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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. BerlinBriefkopf: Club Dada Steglitz
  • Date1918
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben, Briefkopf
  • Amount2 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 748/79
  • Other NumberBG-HHE I 10.116
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„Anbei eine Charakterisierung Deiner Schrift nach Dr. Ruest.[1] - Ich für mich folgere daraus: erstens, daß das, was Ruest Dein astrales Leben nennt, in Dich durch äußere Verhältnisse gekommen ist. Dann, daß ich Dir nicht vorwerfen darf, daß Du lügst - Du handelst dann aus Erschrockenheit in Notwehr. Außerdem weiß ich, daß ich die Aufgabe habe, Dich zu erlösen, (so wie Du etwas in mir erlöst hast) aber dazu darf ich nicht an dem, was an Dir Oberfläche ist, fortwährend anhaken. Schließlich sagte mir Dr. Ruest über meine Schrift (nur ungern und wenig) ich sei ein ganz sicherer Mensch, sehr wach - aber ich verlöre leicht die Herrschaft über mich selbst - an diesem Wenigen kannst Du sehen, daß er etwas versteht. - Nun scheint mir Deine Aufgabe, mir bei meiner Selbstbeherrschung zu helfen, aber tatkräftig zu helfen, während meine Aufgabe darin besteht, Dir nicht mit Dingen fordernder Art gegenüberzutreten, da die geforderten Dinge, Werte, ja in Dir sind und ganz heraus kommen werden, wenn ich Dich zu einer ruhigen Entwicklung in Sicherheit (eigener Sicherheit meinerseits) kommen lassen. Dann brauchst Du nicht mehr zu widerstreben.
R
Dr. Ruest, dem ich eine Seite Schrift von Dir zeigte sagte (ohne etwas von Dir zu wissen) ein Mensch, der sehr gefährlich ist durch seine Neigung, sich selbst auszustreichen, asketisch, dabei aber von Machtwillen erfüllt und sich selbst ganz verborgen; lebt gewissermaßen nur als Astralleib. Eine Frau die etwas Zerschmetterndes hat, selbst keine Gefahr direkt scheut, eher sogar sucht. Handelt verkehrt, aber nicht aus kleiner Schläue; außer dem Sichselbst-verborgensein wertvoll und natürlich, eine fortwährende Gefahr zu Wahnsinn oder Selbstmord. Ein sehr merkwürdiger Mensch, der Andre zerbrechen kann, wenn diese nicht sehr auf der Hut sind, ein Zusammenleben mit dieser Frau ist ein Kampf auf Tod und Leben und man muß schon sehr stark dazu sein. Wenn es gelänge, beruhigend und ablenkend zu wirken, vielleicht durch Erfüllung eines Ehrgeizes künstlerischer Art [Randnotiz: ich weiß, daß Du keine Ablenkung brauchst - nur Vertrauen-Könnentr\. Könnte diese Frau zu einem Ausgleich gebracht werden. Ein tragischer Fall, wegen der unleugbar vorhandenen Werte, die Hemmungen könnten nur durch größte Aufopferung gelöst werden, die Tragik liegt in meiner destruktiven Heftigkeit. Leider fehlt es mir grade an der Fähigkeit zur Aufopferung. Aber mir ist klar, wenn ich an Deine Kinderbilder denke, daß Du einer sehr aufmunternden Erziehung bedurft hättest - und daß ich jetzt alles tun muß, um Dir über die vorhandenen Härten wegzuhelfen

[1] Eventuell Anselm Ruest.