verantwortung zu fremdem Zwang. A.a.O.
[12] Elfriede Hausmann-Schaeffer.