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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, auf dem Holzschnitt von Hannah Höch. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, auf dem Holzschnitt von Hannah Höch. Berlin
  • DateAnfang März 1918
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, gedruckt (Holzschnitt), handgeschrieben
  • Amount1 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 762/79
  • Other NumberBG-HHE I 10.7
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

Raoul Hausmann benutzt als Briefpapier einen Original-Holzschnitt Der Prophet Matthäus von Hannah Höch, den sie 1915 nach einem Original der Schloßbibliothek Gotha geschnitten hatte.

„Wenn in Dir eine so große Liebe zu mir wäre, dann könntest Du Dich garnicht so gegen mich stellen, wie Du es jetzt tust. Wie sagt Tolstoi? Du könntest nicht einmal verzeihen - nur Dir selbst könntest Du zu verzeihen haben. - Ich fand in Stirner, »Der Einzige und sein Eigentum« eine Stelle, die sehr bemerkenswert ist - erinnere Dich auch des Gesprächs vom 9. Februar in Gretes Beisein - diese Stelle schreibe ich nachfolgend ab. Sie stammt aus dem Abschnitt »Der Sparren« - Stirner meint damit die fixe Idee, daß wir allen möglichen Theorien und »Gesetzen« glauben, die den Menschen schwächen, zähmen, uns selbst aber glauben wir nie - darum sind wir nicht »Eigne«. Wir leben nach Traditionen - aber nicht nach dem, was uns am nächsten wäre.
»Man achte, darauf, wie ein Sittlicher sich benimmt, der heutigentags häufig mit Gott fertig zu sein meint, und das Christentum als eine Verlebtheit abwirft. Wenn man ihn fragt, ob er je daran gezweifelt habe, daß die Vermischung der Geschwister eine Blutschande sei, daß die Monogamie die Wahrheit der Ehe sei, daß die Pietät eine heilige Pflicht sei usw., so wird ein sittlicher Schauder ihn bei der Vorstellung überfallen, daß man seine Schwester auch als Weib berühren dürfe usw. Und woher dieser Schauder? Weil er an jene sittlichen Gebote glaubt. Dieser sittliche Glaube wurzelt tief in seiner Brust. So viel er gegen die frommen Christen eifert, so sehr ist er dennoch selbst Christ geblieben, nämlich ein sittlicher Christ. In der Form der Sittlichkeit hält ihn das Christentum gefangen, und zwar gefangen unter dem Glauben. Die Monogamie soll etwas Heiliges sein, und wer etwa eine Doppelehe lebt, der wird als Verbrecher gestraft; wer Blutschande treibt, leidet als Verbrecher. Ist jene Blutschande und Monogamie nicht ein Glaubenssatz? Man rühre ihn an, und man wird erfahren, wie jener Sittliche auch ein Glaubensheld ist, der sittliche Glaube ist so fanatisch, als der religiöse!«[1] -
Du trittst ja gegen meine anderen Beziehungen garnicht von Dir aus auf, sondern Dein Vater oder Großvater in Dir ist es, der Dich diese »Verhältnisse« unerträglich finden läßt - Dich zwischen Liebe und Haß hinundherreißt. Wäre Deine Stellung zu diesen Beziehungen ganz innerlichst Dir eigen - dann würde ich Dir alles opfern - aber es wirkt ja hier nur der letzte Zwang der Familie. Sind Frauen wie Frau Öhring[2] oder Deine Schwester nichts wert? Und die sehen klar, daß es solche Dinge nicht gibt, höchstens als fremden Zwang - nie aber vom Eignen aus. Grete weiß ganz genau meine Beziehungen - und sie sieht die Notwendigkeit dieser Beziehungen und Deine Täuschung über Deinen »Glauben«, dies ablehnen zu müssen aus - Reinheit. -

N.B. sprach ich Donnerstag mit Fr. Öhring nicht über Dich, sondern über Deine Stellung zu diesen Beziehungen weil ich nicht nur meine Stellung oder Deine Stellung dazu kennen wollte - aber sie begreift Dich da durchaus nicht. Und Jung würde so etwas erst recht nicht begreifen - also sind wir alle - Schweine? [Zusatz von Hannah Hoch: „Mit Schweinen hat das nichts zu tun. Begreifen tut ihr nichts. Wenn ich mich ganz an einen Menschen gebe: Leib und Seele, Kraft und Hingabe, Leidensfähigkeit, Schaffensfreudigkeit, Mitleiden u. Stolz - ich muß fordern - wenn ich mich ganz an einen Menschen gebe - einen ganzen Menschen auch für mich - und nicht einen Teil eines Menschen.“] Wenn man das, was Du in der bewußten Sonntag-Nacht sagtest: Die Liebe zu mir wäre in Deinem Herzen, sie könne sich nur nicht äußern, noch irgendwie gelten lassen könnte: die Art, wie Du Dich jetzt gegen mich stellst, also »äußerst« kann man nicht als Liebe gelten lassen. Körperlich dürfte ich Dich auflösen: als Mensch, intellektuell, versagst Du es mir - Du hättest aber aus dem sexuellen Geschehen heraus den Zwang zur Auflösung zu spüren, ohne Abwehr und Bedenken, die nur ein Nicht-an-Dich-glauben, oder an mich-glauben, also Fremdes, Äußerliches sind. Das kann man nicht gelten lassen.
Ich sprach nicht über Dich um zu klatschen, wie Du meinst - sondern wenn Du alles so ablehnst, sucht man Bestätigung bei ändern - bliebe die aus, würde man an Mißtrauen zerbrechen.“
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[1] Max Stirner (d. i. Kaspar Schmidt): Der Einzige und sein Eigentum. Leipzig, 1892. S. 57 f.
[2] Cläre Oehring, später Cläre Jung (1892-1921). Schriftstellerin. Gehörte zum Kreis um die Zeitschrift Freie Straße.