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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
  • Datierung03.06.1918
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang3 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 724/79
  • Andere NummerBG-HHE I 10.39
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
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„4. Juni 1918
Ich möchte noch an Dich einige Fragen richten, weil ich gestern nicht begriffen habe - was und wie alles vorgegangen ist. Zunächst teile mir doch mit, was an meinen Beobachtungen der Tatsachen unrichtig ist.//
Ich war vom Cafe aus mit Dir in den Kino gegangen. Saß die ganze Zeit Hand in Hand mit Dir und an Dich gelehnt. Das Stück mit der Morena[1] regte mich etwas auf. Ich ließ es aber Deinetwegen möglich wenig merken. Dann zuletzt sagtest Du Dir wäre schlecht. Ich brachte Dich nach hause, konnte Dirs aber nicht recht machen, Du frugst sogar, ob ich böse sei - bei Gott ich war es nicht! Aber ich wußte nicht, was ich mit Dir machen sollte. Als ich wartend vor Dir stand (ich stützte Deinen Arm, auch Deinen Kopf legte ich an mich, aber nur einen Augenblick weil Du ihn wieder fort nahmst) und Dir den Stirnumschlag wechselte, da sagtest Du auf einmal, ich solle mich wegsetzen lesen, Du hättest Angst. Ich wurde nicht böse sondern ging fort. Später kamst Du dann und sagtest, Du hättest Dich falsch ausgedrückt und ich solle gut sein. Aber diese Angst hatte mich doch sehr getroffen und ich konnte nicht gleich ganz gut sein. Dann gab ich Dir noch ein Aspirin, das nahmst Du nicht, sagtest ich solle Dir etwas Essen wärmen, was ich sofort tat - und dann wolltest Du plötzlich aufstehen und kochen, worüber ich etwas redete und dann sagte: ich kann machen was ich will, es ist Dir nichts recht - es ist zum verrecken. Ja es ist zum verrecken sagtest Du, nahmst das Aspirin und weil ich nun sagte: das ist also alles was Du darauf tust, das ist sehr nobel - da legtest Du Dich hin - und ich, um mich nicht zu ärgern, setzte mich wieder und las. Dabei schliefst Du ein. Bis 1/2 11 Uhr blieb ich mäuschenstill sitzen um Dich nicht zu wecken - da ich nicht mehr lesen konnte und auch essen wollte, ging ich leise in die Küche und fing an Erbsen zu kochen. Nach einer Viertelstunde kamst Du, amüsiertest Dich über meine Kocherei (was Du nicht getan hättest, wenn ich »böse« gewesen wäre) streicheltest mich und küßtest mich und ich sollte gut sein - ich sagte nur: Du warst nicht anständig zu mir, dann half ich Dir beim Kochen und bekam mein Essen, aß allein einen Teller, dann kamst Du mit dem übrigen nach. Ich war ganz ruhig - dachte an garnichts! Sagte Dir, zuerst ganz ruhig, Du solltest Dir eine andre Frisur machen, da antwortetest Du im kläglichsten Ton der Welt: ja soll ich sie gleich ändern, ich sagte nein, fuhr aber fort, Dir zu sagen, warum Du die Frisur anders machen solltest - Du begannst zu zittern und (wie ich sagte: stöhnen) heftig zu atmen und wiederholtest nochmals ob Du Dir die Frisur gleich machen solltest - ich ärgerte mich aber nun ernstlich über Deine gezeigte Art und Aufregung und sah Dich böse an und sagte: also darf man Dir nicht mal was über Deine Frisur sagen; Du behauptetest ja, aber es war augenscheinlich, daß Du gekränkt und aufgeregt warst - da ich den Grund nicht begreifen konnte und Du obendrein anfingst den Kopf aufzustützen und nicht zu antworten stand ich auf, warf mein Taschentuch in die Ecke (ich glaube auch ein Buch auf den Tisch) setzte mich einen Augenblick - und ging dann hinaus, um nichts mehr zu sagen, damit nichts geschehe! Schloß mich in der Toilette ein, 3/4 Stunden lang bis ich ganz ruhig war und dachte, Du wirst schon kommen und an die Tür klopfen. Denn ich hatte Dir nichts tun wollen und war nur ärgerlich geworden weil Du gleich so sehr aufgeregt warst. - Da hörte ich was auf dem Dach, dann Dich husten - stürmte ins Zimmer - sah Dich halb draußen sitzen (ein Bein hocherhoben!) und riß Dich weg - weil ich dachte, Du wolltest zum Fenster hinaus. Jetzt war ich sehr ärgerlich und machte Dir Vorwürfe, aber Du sagtest in einem mir unglaubhaft scheinenden Ton, Du hättest nur Luft haben wollen. Als ich sagte, daß Du lögest, schriest Du mich an - da dachte ich, es wäre besser, zu gehen und verlangte die Schlüssel - als ich mit ihnen aus der Küche zurückkam - stiegst Du eben zum zweitenmal aus dem Fenster. Als ich Dich zurückriß und schimpfte, und auf Dein Bett warf - da schriest Du mir vor, ich würde Dich noch diese nacht ermorden, jaaa, - ich wußte nicht, war das Irrsinn oder was - und bespritzte Dich mit Wasser. Da tratst Du nach mir [wie] ein Teufel. Dann begoß ich Dich. Und weil Du wieder tratst, wurde ich wütend und schlug Dich. - Ich habe bis jetzt nicht begriffen, was ich Dir damit getan hatte, daß ich mich eingeschlossen hatte, oder über Deine Frisur geredet - daß Du zum Fenster hinaus wolltest. Und ich war entschlossen, Dir nichts zu tun und zu gehen - da stiegst Du wieder aus dem Fenster. Auch da wollte ich Dir nichts tun, Dich nicht schlagen - aber Du tratst mich. - Und dann später schüttelte ich Dich, weil Du immer schriest, ich wolle Dich ermorden: und brüllte Dich an, daß Du lögst und aus mir ein Schwein machtest und daß das von Dir Schwindel sei und Du sehen solltest was Du tätest - aber Du sangst fortwährend: ja, jaaa, Du wirst mich ermordeeeen, jaaa, schlag nur zuuu, immer feste, es ist das letzte mal - so daß ich rasend wurde. - Es tut mir bitter leid, daß ich Dich so schlug - aber ich war zuerst so beherrscht, daß ich gehen wollte - und Du fingst gleich von Mord an - ja - warst Du irrsinnig? Ich begreife nicht, wieso Du dazu kamst, zum Fenster hinaus zu wollen. Und wenn Du ein ruhiges Wort gesprochen hättest - aber Du hörtest garnicht, warst wie in Trance - allein lassen war sehr schön gedacht - aber da hättest Du nicht wieder aufs Fenster steigen müssen. Und ich hätte Dir nichts getan, aber Du tratst wie eine Rasende.
Bitte stelle das, was »gelogen« sein soll - richtig. Ich begreife nichts. Und wenn Du ehrlich bist, mußt Du zugeben, daß Du geistesgestört warst - denn ich war zwar zuerst ärgerlich darüber, daß ich lesen sollte weil Du Angst hattest - und dann böse, weil Du wegen meiner Äußerungen über die Frisur gleich furchtbar aufgeregt wurdest - aber um ruhig zu werden schloß ich mich ja ein, und dachte immerzu daran, Du wärst krank und ich dürfe Dir nichts tun. Hättest Du mir einen Schritt entgegengetan, statt zum Fenster hinaus zu wollen - wäre alles gut gewesen, denn ich war Dir dankbar für Deine Pflege in den Tagen vorher und wollte außerdem alles tun, was ich nur konnte, weil ich Dich liebe. - Also was nun? Kannst Du das einsehen, daß da etwas geschehen ist - das sich meinem besten Willen entzog und daß ich Dich nicht »ermorden« wollte (das schien Deine fixe Idee zu sein) - dann sieh zu, was geschehen kann, das ungeschehen zu machen. Ich war trotz aller Wut, dann, sehr verzweifelt. Denn ich schwöre: ich habe das nicht gewollt!
Falls Du aber glaubst ich lüge - dann werde ich Dich frei geben für immer. Ich sehe, daß es nichts hilft, wenn ich Dich noch so sehr liebe und wenn ich noch so sehr an Deine Kindlichkeit glaube - was das gestern war, weiß ich nicht - aber von mir war es weder gewollt - noch betrüge ich mich. Daß mich Deine ewige Vertrauenslosigkeit rasend macht - das könntest Du fühlen. Und so will ich Dich denn gegen alle meine Wünsche und Sehnsüchte Dir selbst überlassen - Du scheinst es erzwingen zu wollen und scheinst mich als Tier zu brauchen - damit Du allein bleiben kannst. - Ich werde nie mehr an Dich herantreten, wenn Du es nicht willst. - Lebwohl für diesen Fall.
R.
Baader wird in den nächsten Tagen einiges abholen kommen, er teilt es Dir noch mit.“

[1] Erna Morena, Filmschauspielerin.