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Brief von Raoul Hausmann an Grete Höch. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleBrief von Raoul Hausmann an Grete Höch. Berlin
  • Date30.03.1918
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount2 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 4073/79
  • Other NumberBG-HHE I 10.12
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

„30. März 18.
Liebe, obzwar ich noch keine Antwort von Dir habe, schreibe ich Dir doch. Ich lege die Abschrift eines Stückes[1] bei, das ich gestern schrieb und bitte Dich, es mir mit der Maschine abschreiben zu wollen. Ein Exemplar behalte für Dich. Falls Du mit Hannah sprichst, gebe es ihr auch zu lesen. Gerade über dieses Thema sprach ich mit ihr an dem letzten Unglückstag. Tagelang vorher schon hatte sie eine sehr merkwürdige Stellung mir gegenüber eingenommen. Ich wurde verhaftet, weil bei mir ein Deserteur Unterkunft gefunden hatte und dann nach 3 Wochen erwischt wurde. Als ich später mit Hannah über die ganze Angelegenheit sprach, die noch mit den Dingen zur Zeit Deines Friedenauer Aufenthalts[2] zusammenhängt, sagte sie mir so ungefähr, daß alles, was »wir machten, eigentlich nichts wert sei, daß wir beim verkehrten Ende anfingen, daß ich mich impulsiv zu Dummheiten verleiten ließe usw. Zuletzt sagte sie, weil ich abwehrte, ich könne nie vertragen, daß man mir die Realität zeige. Ich muß darauf sagen, daß eben Hannah garnicht weiß, was in Deutschland Realität ist: nämlich so gut wie garnichts - und unser Weg kein andrer sein kann. Erst gestern sprach ich mit einem der klügsten Leute hier, Lyck[3], der um uns »Sorge« hat, wie er sich ausdrückt - aber einen besseren Weg, Ideen tatsächlich präsent zu machen - den weiß er nicht. Wie Gespräche zwischen mir, Jung, Baader, Lyck beschaffen sind, wie mörderisch die Atmosphäre dabei ist, wie jeder das Letzte herausstellt, davon ahnt Hannah nichts, sie würde ein solches Gespräch ebensowenig aushalten, wie - jedenfalls ist sie klug, aber das genügt nicht. Und helfen kann man ihr nicht, weil sie auf ihre Klugheit zu sehr baut. Diese Klugheit ist aber Schwäche, reaktiv, also wird positiv Mißtrauen, Ressentiment. Sie begreift nicht, daß ich jetzt nach 3 Jahren nicht mehr im Stande bin, ihr »Prüfen« abwartend zu ertragen, daß ich es als Verrat empfinde, wenn sie die Familie oder die sexuellen Hemmungen aus der Familie heraus in sexuelle Freiheit, die die Familie wollte umkehrt und gegen mich ausspielt - sie empfindet nicht den Verrat, der darin liegt, daß sie mir ihre Instinkte entziehen will - und daß ich sie dann schlage. - Laß also von Dir hören! Gruß R.“

[1] Das »Stück«, das Raoul Hausmann erwähnt, ist verschollen.
[2] Grete Hoch war Anfang Februar in Berlin zu Besuch.
[3] Es handelt sich vermutlich um jenen ›Lyk‹, den Emil Szittya als Morphinisten und »vom Bettel lebend« beschreibt, »den man vor 20 Jahren für die Zukunft Deutschlands hielt«. (Emil Szittya: Das Kuriositätenkabinett. Konstanz, 1923. S. 160.)