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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch. Berlin
  • Date19.07.1918
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Amount3 Blatt, 1 Umschlag
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 753/79
  • Other NumberBG-HHE I 10.76
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description

[Handschriftliche Notiz auf dem Briefumschlag:]
„S.O.S.
Hannah - ich falte täglich die Hände -
19.7.1918
S.O.S.“

„An Hannah.
Liebe.
Du betonst in Deinen Briefen immer sehr das Geistige, nach dem Du Dich richtest, gegen mein Animalisches. Du selbst hast mir in dem letzten Jahr unseres Zusammenlebens mehrfach von selbst erklärt, daß Du einen nicht geringen Teil dieses Geistigen erst an mir und durch mich entwickelt hast. Ich will hier nicht rechnen; aber: willst Du dann nicht erlauben, daß ich jedesmal, wenn ich auch durch meine Unbeherrschtheit in Rohheit verfallen bin, zu diesem Geistigen zurückkehre? Und daß Du trotz allem Bösen, das durch mich geschieht, dies Geistige hochhältst und erwiderst - auch wenn Du mit mir als Person zürnst? Und wenn Du mir wirklich auch nur das Geringste verdankst - dann wirst Du es mir dadurch danken, daß Du wenigstens meine Briefe liest. Ich mag sein wie ich will - daß ich in einem Dualismus von noch ungebändigtem bösen Tier und geistigem Menschen stehe, das weiß ich. Und daß ich Dir bitter weh getan habe, tausendmal, das tut mir selbst sehr weh. Vergiß nicht, daß ich Dich liebe - und daß es mir unfaßlich ist, trotzdem ich heute viele Gründe davon kenne, wie ich immer wieder Dich, die ich so liebe, so sehr anbete, so sehr hassen und darum schlagen konnte. Ich habe nun dies zu sagen: ich erkenne alles, was Du mir in Betreff meiner Störungen und Hemmungen vorwarfst, an. Ich wurde böse und verbarg mir Vieles. Aber auf der anderen Seite ist mein Positives dies, daß ich fähig bin zu lieben - wie ich glaube, daß heute kein Mann lieben kann - und immer wieder muß ich sagen, daß Du doch nie an mir hättest so viel haben können, wenn wir gut miteinander waren, nie Dich hättest so hingeben können - wenn meine Liebe nicht so groß wäre, wie sie es ist, trotz des Negativen, Rohen in mir. Und ich weiß, daß Du gerade um des Positiven, des uns Vereinigenden wegen um so mehr an meinem Bösen gelitten hast - aber bei noch mehr Zutrauen zu meiner Liebe, zu meinem Guten, muß es Dir gelingen, mich von diesem Niedrigen und Bösen zu erlösen. Es muß Dir gelingen, mich zu Deiner Reinheit und zu Deinem Himmel oder Gesetz zu führen, durch allen meinen Dreck durch. Nicht, weil ich will, daß Du alles von mir erdulden sollst - das sollst Du nicht wollen und dafür sollst und mußt Du mich zeitweise ablehnen - aber weil ich doch der Einzige bin, der Dich in allerletztem Grunde begriffen und erraten hat, auch wenn ich oft dieses Gemeinsame, Dein Zutrauen und mein zu-Dir-gehören zerstört habe. Dieses Zusammengehören im Tiefsten läßt mich immer wieder gesetzmäßig zu Dir zurückkehren und dieses im Tiefsten Dich-wollen ist heilig - heiliger als alles andere in mir. Meine tiefe Sehnsucht nach Dir gilt und galt nie nur Deinem Körper. Ich weiß, daß Du auch jetzt heilige Verbindungen zu mir hast, die Du nur vergessen willst, weil Du an mir verzweifelst. Aber um ganz rein mich zu machen, bedurfte es vielleicht dieser langen und schweren Leiden. Kämpfe nicht mehr um mich, sondern kämpfe für mich. Du bist heute befreiter als ich es bin - meine Hemmungen sind meine tiefe Dankbarkeit gegen E. S. und eine noch unüberwundene enge Männlichkeit im herkömmlichen Sinne. Wenn ich auch Dir hätte vor allem treu sein müssen, so kannst Du doch mich nicht verachten wegen meiner Treue gegen E. S. Und im Allerallerinnersten bin ich Dir auch treu - und jetzt will ich die Treue gegen Dich über alles stellen. Denn auch E. S. begreift heute das, was Du mit der Größe des Fortgehens meinst - und sie hat sich freigemacht. Sie wird mich nicht mehr zurückhalten. Aus meiner inneren Unfreiheit habe ich nicht, wie Du ihr schriebst, hier und dort zugeschüttet, sondern ich wollte ihr, der ich etwas nahm (auch ihr tat es weh, daß Du ihr mich nehmen mußtest) Güte erweisen. Aber ich war zu schwach, zugleich Deine Verzweiflung zu ertragen (denke daran, daß Du mir schriebst, Dir blutete jede Stunde das Herz) und daraus entstand Scham, die ihr beide mißverstandet. Und daraus entstand viel Böses in mir - ohne daß ich mich oder Dich davor retten konnte. Denn ich hoffte und erwartete immer,daß Du meine Dankbarkeit und mein Gutseinwollen gegen E. S. tief verstündest und mir dies erleichtern würdest, dadurch, daß Du selbst gut und lieb zu ihr wärest. In Deinem letzten Brief an sie schriebst Du ihr, Du hättest Dich bis zur Indifferenz überwunden und sie lieb gehabt - das kann nicht ganz zutreffen - denn die Indifferenz verhindert das Liebhaben. Und darunter litt E. S. Wenn Du dann ganz ohne Hemmungen zu mir kamst, um zu beglücken - dann fehlte mir das Warme in Deiner Beziehung zu ihr, und da ich durch meine Schwäche, Scham, Nichthaltenkönnen aller 3 irritiert und schwach war, erriet ich Deine Güte wohl manchmal, aber auch dann war ich nicht mehr fähig, gerade diese Deine Güte frei zu ertragen, entgegenkommend zu erwidern - und gegen mein Wollen wurde ich böse. Und es ist wahr, daß dann Du die Schläge für alle erduldest. Und da E. S. und ich das nun wohl langsam aber endlich doch begriffen haben - darum wollen wir beide, daß ich für Dich lebe, gutmache, für Dich frei bin. Ich will Dir antwortend entgegengehen und das heißt mir: Uneinverständnis überwindend erkennen, von mir aus. Heißt, vom innersten Wesen Dir entgegengehen, den gemeinsamen Grund des Zugeneigtseins wiederherstellen. Ich darf nicht untersuchen, indem ich die Schuld, den Fehler allein bei Dir schon in der Fragestellung hervorkehre, die vom bösen Willen und vom Entschluß diktiert ist, das eigene Versagen in Deinem Wesen zu finden. Eine Einstellung, die einseitig untersuchend Dir mein Inneres versagt und dies Unwohlwollende, nicht von mir aus, aus dem Herzen Erkennende, Anerkennende vor mir selbst verbirgt. Verbirgt den eigenen Zweifel, das Mißtrauen, Deine Ablehnung von mir aus enthaltend, die Dich verwirren und zurückstoßen muß. Ich habe von Dir Ungeheures verlangt, und Du hast Ungeheures ausgehalten - aber das kann nicht vergeblich gewesen sein - endlich muß dies meine Herzensverhärtung auf- lösen und besiegen. Und wenn meine Hemmungen alle wesentlich männlich, nämlich intellektuell sind, so treibt mich mein Instinkt zu Dir. Ich habe immer meine noch aus der Familienatmosphäre herrührenden Minderwertigkeitscom- plexe durch E. S. auskompensiert und die daraus herrühenden Hemmungen gegen Dich übersehen - das war feige. Ich hatte das bis jetzt nicht gesehen und sehen wollen - lasse es mich bitte nicht büßen - denn nun geht mein Weg zu Dir. Erst heute weiß und erkenne ich, was ich damit sagte: »Das Weib macht sich frei (...) der Mann ist viel mehr Wollender: Ethos als Gebrechen. Die Geburt des Grundhasses der Geschlechter aus der Gewalt und dem schlechten Gewissen! Der Wissende ist frei von schlechtem Gewissen!« - Und damit: »Darum müssen alle Annies und Diotimas sterben. Der Mensch (hier der Mann) steht noch vor der letzten Erlösung von der Gefangenschaft seines Herzens. Sein Mut macht noch vor sich selber halt (...)- Wenn nun aber dieser Kampf zwischen Tod und Zukunft diese Minute errät, die Bereitschaft des Herzens erfaßt, wenn diese Annies und Diotimas stärker sind als der Tod, dem sie nahe waren - wie müßte dann das so stark und demütig eroberte Leben die Quittung ausstellen?«[1] -
Und nun vertraue, daß wir, vor allem Du, aus allem Leid die Kraft zur Verwirklichung gewonnen haben, - mein ist die Schuld, aber ich will sie nicht nur tragen, sondern aus ihr die Kraft nehmen zum Leben mit und für Dich. Ich sehe mich und sehe Dich klar, und sehe, daß wir doch immer nur darum gekämpft haben, Eines zu werden - ich habe das 3 Jahre verhindert, aber die wirkliche Loslösung des Mannes aus ererbtem Despotismus und aus dem Vergewaltigungswillen ist schwerer, als die Befreiung der Frau: die Frau ist Instinkt und der Mann Intellekt. Von diesem Intellekt und von der Uberhebung werde ich jetzt frei sein für Dich - una cum uno. Auf immer.
19.7.18.“

[Handschriftlicher Zusatz:] „willst Du mir nicht leuchten helfen? Warum fürchtest Du mich? Und im Januar hatte ich Abschied genommen Deinetwegen von Mommsenstr. Später aber erst sahen wir Beide, daß wir unser selbst wegen noch kein Kind haben durften - aber das war nicht wegen dieser Frau. Was geht uns dabei diese Frau an! - Und endlich: der 18. Mai und der 23. Januar sind unsere Schuld, die wir - sühnen müssen - und um sie einmal sühnen zu können, ging ich jetzt ganz und gar von E. S. fort. Bleib bei mir um unserer Schuld willen! Und um dessen willen, was wir in Zukunft zu erfüllen haben - und wofür ich mich frei gemacht habe!“
[1] Zitat aus: Der Mensch ergreift Besitz von sich (vgl. BG-HHE I 8.53).