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Brief von Raoul Hausmann an Grete Höch. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitelBrief von Raoul Hausmann an Grete Höch. Berlin
  • Datierung05.04.1918
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang4 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 4072/79
  • Andere NummerBG-HHE I 10.13
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
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„5. April 18.
Grete - daß Du mir auf meine beiden Briefe nicht geantwortet hast, werde ich nie begreifen. Und wenn ich der fremdeste Mensch wäre - in dem Zustand, in dem sich Hannah befindet, hätte es für Dich klar sein müssen, kann sie nicht bleiben, das ist eine Krise, deren Entscheidung entweder Familie oder R. H. heißen muß und wird. Soviel siehst Du doch wohl selbst, daß dies eine verzweifelte augenblickliche Selbstrettung vorstellt - und Du müßtest mir auf meine Briefe nicht nur meinet- sondern auch Hannahs wegen antworten. Herrn Fritz Höch (Danilo) verdanke ich die schriftliche Benachrichtigung, daß Hannah hier alles aufgegeben habe, nicht so bald wieder nach Berlin zurückkommen werde, fest entschlossen sei, nicht mehr mit mir zusammen zu treffen. Aber Du müßtest doch wissen, daß Hannah schon seit mehr als einem Jahr, trotz ihrer Liebe zu mir, immer wieder entschlossen war, mit mir vollkommen zu brechen, in der Form meiner Ablehnung erst, als führte ich ein Doppelleben, dann wegen meiner Unreinheit, wegen meiner Beziehungen zu der ändern Frau, dann wegen »Doppelehe« - und zuletzt trieb meine »Rohheit« sie zur Familie. Sie übersah nur, daß ich die Entwicklung dieser Widerstände bis zur Flucht in die Familie voraussah - und aus diesem Grunde war ich auch in der letzten Woche unseres Zusammenseins so rasend - ich wollte und wollte nicht daran glauben, daß sie tatsächlich noch dieser letzten Flucht vor mir, dieses vollendeten Verrates, bedürfe - aber mir war am 23. März sofort klar, was sie wollte: Familie, als sie über ihren Zustand klagte, sagte ich sofort: fahr nach hause! Und als sie für ihren Vater log, da konnte ich mich nicht mehr halten. Ich bin zu weit gegangen - aber Hannahs Widerstand gegen mich muß größer sein als ihre Liebe - denn wenn sie ihrer Familie zuliebe (angeblich durch mich gezwungen) ihre persönliche Freiheit und Existenz aufgibt - für mich hätte sie das nie getan! Sieh doch, daß Hannah sich die Tiefe ihres Widerstandes gegen mich geflissentlich verbarg und verbirgt - denn sie liebt mich ja auch; deshalb muß die Sachlage so sein, daß ich sie scheinbar zu diesen Vorgängen, zu dieser Flucht in die Familie gezwungen habe. Aber in Wahrheit liegt die Sache so: nach unserer letzten Versöhnung hätte Hannah erkennen müssen, wenn nicht an meinen Worten, so an meinem Tun, daß die letzte, offene Form ihres Widerstandes erreicht und aufgelöst war. Sie hätte Vertrauen haben müssen. Ich sagte ihr in Potsdam: wenn sie sich nur körperlich an mich erinnern wollte, wenn sie Widerstände oder Hemmungen hätte, so würde sie die überwinden lernen, - denn sie vergißt mich gerade immer körperlich, - und sie versprach mir, es würde nie mehr so sein, wie bisher. Nun setzte aber hinterher noch ihr verborgenster, verdecktester Widerstand gegen mich ein: sie wollte, sich unbewußt, in die Familie.
Grete, Mensch, begreife doch, daß man ihr helfen muß, diese Dinge aufzulösen
- sie vernichtet sich mehr als sie weiß! Diese vielen Zusammenbrüche waren notwendig, (noch den letzten Tag sagte ich zu Hannah: sie solle auch in ihnen noch Erleben sehen - sie behauptete das auch zu tun - aber - Du siehst ja, daß ihr Wille zum Erleben und zu mir schwächer war, als der zu Familie [Randnotiz: „Das muß Hannah klar werden“] und die Zusammenbrüche hätten schließlich in ihr alle Hemmungen zerschlagen - sie wäre frei geworden! Leider ist meine Schuld an dem Zustand jetzt vorhanden: ich konnte es nicht mehr aushal- ten, rein mit den Nerven nicht mehr aushalten, daß sie mir noch einmal davon- laufen wollte: ich schlug sie, und da ist es doch geschehen. - Aber sie kann so nicht bleiben. Und Du mußt das begreifen, und mir alles schreiben, was sie tun will, und Du mußt einen Weg finden, ihr zu helfen - rede Dich nicht aus!
Antworte sofort! Du mußt! - Oder ich fahre sofort nach Gotha - denn ich werde sie nicht aufgeben - jetzt nach 3 Jahren kann ich das nicht mehr. Bin ich in Gotha, dann mußt Du mir antworten!
R.
Ich will Hannah erst ausruhen lassen, aber ich muß wissen, daß Du ihr wirklich hilfst!
Ich verlange von Dir, daß Du Hannah für mich, und vor allem für sich selbst, hältst!“