Results:  1

Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
  • Date11.07.1918
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount1 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 745/79
  • Other NumberBG-HHE I 10.72
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„11. Juli 1918.
Nachdem ich alles Schwere, Dunkle
auf Dich Lichte geworfen habe in 3 Jahren
und Dir nie habe vertrauen können
und Deinem Gesetz, das mich führen sollte -
bin ich sehend geworden und muß mich beugen
vor Dir, Weib, Mutter meines Sohnes,
den ich erhoffe seit Anfang.

Dieses Schwere das ich auf Dich wälzte, das Dich an mir verzweifeln ließ - dies wird nun von Dir genommen werden - ich beuge mich Dir als der Reinen, Reineren als ich bin. Ich habe Dich verwirrt - Du aber hast nie geschwankt innerst und an dem Heiligen in Dir festgehalten und das Leid für 3 getragen - aber jetzt sehe ich das Licht des Ideals, das ich verleugnete um eines Mitleids willen. Um eines Dankes willen an eine Frau wurde ich beinahe zum Mörder an Dir. Aber jetzt hast Du mich ganz gereinigt - und aus meiner Schuld heraus an Dir darf ich Dich anflehen: hilf mir auf dem Wege zu Dir, weiter, bis zu unserem Sohn. Du Reinste von Allen, die ich schlug, vergib mir. Noch strahlt über Dir der Himmel, den ich verleugnete, den Du hoch hieltest immer, immer - Und den Du nicht verlorst, um uns doch noch in ihn zu führen. In Demut will ich mich führen lassen. Ich vertraue Dir für immer, Du Kind und Blume. Ich will nur mehr eine Aufgabe kennen: Dir alles wiedergeben, was ich Dir in den 3 Jahren genommen habe an Kindlichkeit. Und den Schmutz und die Bosheit die ich auf Dich warf wieder gutmachen - für jeden Schlag und jedes Schimpfwort in diesen 3 Jahren will ich Dir eine Liebe zu erweisen versuchen - laß mich das dürfen. Ich sehe mein ganzes Heil nur bei Dir - und wenn ich Dich bitte, E. S. gegenüber gut zu sein, dann deshalb, weil sie immer gut zu mir war - aber ich war feige und habe Dich, trotzdem ich Dich erkannt hatte, instinktiv erkennen mußte, verraten. Sie war nie bewußt böse - aber ich war es. Aus einer uneingestandenen Bürgerlichkeit, weil es schwer ist, mit Dir rein zu sein und blumen- haft - und weil ich doch bequem war. Aber nun bitte ich Dich: glaube an das Gute in mir, und hilf mir, es stärker werden zu lassen. Du allein bist rein und stark genug unter allen Frauen, das Böse in mir auszurotten und mich von mir zu erlösen: weil Du alles dies Unmenschliche ertragen hast. Und heute kann ich gut machen. Ich will Dich lieb haben und alle Deine Qualen Dir abnehmen. Ich sage das nicht leichtfertig - Alles Böse, das ich Dir vorwarf, war mein Böses. R.

Und daß Du mir mißtraust, begreife ich. Aber vertraue mir um Deiner eigenen Reinheit willen - und um meiner Rettung willen, die nur Du vollziehen kannst. Ich erwarte sehnlichst Dein Vergeben.“