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Brief von Helma Schwitters an Hannah Höch [und Til Brugman]. Hannover
    • Helma Schwitters

  • TitelBrief von Helma Schwitters an Hannah Höch [und Til Brugman]. Hannover
  • Datierung05.04.1933
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Masse28,8 x 20,8 cm (Blattmaß)
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 443/79
  • Andere NummerBG-HHE II 33.8
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung

Briefkopf: "NEUE REKLAME / MERZ WERBE [...]"
"5.4.33
Liebe Hanna, liebe Tilli.
Recht herzlichen Dank für Deinen lieben Brief, wir haben uns sehr gefreut endlich einmal wieder etwas von Euch zu hören. Und Ihr seid aus Deinem wundervollen Blumenparadies gezogen? [1] Wo sind nun die schönen Kakteen und so weiter? Es freut mich sehr, dass Ihr in Eurer neuen Wohnung Euch glücklich fühlt, soweit wie das in der jetzigen Zeit überhaupt möglich ist, aber wie ist diese Zeit überhaupt möglich? Das nennt sich Freiheit, die ich meine, die mein Herz erfüllt! Wir haben oft an Euch, besonders an Dich, liebe Hanna, gedacht, und ich ganz persönlich hatte überhaupt schon vor, Dich zu Weihnachten zu uns einzuladen, da Festtage für Kurt immer etwas Schreckliches sind, aber Ernst ist andererseits Weihnachten immer am liebsten nur in der Familie, diese Wünsche sind noch etwas stark Kindliches, was sonst dem Jungen ganz abgeht. Ernst ist schrecklich ernst und streng mit sich und allen Menschen, er kommt mir immer wie ein ganz Alter vor. Die Schule absolviert er glänzend, er ist bei seinen Lehrern zum grössten Teil sehr beliebt, während er keinen Schulfreund hat. Er ist ein Wahrheitsfanatiker, was manchmal sehr anstrengend und unangenehm ist, da er Dir unter Umständen sagt, dass er Deinen Besuch absolut nicht wünscht. Wie steht es mit Euren Verdienstmöglichkeiten? Kurt ist noch immer bei der Stadt Hannover angestellt [2] und ausserdem unterstützt uns seine Mutter immer etwas, aber das alles ist gerade genug von einem Monat zum anderen. Wann Kurt jemals wieder nach Berlin kommt, weiss ich nicht, denn dort ist es sicher finsterer als sonst irgendwo. Wir haben uns den besagten «Völkischen Beobachter» angeschafft, schön was?
Kurt arbeitet weiter abstrakt, er hat jetzt sein früheres Atelier ganz zum Merzbau umgestaltet, man kann stundenlang sitzen und betrachten und entdeckt immer noch Neues und Interessantes. Wann kommt Ihr mal durch Hannover, vielleicht auf Eurer Sommerreise, da werden allerdings Kurt und Ernst Anfang Juli nach Norwegen fahren. Kurt wird neue Ideen und künstlerische Dinge hier garnicht öffentlich mehr zeigen, er stellt nur noch naturalistische Bilder hier aus, um eventuell Geld damit zu verdienen, damit er für sich allein weiter arbeiten kann. Was arbeitet Ihr? Hast Du kürzlich irgendwo ausgestellt? Hat jetzt Tilli zu tun? Deine Zeichnung ist so fabelhaft charakteristisch, dass wir sie ins Gästebuch geklebt haben. Man kann jetzt so wenig schreiben, ist es nicht einmal möglich von Euch aus, uns zu besuchen?
Viele, viele herzliche Grüsse und Euch beiden bestes Wohlergehen. Wir denken viel und gern an Euch, aber es lässt sich alles besser mündlich besprechen. Anbei ein bischen Freude. Kurt und ich grüssen Euch herzlich Eure
Helma."

[1] Helma Schwitters bezieht sich auf den Umzug Hannah Höchs aus der Büsingstraße 16 in eine nahe gelegene Atelierwohnung, Rubensstraße 66, in Berlin-Friedenau.
[2] Kurt Schwitters arbeitete seit Januar 1929 im Auftrage der Stadt Hannover daran, die bei der Stadtverwaltung verwendeten Drucksachen und Formblätter typographisch einheitlich zu gestalten.