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Brief von Johannes Baader an Paul Adler. Hellerau
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Johannes Baader (1875 - 1955)

  • TitleBrief von Johannes Baader an Paul Adler. Hellerau
  • Date15.03.1918
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben, handgeschrieben
  • Amount3 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 4078/79
  • Other NumberBG-HHE I 10.8
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

Typoskript mit handschriftlichem Zusatz von Raoul Hausmann.
„Hellerau, 15. März 1918
Lieber Doktor Adler![1] Ku Hung-Ming[2], der mit dem Geist unserer westlichen Welt vertraute Sohn der zehntausend Jahre Chinas, fordert am Schluß seiner Kriegsschrift von den Völkern, die aus dem Wahnsinn des Kriegs einen Auswegsuchen: daß sie ihre gegenwärtigen magna Chartas der Freiheit zerreißen und eine neue magna Charta, nicht der Freiheit, sondern der Treue errichten. Dies sei der einzige Ausweg aus dem Wahnsinn des Blutes.
Und es ist der einzige Ausweg. Ohne diese Errichtung der Magna Charta der Treue gibt es keinen Wiederaufbau der Menschheit. Es ist aber nicht notwendig, ihrer Errichtung die Zerreißung der anderen Magna Chartas vorausgehen zu lassen; es ist nur notwendig die Treue allen anderen überzuordnen. Die Treue zu sich selbst und zur Menschheit. Es ist freilich schwer diese Treue so hoch zu stellen. Denn wer kennt sie? Sie trägt kein Königsgewand heute, sondern einen zerrissenen Bettlermantel, und ist selbst schmutzig, von Dornen zerkratzt, bleich, und mit dem Aussehen einer Wahnsinnigen. Wie DAMAYANTI, als der von Kali besessene König nala sie verspielt und verlassen hatte. Aber warum sollen wir diese Königin nicht rein waschen, ihr Feierkleider anziehen und sie auf ihren glänzenden Tron setzen können? Sie wird freilich eine andere sein als die sie vorher war. Trotzdem bleibt sie DAMAYANTI. - Ohne Bild gesprochen: Die Treue des chinesischen Bürgers zu sich selbst, in die Form der Unterwerfung unter eine Hierarchie gekleidet, kann nicht mehr der Inhalt dieser neu aufgestellten Magna Charta sein. Wir müssen die Treue nehmen wie sie strahlt nach dem Uberstehen der Leiden, Vergewaltigung und Beschmutzungen, die sie erfahren hat auf ihrem Weltweg. Diese Treue müssen wir in das Königsgewand kleiden und ihr den Tron bauen. In den Seelen unserer Kinder. Es muß die Größe des Menschen und die Majestät des Menschen und die Treue von Mensch zu Mensch als Wichtigstes und Grundsätzlichstes und weit über alle anderen Dinge Hinausgehendes in den Schulen gelehrt werden. Dann wird die Magna Charta der Treue unser Panier werden; der Treue zu uns selbst und zur Menschheit.//
Dennoch hat Ku Hung-Ming recht, wenn er der Errichtung einer Magna Charta der Treue die Fähigkeit zuspricht, uns den Ausweg aus diesem Krieg zu bringen; ja wenn er nicht allein von ihrer Errichtung die Heilung dieses höllischen Wahnsinns erwartet. Er schreibt von der Tatsache, daß jeder Mensch auf Erden den Frieden wünscht, niemand aber die Macht hat, Frieden zu schließen. Deshalb die Verzweiflung über die Unmöglichkeit eines wirklichen Friedens. Ku Hung-Ming schreibt: Um nun allen die Friedensmöglichkeit zu zeigen, ist das allererste und einfachste: einige mit der vollen Macht auszustatten, den Krieg zu beenden; die Regierenden in den jetzt kriegführenden Ländern mit unbedingter Macht auszustatten, zu befehlen, daß der Krieg aufhöre, und die Magna Charta der Treue ihre Regierung beginne. Zeigt man so, daß der Krieg wirklich zum Aufhören gebracht werden kann, so wird jeder, mit Ausnahme vielleicht einiger weniger unbedingt unheilbarer Irrsinniger, einsehen, daß die Fortsetzung des Gemetzels und sein Zweck höllischer Wahnsinn ist. Weil kein Haben-Wollen, von der Art, die diesen Streit trägt, Wert und Vernunft besitzt, mißt man es an dem höchsten menschlichen Besitz, der Treue.
Die Gedanken von ku hung-ming haben mich deshalb so lebhaft bewegt, weil sie sich an so außerordentlich vielen Stellen mit meinen eigenen treffen. Ich will hier, jetzt, Ihnen gegenüber, nur den einen Punkt ausführen, der sich mit dem Ausgang des Kriegs beschäftigt. Es ist nichts Anderes, als die Erkenntnis Ku Hung-Mings, daß man eine einzige Stelle zum Hort der Treue und des Vertrauens machen muß, die mich fordern läßt seit Jahr und Tagen: Schaart euch um Baader! - Das ist kein Ruf, der bedeutet: schafft mir den Glanz des Trones! sondern es ist der Ruf Winkelrieds, der besagt: Ich fühle mein Herz stark genug, alle eure Speere zu ertragen! Stoßt zu auf meine Brust, von vorn und hinten und von allen Seiten, auf daß die Speere zerbrechen werden und die Treue den Weg frei finde! Ist es jetzt immer noch unerlaubt, so zu reden und zu handeln, wie ich handle?
Nur den Ruf Winkelrieds rufe ich und für sein Tun stähle ich mich, seit dem Tag, da mir der Weltgeist[3] in den Wolken erschien und mir meines Schicksals und meiner Aufgabe Gestalt wies.
Lassen Sie sich nicht täuschen durch die Unscheinbarkeit des Leibes, in die das Weltgeheimnis mich einschloß. Diese Unscheinbarkeit ist eine Tarnkappe, die schützt und verdeckt, solange die Stunde es fordert. Wir wollen doch nicht mit dem Leib, sondern mit dem Geist schlagen! Und wenn Sie mehr sehen wollen von der Kraft des Geistes, so kommen Sie näher ohne die tausend Vor-Urteile, von denen Sie nicht lassen können, und die Sie blenden. Kommen Sie nicht nur näher, um zu sehen, sondern um zu helfen. Und bringen Sie mit: Hunderte und Tausende von Freunden. Auf daß uns das Band der Treue zu einer gemeinsamen, unzerbrechlichen Stärke mache; und wir die Treue als Macht aufrichten auf Erden, an der die Habsucht und der Wahnsinn zerbricht, und Menschheit und Menschlichkeit den Stab finden, an dem sie in Anmut und Güte wandeln über die Flur des Himmels.
Warum ich Ihnen das sage, lieber Doktor Adler; warum ich Sie aufrufe mit stärkerem Ruf als jeden Anderen, das geschieht, weil Sie mir in der letzten Stunde, in der Stunde der Entscheidung, nahe gebracht wurden. Sehen Sie es nicht als einen unwesentlichen Zufall an, daß Ihnen der, vielleicht nur flüchtige Wunsch kam, mich kennen zu lernen. Es gibt auf der Höhe der Dinge, auf der wir stehen, keinen Zufall. Sie sind mir gegeben in dieser Stunde als der an den ich mich halten soll. Fragen Sie nicht: warum, woher und von wem? Es ist eine Macht,die keinen Namen hat, die hier waltet. Sie heißt weder »Gott« noch irgend sonstwie. Sie ist nur wirklich.
Ich sagte Ihnen an jenem Abend, als wir zu dritt waren, daß ich Ihren Brief billige, mit dem Sie an Harden4 schrieben: »Warum nicht? Warum sollen wir uns nicht um Baader schaaren?« Ich bin keiner, der alles auf einmal verlangt von Ihnen und Anderen. Es war schon viel, sehr viel, daß Sie dem alten Zauberer gegenübertraten, und seinen Irrtum verbesserten, und, wenn auch zunächst nur akademisch, die Möglichkeit neben, nicht unter die Unmöglichkeit stellten. Aber als Sie weiterschrieben an Harden: »Prüfen Sie den Mann! Prüfen Sie Baader!« täuschten Sie sich über die Position dieses Zauberers. Sie boten die Prüfung keinem Unparteiischen an; ja Sie wälzten eine Aufgabe ab, die Ihnen selbst zufiel. Wie soll diese Prüfung geschehen? Akademisch? Durch Diskutieren? Nein, durch das was in Ihnen selbst allem Anderen voransteht: durch Helfen. Helfen Sie mir, ein Jahr unabhängig zu sein von der Notwendigkeit dürftigen Lebensunterhalt zu erwerben - wie Ku Hung-Ming sagt auf der i34.ten Seite seines ersten Buches[5], wo er chang chi-tung, dem kaiserlichen Kanzler, seinem Freund, Dank abstattet für zwanzigjährigen Schutz vor Mangel Solches Verlangen und die gegenwärtige Notwendigkeit, es an Sie zu stellen, ist keine Schwäche, wenn anders nicht grundsätzlich als Schwäche gelten soll, was Ku Hung-Ming sagt: »Ich kann niemand lehren wie man Geld verdient.« Oder die Übermacht, die in mir selbst heischt: »Alle Dinge umsonst zu tun, die ich tue!« - Diese Schwäche ist nur scheinbar und verdeckt nur zeitweilig den Weltwert, der unter ihrem Mantel heranreift. Aber die Notwendigkeit ist eine Tatsache. Es ist schön, wenn Sie mir einen Abend zusammenbringen, an dem ich einer Anzahl Menschen in Dresden ins Herz sprechen darf; es ist aber wichtiger noch, mir Freiheit zu schaffen, allen denen ins Herz sprechen zu können, zu denen mich der Ruf, nicht nur in einer bestimmten Stadt, sondern im ganzen Land treibt. Täuschen Sie sich nicht über den Eindruck, den solches Wirken in den Herzen hervorruft. Prüfen Sie mich ein Jahr lang; verschaffen Sie mir ein Jahr lang die Freiheit zu wirken. Und dann urteilen Sie, ob Sie, nicht nur akademisch, sondern für sich selbst verantwortlich sprechen können: Gehen wir weiter mit Baader und wir werden gut gehen!
Ich brauche 300 Mark monatlich. Ein Jahr lang. Sie kennen Wege und Menschen, mit deren Hilfe diese Mittel beschafft werden können. Gehen Sie diese Wege und vereinigen Sie diese Menschen. Schon einmal wollte einer sie gehen, diese Wege, und vereinigen die Menschen. Er schrieb am 20. Januar 1918:
»An die Kameraden! Alle wünschen: die Umgestaltung des deutschen Menschen. Und der Erde. Mit Worten fordern Alle: Führer und Gemeinsamkeit. Mit Taten aber will Einer den Anderen totschlagen. Wir Kommunisten der Materie und des Geistes fordern von Euch: seht über Eure Egoismen hinweg. Helft dem Freund, Kameraden, Führer - weil er Freund, Kamerad, Führer ist. Tut den gemeinsamen, niedrigsten Schritt gegen Euren Kapitalismus: greift in Eure Taschen und gebt Jeder, damit ein Freund, Kamerad, Führer nicht auf das ›Ir- renhaus‹ oder den ›Hilfsdienst‹ angewiesen bleibt! Oder Ihr seid feige Verräter Eurer Überzeugungen! Helft Baader! Raoul Hausmann.«
Ich habe damals die Aussendung dieser Worte verhindert. Heute ist es Zeit, daß sie ausgehen.
Treue um Treue!
Baader.
15. März 1918“.
[Handschriftlicher Zusatz:] „Kennst Du den Abschnitt: »Die chinesische Frau«? (Ku Hung-Ming - Der Geist des chines. Volkes)“.


[1] Paul Adler (1878-1946), Schriftsteller. War befreundet mit Jakob Hegner. Lebte seit 1912 in Hellerau bei Dresden. Im Krieg Pazifist. Gründete 1918 die Sozialistische Gruppe geistiger Arbeiter im Spartakusbund. 1921 Redakteur der Prager Presse. 1923 Rückkehr nach Hellerau. 1933 Flucht in seine Heimatstadt Prag. Uberstand den Krieg in einem Versteck. Starb 1946 in Prag.
[2] Ku Hung-Ming, chinesischer Schriftsteller. Veröffentlichte 1916 sein Werk Der Geist des chinesischen Volkes und der Ausweg aus dem Krieg, auf das sich Baader im Folgenden bezieht. Seine Schriften wurden in der Aktion annonciert.
[3] Ein Naturerlebnis in Form eines Alpenglühens am Sylvestertag 1896 wurde von Baader in der Rückbesinnung mystifiziert. Aus diesem Erlebnis leitete er sein Sendungsbewußtsein ab. »... Und der glühende Schnee schrieb flammend / Den Anfang des Mythos der künftigen Zeit / In die bedeckte, verdeckte Unendlichkeit. / So kam, in den Wolken, aus den Wolken entspringend, / der Dichter, den ihr hier seht...« Johannes Baader: Sylvester 1896. In: Oberdada. A.a.O., Nr. 1.
[4] Maximilian Harden (1861-1927), Schriftsteller. Herausgeber der Zeitschrift Die Zukunft.
[5] Ku Hung-Ming: Chinas Verteidigung gegen europäische Ideen: Kritische Aufsätze. Dresden, 1911.