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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
  • Datierung18.06.1918
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang3 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 731/79
  • Andere NummerBG-HHE I 10.51
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
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„18. Juni 1918
Du mußt nie vergessen, wie wir zusammengeraten sind. Daß dieses Geschehen, wie Menschen zusammengeraten eigentlich etwas Wunderbares und tief Bedeutungsvolles ist - und daß sie dies so zu erkennen haben, daß sie alles Elend miteinander tragen - weil der Sinn des Erlebens, grenzenlose Verantwortung gegeneinander, sie damit zu etwas bereitet - das heute erst geahnt werden kann in dem Wort: Gemeinschaft. Unsere Zeit ist eine der größten inneren Umwälzungen im Bewußten und Unbewußten des Menschen - und darum sind Not und Elend größer für alle und den Einzelnen als sonst. Und keiner darf dieses Leid vermeiden wollen - bevor nicht alles, was er zu erkennen hat, erkennbar für ihn geworden ist, so daß er sich daran beweisen kann. Denn die von Uranfang gestellte, aber immer wieder verleugnete Aufgabe: Gemeinschaft, erfordert seine Selbstauflösung ohne Grenze - die Unwahrheit der Grenzen soll ja überwunden werden! Das Erleben der Gemeinschaft als Bindung in Beziehungen muß an Stelle des Glaubens, der Religion treten - aus welchen Gründen aus dem Taoismus, dem Buddhismus, dem Christentum eine Lüge wurde, kümmert uns nicht - heute gilt für Einen und Alle: wer aber bis an das Ende beharrt der wird selig. Und dieses Erkennen ist Not, Tod und Elend zu ertragen wert! Das Aufgeben der Grenzen, die wir aus der Familienatmosphäre heraus als Leitlinien gestaltet haben, ist der einzige Weg aus aller Krankheit - hier beginnt erst die Sicherheit im Vertrauen auf den Anderen. Und bis zu dieser Erkenntnis würde heute kein Mensch ohne den Zwang der Not und des Elendes oder des Sterbens kommen - wenn das auch oft sinnlos erscheint. Und mir ist ganz klar, daß nach den 6 Wochen noch nicht alles gut sein konnte, weil noch eine wichtige Erkenntnis fehlte - die ich gestern niederschrieb. Denn vorher war noch meine oder Deine »Schuld« - was heute wirklich Weg und Balance sein kann - wenn Du Dich nicht verschließt. Und wenn ich immer wieder zu Dir kam und komme - so war es deshalb, weil meine Aufgabe mich unbewußt dazu zwang. Und Du mußt als geistiger Mensch, als Frau, die nicht mehr »nur Frau« sein will, sehen, daß Du jetzt diesen Weg verwirklichen helfen mußt - denn alles bisherige Geschehen stand nicht in unserem freien Belieben - sondern war nötig, um uns bis zu diesem Punkt zu bringen. Und darum achte ich Deine Widerstände - aber jetzt komme, Du mußt doch den Sinn sehen, und daß der Einzelne allein nichts sein kann! Alle »kleinen« Dinge sind bedeutungsvoller, als wir das begreifen, weil wir durch die »Schule des Lebens« nicht gegangen, sondern gezwungen worden sind, also unsere eigenen Triebcomponenten, um dies oder jenes zu realisieren - nicht mehr verstehen. Und darum verstehen wir auch einander nicht, und verstehen nur mehr die gröbsten Unterscheidungen, wie Recht oder Unrecht - machen also aus dem ganzen Erleben etwas Gewöhnliches, das praktisch in Selbstsicherungen und Agressionsumkehrungen eingeteilt werden kann - kurz unsere ganze Neurose ist das Nichtertragenkönnen des Gegensatzes, des Anderen. Und deshalb ist heute noch Not, Tod und Elend notwendig (in der Beziehung der Zusammenbruch - weil wir uns sonst bequem belügen würden) - denn im Geschehen der Beziehungen würde sofort ein Stillstand, eine Grenze ein- treten, die genau wie im Weltkrieg bei »zu frühem« Ende - zu einer furchtbaren Lüge und Täuschung führen würde. Heute ist noch nirgendwo Gemeinschaft verwirklicht - aber nur darum nicht, weil der Einzelne sich selbst zu naiv glaubt - die Falschnehmung seines eignen Erlebens aus den Kindheitscomplexen heraus nicht mehr begreift. Bevor nicht die letzte und tiefste Einsicht gewonnen ist - kann der Kampf und Dreck und Elend nicht aufhören - es wird ja dadurch nur gezeigt, wie viel Dreck noch verborgen ist. Und darum darf man keine Grenze ziehen, wo man sagen könnte: ich will nicht mehr und ich kann nicht mehr. Denn man verdeckt damit nur seine eigne Schwäche und den eigenen Willen zur Selbstsicherung, statt zur Gemeinschaft. Ich habe jetzt den ersten wirklichen Schlüssel zum Tor dieser Geheimnisse gefunden - aus aller Neurose heraus; wobei ich klar sehe, was ich immer auch verhindert habe: die Berechtigung des Anderen und die Notwendigkeit des Widersprüchigen - da es nichts Einfaches gibt, nie geben kann - das ist erst der Weg zu antagonistischer Gleichwertigkeit.
Dein Raoul Hausmann.“