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Briefentwurf [Fragment] von Hannah Höch an Gertrud Ring. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Hannah Höch (1889 - 1978)

  • TitelBriefentwurf [Fragment] von Hannah Höch an Gertrud Ring. Berlin
  • Datierung[März/April 1944]
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang3 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 3997/79
  • Andere NummerBG-HHE II 44.5
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

"L. G. Dank für Dein Lebenszeichen. Ich freue mich sehr dass es Euch gut geht. Hier bei mir persönlich ist - was Bombenangriffe anbelangt auch noch alles in Ordnung bis auf paar kaputte Fensterscheiben und ein grosses Bild was von Glas total zerschnitten ist (das war aber in Friedenau bei Matthies) habe ich noch keinen Schaden genommen. Aber es ist entsetzlich und grausig diese Zerstörungswut mitzuerleben und jede Stunde u. an jedem Platz vernichtet werden zu können von dieser Wahnsinnswelle. Trotzdem wurstelt man weiter.
Was den inneren Aufruhr anbelangt, so ist auch dieser nun abgeebbt und Matthies u. ich sehen uns öffer. Das geht nicht ohne Aufregungen ab, aber nimmt mehr u. mehr die Form einer Kameradschaft an. Im Sommer war er nahe daran, hier wieder gern zu Hause sein zu wollen - aber an meinem Widerstand scheiterte dies. Nachdem er kurz nach Eurem Hiersein mit Sack u. Pack auszog, hatte ich das Kapitell nach aussen abgeschlossen. Inzwischen hat sich auch bei ihm viel ereignet. Mit der Frau ist das einzige Band - die Musik und im übrigen geht es schlecht. Ausgebombt ist die Wohnung. Sie sind oft auf Wehrmachtstournee. Leben wie Zigeuner u. wenn er hierher kommt so findet er es ein ideales Heim. Er wollte auch den Flügel wieder hierher schaffen!! Aber ich will nicht mehr!! Ich habe mit ihm immer ein furchtbar unruhiges Leben gehabt aber dies wird mir zu bunt und so bin ich jetzt die ablehnende.//
Ich habe noch viele schöne Bücher. Schon seinerzeit behalten und jetzt hat er noch viele wieder zurückgebracht!! Das Häuschen ist jetzt sehr einheitlich und ganz auf mich eingestellt und sehr hübsch geworden Zuerst kommt das Wohnzimmer, dann das Atelier (was das Musikzimmer war, und das Lesezimmer ist geblieben aber auch neu und sehr gemütlich gestaltet. Ob es erhalten bleibt was man da so liebevoll aufgebaut hat wissen natürlich die Götter! Ich verbringe die Angriffe mutterseelen allein im Kellerchen und hoffe von Fall zu Fall, dass es vorüber gehen möge. Heiliger St ... beschütz mein Haus - zünd and're an.
Da ist es mit uns hingekommen. Trotzdem bestelle ich jetzt mit Liebe und Kraftaufwand den Garten. Habe mir 4 Hühner angeschafft die die leiblichen Bedürfnisse durchaus zu befriedigen beflissen sind (was für ein Satz!)
Gearbeitet wird auch - es entstehen immer wieder Bilder, letzthin allerhand Kohlezeichnungen - aber es verschlägt einem ja jetzt doch manchmal den Atem und man muss sich fragen ... wozu?
Was den kl. Christus anbelangt, so liegt der Fall so. Erstens hatte Thomas ihn mir nun geschenkt. Er wollt nun er sollte bei mir bleiben. Aber auf Deinen Brief hin in (Sept. oder Okt.) wollte ich ihn sofort abschicken; da war aber Postsperre. Inzwischen setzten die Bombenangriffe auf Berlin ein und es entstand sofort ein völlig chaotischer Zustand auf der Post, durch die unvorstellbaren Abwanderungen von Sack u Pack der Berliner Bevölkerung. Dazu ständige Ausbombung von den Berl. Postämtern. Ihr könnt Euch warscheinlich keinen Begriff von den Zuständen und dem Aussehen von Berlin, machen ...
aber - weiter - Jetzt war ich gezwungen auch meine Wertsachen in Kisten zu verpacken u. einzubunkern, dazu gehörte auch das Raritätenkabinett bis auf die weniger guten Stücke. Das gleiche Schicksal hatten die 3 Aquarellzeichnungen die ich für Thomas schon postfertig liegen hatte. Jetzt werde ich bei erster Gelegenheit die Kiste öffnen und doch die Sachen an Dich abschicken, damit die Sache mal einen Abschluss bekommt.
Habe ich recht verstanden, dass Ihr auf der abgebildeten Burg wohnt? Das muss doch phantastisch sein? Auch seid Ihr da doch sehr sicher vor Angriffen solange sich die Krieslage nicht prinzipiell ändert. Ich wünsche Euch von Herzen, dass Euch die relative ruhige und wohl auch sorgenfreie Zeit recht lange erhalten bleibt. Ich beschäftige mich immer wieder mit viel Hingabe mit Thomas seinen Büchern"//