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Brief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Hannah Höch, Berlin
  • Date17.09.1919
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount1 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 708/79
  • Other NumberBG-HHE I 12.41
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

»17.9.19
Liebe Frau
Ich will Dir schreiben, nachdem ich allein eine Stunde durch den Abend und die beginnende Nacht gegangen bin, und weil mein Inneres oder meine Gedanken bei Dir sind. Die Wege sind hier alle mit hohen Sträuchern, meist Haselstauden eingefaßt, nur selten ein freier Ausblick; und wie ich so durch das Dunkelwerden ging, ganz allein, beinah verloren, aber ruhig und bestimmt, und die Dinge ganz dicht fühlbar waren, aber doch nicht erkennbar, da kam mir die Idee - so dämmerhaft ist das Leben heute noch. Aber es sollte nicht so sein, wir selbst können es verändern. Sieh, Du hast Dich öfter über meinen Konservativismus gewundert: das ist grade das Gute in mir. Lange fest halten können, immer wieder neu kommen. Ich las hier in den Memoiren der Malvida von Meysenbug[1] (einer Freundin Nietzsche’s) über einen Revolutionär von 1848: er war Revolutionär weil er konservativ im besten, edelsten Sinne war. Ich glaube, ich bin revolutionär, weil grade das Stärkste, Lebensfähigste in mir das Älteste sucht und Gefundenes nur sehr schwer preisgibt. (Ohne Gewohnheitseinstellung)
Und wenn ich etwas weiß, dann dies, daß ich Dir verbunden bin durch alle Fehler, die ich mache hindurch - auch wenn ich, um einen Ausdruck Nietzsche’s zu gebrauchen »experimentiere, wenn auch nicht nur andere Herzen bluten dabei«
- und darum auf Wiedersehn!
R.“

[1] Malvida von Meysenbug: Memoiren einer Idealistin. Berlin, 1876.