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Brief von Arthur Segal an Raoul Hausmann. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Arthur Segal (1875 - 1944)

  • TitleBrief von Arthur Segal an Raoul Hausmann. Berlin
  • Date15.05.1921
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount1 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 4094/79
  • Other NumberBG-HHE II 21.25
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

"Charlottenburg Dernburgstr. 25
15 Mai 21
1 Uhr Nachts.
Lieber Hausmann.
Nachdem Sie fortgingen habe ich nochmals Ihren Brief gelesen, und ich habe doch ein greuliches Gefühl das mir weh tut - Die Stelle wo Sie mir schreiben ich hätte eine Menge für Sie getan tut mir weh - Ich komme mir da vor wie ein Bourgeois - Wissen Sie lieber Hausmann daß man manchmal einen «Wohltäter» totschlagen möchte? Wohltäter ist so etwas entsetzliches - mir ist ein Übeltäter fast lieber. Ich habe für Sie was getan! Eine Menge getan! Entsetzlich! - Jetzt muß ich aber schimpfen - tüchtig schimpfen; leider kann ich es nicht so wie Sie - Ich möchte Sie so runtermachen wie Sie neulich Baader runtergemacht haben - Sie Dadaiste Sie! oder auch, Sie Antidadaiste Sie! Sie Spießbürger - aber seien Sie ruhig - Ich bin es auch - ich würde auch so wie Sie empfunden haben - Wenn mir Jemand hilft, so belastet es mich, ich möchte dann millionenfältig zurückgeben - und wenn ich es nicht kann da möchte ich erdrosseln - Wir wollen uns klar werden - Die Schuld unseres Confliktes liegt nicht an uns - sondern an den Verhältnissen - Daß Einer geben kann und der Andere nicht - daran liegt es - Sie verstehen mich - Es ist unerhört daß es Reiche gibt die den Armen geben - Wenn auch ein Bettler einem Bettler gibt, so ist der Gebende der Reiche - Lieber Hausmann, wenn Sie wüßten wie das Problem des Gebens und Nehmens mich beschäftigt hat und noch beschäftigt - Ich habe um mich zu befreien von dem Druck des Nehmens und Gebens ein Buch geschrieben [1], nach einem Erlebnis mit Rubiner [2] - und jetzt schreiben Sie mir ich hätte eine Menge für Sie getan, und ich wohl denke Sie hätten mir einen schlechten Dienst geleistet! Erdrosseln könnte ich Sie - Ich könnte - na - Sie Spießbürger - was habe ich für Sie getan? - Was kann ich für Sie tun?
Ich habe Sie lieb - das ist alles - Und ich möchte für Sie - aber auch für Alle - Alles tun - Hören sie ich will «ungleichwertig» [3] sprechen - Sie sind einer der bedeutendsten Menschen die ich kenne - aber ebenso ungleichwertig sage ich Sie sind ein Spießer - und so hebe ich die Ungleichwertigkeiten auf und Sie bleiben mir ein lieber Mensch -
Kommen Sie bitte mit dem lieben Menschen Hanna Höch kommenden Donnerstag abend zu uns - Der Gösch [4] wird auch da sein - ich will Ihnen einige Püffe geben - und wissen Sie was? Vortragen sollen Sie nie mehr bei uns - Warum? Das sage ich Ihnen mündlich - Die herzlichsten Grüße Ihnen Beiden - (nicht «Mit bester Empfehlung - Ihr Ergebener») Ihr A. Segal
Herzl. Grüße Ihnen Beiden von meiner Frau -"

[1] Unveröffentlichtes Manuskript von Arthur Segal Über das Geben und Nehmen, Leo Baeck Institute, New York.
[2] Ludwig Rubiner (1881-1920), Journalist und Schriftsteller.
[3] Anspielung auf die von Segal seit 1916 in Abkehr von der expressionistischen Malerei entwickelte Kunsttheorie der "Gleichwertigkeit", die sein weiteres Schaffen dominierte.
(4) Paul Goesch (1885-1940), Maler, Architekt, Entwurfzeichner und Lithograph.