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Brief von Johannes Baader an seinen Vetter  R. W.
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Johannes Baader (1875 - 1955)

  • TitelBrief von Johannes Baader an seinen Vetter R. W.
  • Datierung17./19.11.1916
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Umfang4 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC H 50/79
  • Andere NummerBH-HHE I 8.70
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

Abschrift eines Briefes und dreier Begleitkarten.//
„902 abd. 201116[2]. Abschrift.//
451.171116.//
L![3] Ich habe hier drei Druckstücke: Wundt’s Gedächtnisrede auf Leibniz (Voss. Abd. v. 15. XI. 16); Paul Ernst: Russland; und den »Grossinquisitor« von Dostojewski. In der Gedächtnisrede auf Leibniz stehen die Sätze: »Leibniz strebte nach einer Wiedervereinigung der Christlichen Kirche, und als das nicht gelang, nach einer Vereinigung der Protestantischen Konfession. Hier war Leibniz der geistige Führer. Man befehdete ihn von beiden Seiten, von Katholiken und Protestanten. Er wurde schließlich für einen Mann gehalten, der überhaupt nichts glaube. Hätte Leibniz mit diesen Bestrebungen Erfolg gehabt, es würde die größte Tat seines Lebens geworden sein.« - Paul Ernst (Roter Tag v. 16.XI.16) schreibt: »Es ist wahrscheinlich die Lebensfrage unserer Kultur, ob es uns gelingt, wieder ein einheitliches Volksleben zu schaffen. Wir haben bis jetzt versucht, das durch Bildung, durch die Verbreitung des wissenschaftlichen Denkens zu erreichen, und manche kleine Länder sind da offenbar bis zu den letzten Möglichkeiten gegangen.//
Aber alle Wissenschaft hat schließlich doch nur praktischen Nutzen, alle Bildung kann nur den Einzelnen heben; einen Zweck für das Miteinanderleben der Einzelnen, einen Zusammenhalt für das gesamte Volk können wir nur aus einem gemeinsamen seelischen Erleben in Religion und Kunst gewinnen: ob dieses bei uns kommen wird, das ist die Frage, von deren Beantwortung das Schicksal Europas abhängt.« - Aus dem »Großinquisitor« von Dostojewski (Brüder Karamasow) wiederhole ich nichts. Wäre Dostojewski zu dem klar gefaßten Gedanken vorgedrungen, daß die Menschen, und alle Dinge im Weltall, Schauspieler der Ewigkeit sind, dann hätte er bis zu dem Kuß, den der gefangene Heiland dem Großinquisitor leise auf seine Lippen drückt, das Gleiche geschrieben, was dasteht, doch dann wäre der Satz gekommen: Der Kuß brennt in seinem Herzen, doch er bleibt bei seiner früheren Idee. Dann aber geht er langsam in seinen Palast zurück, und am Abend wird ihm klar, daß er nichts gegen Seine Gedanken tat. - Und mit diesem Augenblick ist der Inquisition der Todesstoß versetzt, und er steht auf dem Markt und spricht://
Dies aber sei der künftige//
Gottesdienst in allen Kirchen,//
Schauhäusern, Werkstätten und//
Schulen:
Groß ist dein Leben, o Ewigkeit!//
Und wir beten dich an in allen//
deinen Geschöpfen! Als die mit//
dir Eines sind! In Ewigkeit!//
Amen!//
Doch es war nicht des Russen Dostojewski Aufgabe, die Fahne um die sich die ganze Menschheit schaaren wird, aufzustellen. Er war der Schilderer, der unerhörte Schilderer des Bestehenden in seinem Volke, und hatte für die Fahne nur den Standort mit zu bereiten; als einer der größten Arbeiter an diesem Werke.//
— — — — — —//
Nicht die Wiedervereinigung der christlichen Kirche, noch die Vereinigung der protestantischen Konfession ist die Aufgabe, die wir zu lösen haben; es ist eine Plattform zu bauen, auf der alle Gedanken der Menschen Platz haben, und von der aus sie alle in ihrer ebenso gewaltigen als feingefügten Zusammengehörigkeit überschaut werden können. - Und der diese Plattform baut, ist der Buddha, der Heiland, der Christus. - Er gibt den Menschen Brot, Bindung der Gewissen, und anbetungswürdige Herrschaft. Nicht in der Weise der Gotama, Jesu des Israeliten, Mohammed; seine Person nicht ist es, die Brot, Bindung der Gewissen und anbetungswürdige Herrschaft bringt; es ist sein Gedanke. Und dieser Gedanke muß über alle Macht, die er bei seinem Werden gegen sich aufruft, Herr bleiben. Denn alle die Kämpfe, die dabei aufbrennen, sind, wenn anders der Gedanke der höchste ist, nicht Mittel Anderer gegen ihn, sondern seine eigenen Mittel; Spielereien; Spielsachen.//
Unter welchen Gedanken aber lassen sich die Erlebnisse der hunderttausend Jahre einstellen, die zwischen den Tagen vergangen sind, da der homo mouste- riensis hauseri in seine Hütte gelegt wurde, und dieser gegenwärtigen Stunde, da alle Gedanken der Menschen gegeneinander branden in unentwirrbar scheinendem Chaos. - Kennst du den Mammuthjäger an den sibirischen Strömen; die Dichter der ältesten Hymnen des Rigveda und der Lieder des Shi-king; König Sargon von Agada in Altbabylonien, der die 31 Städte eroberte in Phöni- kien; die Vorfahren der wie in einem Schwalbennest unter den überhängenden Felsen im Canon des Rio de Chelly in Arizona wohnenden Cliff-Indianer, und die Gründer der ersten der sieben Städte auf dem Hügel von Troja? Weißt du wer den den Tangaloa-Taaroa dachte in Va-nimo-nimo auf Tahiti in Samoa? Kennst du den König der Roten Krone, der herrschte in der Stadt Bethet im westlichen Delta des Nils, zu der Zeit als noch keine der Pyramiden stand und nur der große Sphinx von Gizeh über das Land ragte in Aegypten? Wer ist Kaiser Yü der Große von China? Was wollten die Häuptlinge der Xosa-Kaffern, als sie das Chamaeleon und die Eidechse zum großen Schöpfer sandten, um ihm zu melden, was sie über Leben und Tod des Menschen beschlossen hatten? Wer ist der Mann, der die Milchstraßenschlange fütterte in Bolivien (Erzählung der Mosetene-Indianer, nach Erland v. Nordenskjöld in der Religionswissenschaftlichen Vereinigung zu Berlin, Herbst 1915). Und der Dichter des uralten Gilgamesch-Epos zu Ehren des großen Bel Marduk von Babylon? Oder Wen- wang, der weise Held, der Herr der Geheimnisse des Tao unter dem Thai-Kih, als er die 64 heiligen Sechszeichen oder das Yih-king ordnete? - Hörst du die Wunder der sechstausendjährigen Geschichte des einzigen Reichs, das aus den Tagen von Babylon und von Assur bis in die Gegenwart aufstieg: China! - Und Gotama, der sich den Buddha nannte: »Ich bringe die Erlösung vom Tode. Tut euer Ohr auf, ihr Mönche; die Erlösung vom Tode ist gefunden! Ich unterweise euch; ich predige die Lehre. Wenn ihr nach der Unterweisung wandelt, werdet ihr noch in diesem Leben die Weisheit selbst erkennen und von Angesicht zu Angesicht schauen ... — — — — — — //
Seitdem weiß ich, daß ich in dieser Welt, samt den Götterwelten, samt Maras und Brahmas Welt unter allen Wesen, Asketen und Brahmanen, Göttern und Menschen die höchste Buddhaschaft errungen habe.« - So sprach Gotama in seiner großen ersten Predigt zu Benares. - Und heute? - Es gibt keinen Buddhismus mehr auf der Erde. Was sich Buddhismus nennt ist so weit entfernt von dem Gedanken des weisen Gotama, wie das heutige Christentum von den Gottesgedanken Jesu. Lies das Dighanikaya, das älteste Stück aus dem Tipitakam, dem heiligen buddhistischen Canon, und die Geschichte der Entwicklung des Buddhismus im Lehrbuch der Religionsgeschichte von Chantepie de la Saussaye.//
»Beim niedergleitenden Sterne!//
Nicht hat Mohammed geirrt, noch sich getäuscht,//
Noch spricht er aus eigenem Verlangen ...«//
(Sure m des koran)//
Denn: Alle Menschen sind Schauspieler der Ewigkeit.//
Alle Menschen, zu allen Zeiten.//
— — — — — —//
Begleitkarte: A.J. B.[4] 17.x1.16. L. R! Herzlichen Dank für Deine lieben Zeilen. Bist Du verwundet? Bist Du krank? Wo hast Du gekämpft? Eine Karte an Dich ist zurückgekommen; ich frug dann in Stuttgart nach Deinem Ergehen, konnte aber keine Auskunft erhalten. Noch bin ich nicht eingezogen. Julius Hart[5] antwortete ich auf seine besorgte Frage neulich was mit mir nun geschehen würde: »Das Tao wird die Sache schon recht machen!« - (Wir haben keinen größeren Begriff, um das vollkommene Leben der Ewigkeit zu bezeichnen, als das chinesische Wort »Tao«; ich bin überzeugt, Du wirst seinen Sinn noch genau kennenlernen.) - Wenn Du mir die Anlagen, abgesehen von dem Briefbuch und den angezeichneten Maschinendurchschlägen, wieder zurückgibst, gelegentlich, bin ich Dir dankbar. - Ich dachte nicht an das (babylonische) Siebentafel-Epos »Enuma Elisch«, als ich die Sieben Blätter zeichnete. - Erst am 6. November
1916, als ich die Stücke zum ersten Mal vorgelesen hatte und mich verabschiedete von meinem Freunde H. und seiner, hervorragenden, Freundin[6], gab sich in der Türe das Wort vom Anfang und Ende in der Verbindung dieser zwei Werke der Sieben Tafeln. »Die Weltgeschichte (meine Weltgeschichte) beginnt mit dem Gedicht der Sieben Tafeln und endet mit dem Gedicht der Sieben Tafeln« sagte ich zu den Beiden und schrieb die Worte auf den Umschlag der Rolle, in der die sieben Blätter lagen. -//
Am folgenden Tag zeichnete ich//
zum ersten Mal das Dir//
mitgeteilte Mal der Sterne//
auf die Seite 27 des Briefbuchs,//
das ich der Meldung an das Bezirkskommando//
über die Postkarte vom 3. November 1916//
an den Prinzen Wilhelm von Preußen beifügte. -//
Herzlichste Grüße Dir und den Deinen.//
Dein Vetter J. B. -//
-----------------------Und jedes Ende ist ein neuer Anfang.----------------------------//
Abschrift der zweiten und dritten Begleitkarte an R. W. 1100 abd. 201116.// 11.19.XI. 16.609 abd.[7] L. R.! Ich sehe, daß ich zur genauen Form Deiner Frage, »ob man sich so ohne Weiteres der ›Magie‹ des Namens Christus bedienen könne, ohne die in diesem Namen gebundenen Kräfte gegen sich zu haben« noch eine ebenso genaue Antwort zu geben habe. Sie lautet selbstverständlich und ohne Weiteres: Nein. Man kann sich dieses Namens nur mit Erfolg, also ohne Schaden, bedienen wenn die Kraft, die einem zur Verfügung steht, groß genug ist, um die Geister, die man in ihm ruft, zu bändigen, also wenn man Christus, oder größer als Christus ist. - Will man aber das in diesem Namen begonnene Werk fortsetzen und beendigen, so muß man durch ihn hindurch und über ihn hinwegschreiten. Eine Umgehung ist unmöglich. - Doch es sind hier noch größere Geheimnisse verborgen, als sie selbst Dostojewski anrührte. - Insbesondere in den Formen der Kraft und der Bändigung. - Die unter Nr. 15 in der einen der Beilagen angeführte//
»Rede des Heilands«//
sagt: Die Frucht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen heißt: Gut und Böse sind die zwei Seiten Gottes. - Die Frucht vom Baume des Lebens aber hast du gegessen, wenn du beide Seiten Gottes im Gleichgewicht halten und in dir spielen lassen kannst nach deinem Willen.//
Herzlichste Grüße nochmals// Der Antwortende.//
111.19.XI.16.808 abd. L. R! (Nach dem Kartoffelschälen und nach der Schneeballschlacht). - Ich muß noch eine dritte Karte beifügen, da ich wohl weiß, daß Du geschrieben hast: »Ohne ein erhebliches Teil der Kräfte gegen sich zu haben.« - Die Rede des Heilands meint nicht nur »Gut und Böse«, sondern auch »mit und gegen«, »plus und minus«, »nah und fern«, überhaupt das gesamte Spiel der Polaritäten, das in der Wirklichkeit denkbar ist. - Grüße Hans W. (und seine Braut noch besonders) und sag ihm, das Relativitätsprinzip werde mehr und mehr zum Kernprinzip aller wirklichen Dinge, und der Weg der Welt gehe seinen Weg der//
Aufhebung aller absoluten Werte.//
Johannes.//
— — — — — —//
(Aus dem Anfang der Gedächtnisrede auf Leibniz: ... Wundt ging davon aus, daß Leibniz in seinen letzten Lebensjahren immer mehr vereinsamte, und einsam ist er auch gestorben. Seinem Sarge folgte kein Vertreter des Hofes, der Wissenschaft, der Geistlichkeit. Das kam daher, daß seine Arbeit und sein Streben ihn in viele Kämpfe verwickelt, ihm Misgunst und Haß zugezogen hatten ...)//
D.M.S.S.D.E./A.M.Z.A.Z. [8]//

[1] Vetter von Johannes Baader, der Name des Briefempfängers ist unbekannt.
[2] 20.11.1916, 9.02 Uhr abends. [3] Lieber! [4] Architekt Johannes Baader. [5] Julius Hart (1859-1930), Schriftsteller und Kritiker.
[6] Raoul Hausmann und Hannah Höch.
[7] 19.11.1916, 6.09 Uhr abends.
[8] Die Menschen sind Schauspieler der Ewigkeit. Alle Menschen zu allen Zeiten.