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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, Berlin
  • Datierung08.07.1918
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang3 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 741/79
  • Andere NummerBG-HHE I 10.65
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

„8. Juli 1918.
Ich empfehle Dir das Mazdaznanheft[1], das ich beilege, zu lesen, weil immerhin wertvolle Dinge darin stehen. Es wird darin die antagonistische Gleichwertigkeit gezeigt, und ein harmonisches Leben durch die Beherrschung des magnetisch-elektrischen Rapports. Außerdem wird darin gezeigt, daß die Frau, wie ich immer sagte, auch heute noch das stärkere, realere Wesen besitzt. Somit den Mann lenken kann. Aber: wenn Du in Deinem Brief von vor 14 Tagen schreibst, Du wärst die Stärkste von uns Dreien - so mußtest Du sehen, daß die Stärke nicht in der Flucht oder dem AufDichSelbstZurückziehen liegen kann. Auch der O.Z. Ha’nish[2] kennt die Frau als Beherrscherin der Familie - aber derer, die sie sich selbst schuf, nicht so wie Du in Abhängigkeit von dem Ideal der Familie, aus der Du herkommst. Nur eine Ablösung von der kann zu einer neuen »Familie« führen - diese fortwährende Erneuerung heißt aber besser: Leben in Beziehungen. Ich bin ein Mensch, der nicht nur elektrisch, nicht nur positivmännlich ist - ich habe schon viel magnetisch-weibliches. Und darum ist es mir unbegreiflich, daß Du mit mir nichts solltest anfangen können - wo ich Dich doch so sehr liebe. Das fällt nicht nur auf mich.
Nun will ich sagen: nach Deinem Schweigen zu urteilen siehst Du die Vorkommnisse vom Mittwoch ganz anders an, als ich. Und zwar sicher so: daß ich sehr böse gewesen war, schon Nachmittag, daß Du bis zuletzt weiß Gott was ertragen hast, u.s.w. Aber da will ich nun anfangen, meine Eindrücke genau zu schildern [...].“
[Raoul Hausmann vollzieht die Steigerung des Konflikts nach.]
„Was an dem Mazdaznan dumm ist, wirst Du schon selbst merken. Die Gemeinschaft ist ein »heiliges Naturgesetz« - nicht die Ehe zu zweien. Siehe China, Japan, Indien, Persien. - Und denke an den Brief, den ich über das »una cum uno«3 schrieb, im Bereich der Gemeinschaft.

Also: wenn Du keinen Mörder brauchst, für Deine Familie brauchst - mache keinen aus mir. Und was hieß das: Es ist alles gut, wenn ich kein Wort mehr spräche, das Du zu mir sagtest? Was hatte ich eigentlich Dir tun wollen? Und was wolltest Du, daß ich täte, damit ich Schuld hätte? An Deine Kindlichkeit glaube ich - aber Deine Familie macht Dich böse, nicht nur gegen mich! Zweifelst Du immer wieder an meiner Liebe (Du sagst ich wäre animalisch) und daß Du daraus nichts machen könntest?!“

[1] Mazdaznan. Zeitschrift für Zarathustrische Philosophie, Körperpflege und Diätetik. Erschien seit 1908. Träger der über die ganze Welt verbreiteten M.-Bewegung war die 1917 gegründete Reorganized Mazdaznan Temple Association, die ihren Hauptsitz in Los Angeles hatte. M. lehrte universales Heil durch planmäßig betriebene Evolution. Der Einzelne könne durch planmäßige Selbstentfaltung und Reinkarnation zu hohen und höchsten Stufen aufsteigen. Mittel dazu seien Selbsterkenntnis und - beherrschung, vorgeburtliche Ernährung, vegetarische Ernährung, allseitige Körperpflege und besonders eine »rhythmische Atemkultur«.
[2] O.Z. Hanish: Otomar Zar-Adusch-Hanish (1844-1936), Gründer der Mazdaznanbewegung.
[3] Vgl. BG-HHE I 8.30.