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Brief von Walter Asch an Raoul Hausmann. Charlottenburg
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Walter Asch an Raoul Hausmann. Charlottenburg
  • Date22.08.1920
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 4770/79
  • Other NumberBG-HHE I 13.46
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

Typoskript mit handschriftlichen Zusatz: „gratis! Anlage zu einer Biographie!“//

„Bei Ihnen, sehr geehrter, geschätzter Herr Hausmann, verbindet sich eine übergroße Empfindsamkeit (Sensibilität) mit einer übergroßen Empfindsamkeit (Sensivität), gepaart mit einer übergroßen Eitelkeit und einem ungemein entwickelten Selbstbewußtsein. Sie sind sicher ein sehr origineller Kopf, sehr gebildet und belesen, aber Ihre übergroße Subjektivität und zu große Unruhe und Ihr bedauerlicher Mangel an Sachlichkeit, verbunden mit Ihrer Sucht unter allen Umständen als extravagant zu erscheinen, lassen es nicht zu einem durchgebildeten sicheren Urteil und einer abgeklärten Welt- und Lebensanschauung kommen. Zweifellos ist es aber, daß Sie ein vielseitig interessiertes Talent sind, daß Sie Geist und viel Intellekt aufweisen. In früheren Zeiten dürften Sie mal viel Interesse für Naturwissenschaft bzw. Mathematik gehabt haben. Der Intellekt war früher maßgebend, jetzt ist es das Gefühl. Aber ob das bleiben wird?Kunstsinn und Musikverständnis dürften nebenbei stark ausgebildet sein. Bedeutendes Talent zur Satyre. Wenig praktisch, aber großzügig in Geldsachen. In Momenten zu starker Willensrichtung, aber noch mehr zur gelegentlichen Brutalität neigend und Launen und Stimmungen nur zu sehr nachgebend. Im Grunde genommen doch berechnete Natur, auch in der Liebe, dabei oft stürmisch und nur zu rücksichtslos. Anlage zu geordneten Gedankengängen, philo- sofisch gebildet. - Vorherrschend Satyriker und Skeptiker, scheinen Sie ursprünglich vom Idealismus ausgegangen zu sein, auch philosofisch, vielleicht Anhänger Schellings, Hegels, ehemals. Eitel und etwas eigensinnig lieben Sie Luxus und sind in vielen Dingen eine sehr materialistische, berechnete Natur, ohne vielleicht den Mut zu haben sich dies selbst einzugestehen. - Als Charakter unbedingt wankelmütig und als Freund unberechenbar oft, sind Sie zu Zeiten doch auch wieder aufopferungsvoll und gutmütig. -
Eine merkwürdige und event. günstige geistige Entwickung stände Ihnen bevor, wenn Sie nur wollten, aber ich glaube nicht, daß Sie die Kraft dazu noch aufwenden wollen oder können.
Deutungen ohne Verbindlichkeit, aber nach bestem Wissen und Ermessen. Ich würde mich freuen, geehrter Herr Hausmann, von Ihnen mal etwas zu hören oder Sie bei Herrn Zierath1 mal bald wieder begrüßen zu können, und würde es mich vor allem interessieren zu hören, ob Sie in großen Zügen mit der Handschrift-Analyse einverstanden sind und begrüße Sie in der angenehmen Erwartung eines baldigen Zusammentreffens als Ihr sehr ergebener Walter Asch
der sich sehr freuen würde, von Ihnen als ein armer Schlucker, der er ist, einen Band des Buches »Hurrah Hurrah, Hurrah«2, aus dem Sie uns zumeist vorlasen zum Buchhändlerpreis zu bekommen. Bitte weisen Sie deswegen gütigst Herrn Zierath an, daß er ein Exemplar zurücklegt und grüßen Sie ihn aufs Beste von mir.
D. O.“
[1] Willi Zierath.
[2] Raoul Hausmann: Hurra! Hurra! Hurra! 12 Satiren.
Berlin: 1921.