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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
  • Date13.07.1918
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount1 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 747/79
  • Other NumberBG-HHE I 10.75
  • CreditlineErworben aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„Wenn Du willst werde ich dies in Abschrift an Baader, Jung, Danilo, Grete, an wen Du willst als Bekenntnis schicken
13. Juli 18.
Liebe
das ist meine Beichte: daß ich wirklich, so wie Du sagtest, alles zwischen Mann und Frau nur theoretisch erkenne, aber zu schwach bin, danach zu leben. Was ich im April noch nicht genügend wußte, das habe ich jetzt durchschaut: ich selbst leide schrecklich an Minderwertigkeitscomplexen und ich selbst nehme fortwährend eine Proteststellung ein, aus der heraus ich Deine Freiheit nie ertragen habe, nie duldete - ich verbarg meine Vergewaltigung fortwährend vor mir selbst. Ja, ich habe mich betrogen - aller Dreck und alle Schauspielerei und alles Elend stammt von mir, und ich habe es gewissenlos auf Dich geworfen. Du hast, feinfühliger als ich, das immer instinktiv gemerkt, daß ich nicht in Ordnung war - und ich habe es geleugnet und mich betrogen. Ich habe alle Vorwürfe, die ich Dir machte, mir zu machen - und meine Theorien auf mich anzuwenden. Du bist die Stärkste von uns - und ich bin Dir gegenüber sehr schuldig. - Auch mit E. S. habe ich viel gesprochen und sie gibt Dir sehr recht - sie wird sich jetzt freier machen von mir - und sie will mir sogar nicht einmal schreiben - um mich nicht gegen Dich zu beeinflussen. - Komme doch wieder - ich begreife jetzt mich und mein Böses sehr viel genauer und will Dir für alle Deine Liebe und Dein Ausharren mit mir nur versuchen wieder Liebe zu erweisen. Du bist gut, und wirst mir erlauben, meine Schlechtigkeit wieder gutzumachen. Ich bitte Dich inständig, erlaube mir, zu Dir zu kommen. Verzweifle nicht an mir - ich will und muß mich von Dir führen lassen - ich will jeden männlichen Protest überwinden lernen. Ich sehe, wie sehr ich mich geschont habe - und daß ich noch blinder war als Strindberg. Ich will Dir mein Leben geben - nimm mich wieder! Ich bitte Dich. Ich sehe jetzt auch die Uberhebung, die ich noch in dem blauen Heft vom Mai[1] hinter allem möglichen verbarg. Ich bitte Dich so sehr, so sehr, vertraue mir jetzt, wenn es Dir möglich ist, daß es mir ernster ist als je: una cum uno. Und das ich aus endlicher Erkenntnis meiner ganzen Eitelkeit und Selbstsicherung Beherrschung lernen will und werde. Erlaube mir zu Dir zu kommen.
R
Bis jetzt war meine beste Liebe animalisch - jetzt liebe ich Dich anders. Ich sage das ohne Sentimentalität. Ich habe jetzt etwas gelernt, habe noch viel zu lernen - ich verdiene noch kein Vertrauen - aber setze es trotzdem in mich.
Ich glaube an meine geistige Wiedergeburt - durch Selbsterkenntnis - aber vorher muß jede Selbsttäuschung überwunden sein. Du hast so viel Liebe - hilf mir doch noch weiter auf dem Weg zu Dir!
Ich habe viel mehr als Du die Kindheitscomplexe zu überwinden.“

[1] Vgl. BG-HHE I 10.36.