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Brief von Kurt Schwitters an Raoul Hausmann. [Hannover]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Kurt Schwitters (1887 - 1948)

  • TitleBrief von Kurt Schwitters an Raoul Hausmann. [Hannover]
  • Date10.10.1921
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount1 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 4101/79
  • Other NumberBG-HHE II 21.38
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

"10.10.21.
11 15
Lieber Raoul Hausmann!
Dein letzter Brief vom 8.10. hat mich sehr enttäuscht und zweifelhaft gemacht.
1. Ich hoffe, daß du keinen großen Wert darauf legst, daß avis au lecteur mit «Wenzel Kind» [1] unterzeichnet wird. Das bist du, nur du. Es gefällt mir gut, beschwingt mich sehr, aber das muß ohne Unterschrift gedruckt werden. Ich stelle mir Wenzel Kinds Kunst exakt maschinenmäßig vor, dieses aber ist Dadaismus. Wenn du willst, laß es von Carel Swoboda sein.
2. Schwieriger scheint mir der Fall Walden [2]. Ich sehe, daß du innerlich gegen Walden noch immer bist. Aber das wird eine Gefahr sein für ein enges Zusammenarbeiten zwischen uns beiden. Ich schätze Walden ganz außerordentlich als Künstler und als den Mann, der die neue Kunst erkennt und mit allen Kräften gefördert hat. Du siehst in Walden statt dessen den Kaufmann; mit Unrecht. [3] Ich lasse dir deine Ansicht, laß mir meine auch, dann können wir eine Strecke weit gut zusammenarbeiten. Aber mir ist durch den letzten Brief plötzlich der Zweifel gekommen, ob wir zwei nicht doch so verschieden voneinander sind, daß wir doch nicht restlos mit einander gehen können. Du hast ja natürlich immer die Freiheit des Handelns gegen Walden, aber es wäre mir schrecklich und ein ferneres Zusammenarbeiten wäre unmöglich, wenn Du gegen Walden noch etwas schriebest. Ich bin so mutlos, daß ich für unsere gemeinschaftliche Sache nun nichts mehr tun kann oder tun werde, bevor ich über dich beruhigt bin. Du kommst ja bald nach Hannover. Ich hoffe, eine mündliche Aussprache wird mich beruhigen.
3. Über Moholy bin ich anderer Ansicht. Ich lasse dir deine Ansicht. Aber nachdem wir ihn aufgefordert haben zu unterzeichnen, müssen wir seine Unterschrift auch unter dem Manifest stehen lassen. [4] Was meinst du?
4. Den Brief mit der Frankierung [Skizze] habe ich. Ist das der erwähnte?
5. Garvens [5] kauft jetzt viel. Hoffentlich hast du viel Glück. Also bring gute Sachen mit.
Herzlichst dein
Kuwitter.
Garvens kauft einen blauen Reiter [6] geheftet für 200 - Hast du noch Dadamessen [7]? Dann sende mir bitte 2."

[1] Dieses Pseudonym ist möglicherweise eine Anspielung auf den gemeinsamen Prag-Aufenthalt und auf den tschechischen Nationalheiligen Wenzel. Ebenfalls 1921 hat Kurt Schwitters als Mz 151. eine Collage mit dem Titel Wenzel Kind gestaltet. Vgl. Abb. in: Joachim Büchner: Kurt Schwitters / Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst (Hrsg.). Hannover, 1987. - (Niedersächsische Künstler der Gegenwart, Bd. 33, Neue Folge), S. 18.
[2] Walden war der nachhaltigste Förderer von Schwitters. Im Juni 1918 zeigte er die erste Schwitters-Ausstellung in seiner Berliner Galerie Der Sturm; Ende Juni 1919 präsentierte er dort die ersten Merzbilder.
[3] Hausmann attackierte Walden scharf als typisch deutschen Spießer, der "[...] seine Transaktionen mit einem buddhistisch-hochtrabenden Mäntelchen behängen zu müssen glaubt. Sein Geschäftsgenie in Ehren", so Hausmann weiter, "aber seine Ästhetik und sein Kunstpreußentum dorthin, woher sie stammen, ins Büro des Winkeladvokaten. Wäre der Walden und seine Dichterschule im geringsten revolutionär, sie müßten zunächst das eine begreifen, daß Kunst nicht ästhetische Harmonisierung bürgerlicher Besitzvorstellungen sein kann. Aber gerade ihnen liegt an den Besitzvorstellungen, weil sie revolutionär mit dem Maul, aber nicht im ganzen sind, diese echt preußischen Kunstgrenadiere seiner Majestät des Käufers." In: Raoul Hausmann: Der deutsche Spiesser ärgert sich, Dezember 1919, Typoskript; Bd. I/2. Abt., 12.56, S. 618-622, hier S. 620. Veröffentlicht in: Der Dada. - Berlin, Dezember 1919, No. 2 [unpag.].
[4] Manifest Aufruf zur elementaren Kunst, unterzeichnet von "R. Hausmann, Hans Arp, Iwan Puni, Maholy-Nagy [sic!]". In: De Stijl : internationaal maandblad voor nieuwe kunst, wetenschap en kultuur / Theo van Doesburg (Red.). Weimar; Leiden; Antwerpen u. a. - 4e Jaargang, Oktober 1921, No. 10, Kol. 156. Das undatierte Typoskript Aufruf zur elementaren Kunst befindet sich im Raoul-Hausmann-Archiv der Berlinischen Galerie (BG-RHA 1251).
[5] Herbert von Garvens-Garvensburg [1883-1953], Kunstsammler und Galerist. 1916 gehörte er zu den Gründern und zum ersten Vorstand der Kestner-Gesellschaft.
[6] Almanach Der Blaue Reiter / Wassily Kandinsky; Franz Marc (Hrsg.). München, 1912.
[7] Ausstellungskatalog Erste Internationale Dada-Messe, Berlin, Kunsthandlung Dr. Otto Burchard, 1920; vgl. Abb. in: Bd. I/2. Abt., 13.26, S. 666 f