Resultate:  1

Brief von Johannes Baader an Hannah Höch. Berlin-Wilmersdorf
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Johannes Baader (1875 - 1955)

  • TitelBrief von Johannes Baader an Hannah Höch. Berlin-Wilmersdorf
  • Datierung22.06.1919
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 77/79
  • Andere NummerBG-HHE I 12.32
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

Blatt mit Briefkopf: Cafe Conditorei Prager Platz
„Berlin-Wilmersdorf, den 22. Juni I
Ihr beide liebt Euch. Was heißt: Euch lieben? Die Sexualität, d.h. der Magnetismus des Zueinanderwollens bindet Euch aneinander, während die Polarität, die automatisch durch Eure Intellektualität ausgelöst wird, Euch ebenso regelmäßig wieder voneinander abstößt, wie sie Euch zusammenführt, wenn sie polaristisch die Intellektualität beseitigt hat. Keiner von Euch beiden kann dieses Spiel beenden. Ist es Schwäche, so ist’s auf beiden Seiten Schwäche. Ist es Lüge, so ist auf beiden Seiten Lüge. Ist es aber Stärke und Wahrheit, so ist’s auf beiden Seiten Stärke und Wahrheit. Er will Dich zwingen; Du willst ihn zwingen. Du haßt die Frau, die neben ihm steht, die er Dir aber opfern will, wenn Du Dich ihm ebenso opferst, wie Du sie geopfert sehen willst. Er verflucht die Familie, an die Du Dich lehnst, wenn er Dich nimmt, ohne Dich mit der Fessel einer Stärke zu fesseln, die Dir kein Schwanken frei läßt. Es ist richtig, was er Dir vorwirft; wenn er »Faulheit« nennt, daß Du nicht folgen zu können glaubst (nicht folgen willst) dem Spiel des beweglichsten, des zartesten, des offensten aller Geister, in dessem ungeschützten Leib jeder Eindruck wie ein Todwunde säße, würde er nicht mit brutaler sofortiger Reaktion wieder entfernt werden. Du könntest diese brutalen Reaktionen auflösen, fortbrennen, wenn Du durch Deine Weichheit das Todverwundende der Eindrücke zerstörst, nicht dadurch, daß Du die Eindrücke abwehrst, sie mit der Elastizität Deines Mitgehens, ohne Dich aufzugeben, zum tanzenden Spiel machst. Aber Du sagst: das kann ich nicht. Verzeih: in diesen Dingen zum mindesten ist ein »Nicht-können« ein »Nicht-wollen«. Es gibt eine Metaphysik des »Nicht-wollens«, die uns das »Wollen« unmöglich macht, aber wir sollen uns niemals hinter den Vorwand dieser Metaphysik zurückziehen, sondern immer wieder das Wollen zu erzwingen suchen, wo wir fühlen, daß es besser wäre, das Wollen zu betätigen, als das Nicht-wollen. - Den gleichen Satz stellst Du ihm entgegen. Ich weiß, ich weiß, daß alle Beziehungen der Menschen und Dinge zurückgehen auf die Kämpfe der gegeneinanderstehenden »ich will das«. Wozu noch kommen die Kämpfe innerhalb des einzelnen Kosmos »Mensch«, in dem die Sexualität so will, und die Spiritualität anders. Wollt Ihr Euch also nicht vergleichen; das Kampfwollen gegeneinander einstellen, und Euer beider gegenseitiges Wollen in den gleichen Stall stellen, vor das
gleiche Gefährt spannen-----es ist wahr, daß Du bockiger bist als er! - - (trotz
allem Seinigen)-----dann werdet Ihr Euch zerreißen und zerstören, und ich
kann nicht helfen.
Er will von Dir Zeilen, aus denen er sieht - durch deren letzten innersten Gehalt er sieht, daß er nicht mehr vorhanden ist in Dir. Du hast ihm diese Zeilen nicht geschrieben; du wirst sie ihm nicht schreiben; also ist er so fest vorhanden in Dir, wie Du in ihm. Wie soll ich es hindern, daß er mit jedem Mittel, zu dem der Schrankenlose sich das Recht nimmt, das Sein außer Dir mit dem Sein in Dir zu vermählen sucht. Das ist nicht Vergewaltigung, denn das Wort »Vergewaltigung« ist in diesem Fall sinnlos.Ich habe nichts mehr zu sagen.
Menschen
Baader“.