Resultate:  1

Brief von Helma Schwitters und Kurt Schwitters an Hannah Höch [und Til Brugman]. Hannover
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Helma Schwitters

  • TitelBrief von Helma Schwitters und Kurt Schwitters an Hannah Höch [und Til Brugman]. HannoverBriefkopf: "NEUE REKLAME/MERZ WERBE [...]"
  • Datierung28.10.1934
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Umfang2 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 447/79
  • Andere NummerBG-HHE II 34.21
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

"28.10.34.
Meine liebe, liebe Hanna, liebe Tilli.
Dein Brief hat uns sehr entsetzt und zugleich auch wieder etwas beruhigt. Entsetzt, weil man doch schliesslich so nah zusammen gehört und so wenig von einander weiss, dass der eine in Lebensgefahr schweben kann, und der andere ahnt es überhaupt nicht. Du Armes, Arme wir wünschen Dir alles Beste, auf dass Du ganz gesund und kräftig würdest und uns allen zur Freude noch recht lange leben möchtest. Nun sag einmal, liebes Hannakind, ich mach mir Gedanken darüber, wie kommst Du mit den Kosten herum? Helfen könnt ich Euch in der Beziehung im Januar und Februar, weil Kurt und Ernst dann wahrscheinlich nach Holland fahren, und da sie aber dorthin kein deutsches Geld mitnehmen können, so werde ich dann etwas über haben, also schreib mir ganz offen, ob Du was brauchst. Bist Du denn nun schon ein Bischen kräftiger und wie geht es Deiner ausgekugelten Schulter? Wollt Ihr oder Du allein im Januar zu mir kommen und Dich ein Bischen pflegen lassen? Wie geht es Deinen Nerven und Deinem Herzen bei dieser schrecklichen Affäre? Also, Liebes, wenn Du hier wärest, würde ich Dich einmal tüchtig in den Arm nehmen, auch Kurt, Ernst , Spengemanns und die Eltern lassen Dich herzlich grüssen und volle Genesung wünschen. Nun fragst Du, was wir gemacht hätten. Kurt hat im Frühjahr, d. h. im Februar eine Ausstellung von naturalistischen Bildern in Oslo gehabt, in der Ausstellung verkaufte er 3 Bilder und anschliessend hatte er 4 Porträtaufträge. Ende Mai fuhren Kurt und ich wieder nach Norwegen, ich blieb mit Kurt dort bis Ende Juni. Wir haben dort den Frühling erlebt und in den höheren Regionen noch den Winter. Es ist ergreifend schön dieses Land in seiner Unberührtheit, er kommt mit immer vor wie ein Kind, das sich mit der umgekehrten Hand die Augen wischt. Es ist so unglaublich beglückend, wenn man von Stunde zu Stunde das Wachsen der Pflanzen und Blumen beobachten kann, und man ist so dankbar, wenn dann eines Tages aus Eis und Schnee ein weisses Blütchen hervorleuchtet. Kurt und ich waren sehr glücklich zusammen, und ich glaube, dass wir beide fürs ganze Leben einen tiefen Eindruck von diesem Zusammensein haben werden. Ende Juni haben wir uns dann schweren Herzens getrennt, denn beide ahnten wir Schwierigkeiten, wir wussten aber nicht wie. Nun für uns waren ja keine Schwierigkeiten, aber schon durch die grosse Entfernung und durch die Postschwierigkeiten wird einem ja das Getrenntsein schon recht schwer gemacht. Ich musste wieder nach Hannover, da meine Schwiegermutter nicht allein sein konnte, denn jetzt fuhr Ernst nach Norwegen zu seinem Vater. Die beiden haben die meiste Zeit im Zelt gewohnt und Kurt hat gekocht und ausserdem gemalt wie auch schon, als ich bei ihm war. Sie haben ungeheure Schwierigkeiten zu überwinden gehabt, sie sind über die unwegsamsten Gebirge gezogen, wo kein Baum und kein Strauch wuchs, wo weiter nichts als Felsen, Gletscher und Schnee waren. Kurt hat ein Bild davon und Ernst Photographien, es ist wirklich ein Bild des Todes, so gross und so grauenhaft! Kurt und Ernst haben gegenseitig sehr viel Anregung von einander, aber da Ernst sehr pedantisch bezüglich Ordnung ist und ungeheuer kritisch, häufig zu Unrecht, so ist es für Kurt manchmal sehr schwer gewesen, natürlich genau so schwer für Ernst von seinem Standpunkt. Ende Juli kam Ernst wieder zurück, ging wieder in die Schule, aber nun mit dem festen Entschluss, so schnell wie möglich Schluss mit der Schule zu machen. Kurt blieb noch August bis zum 20. September in Norwegen, dann begab er sich auf die Rückreise mit einem Frachtdampfer. Die Ueberfahrt soll sehr schlimm gewesen sein. Er hat in Norwegen 13 Bilder verkauft oder gegen Stickereien getauscht und hat 65 Bilder mitgebracht, teils blendend schöne Bilder. Aber zugleich kam Kurt als freier Mensch nach unserm Deutschland, er tut mir immer wieder so sehr leid und doch sind meine Hände ebenso gebunden wie seine, ich kann ihm nicht helfen. Ernst ist im Herbst von der Schule abgegangen, also ein halbes Jahr bevor er sein einjähriges Examen gemacht hatte, aber er hielt es in der Schule nicht mehr aus, seine Nerven gingen ganz kaput dabei. Sein Lehrer sowohl wie sein Direktor haben ihm aber zugesichert, dass er im Notfall sich nur bei ihnen melden sollte, dann bekäme er, weil er ein guter Schüler war, sein Einjährigen Zeugnis ausgehändigt. Ernst kommt nun nicht aus seiner Idee heraus, dass er an Expeditionen teilnehmen will und bildet sich daher ganz energisch im Photographieren aus, damit er dann vielleicht als Photograph mit kann, und damit er gleichzeitig Geld verdient. Sie wollen nun beide Anfang kommenden Jahres ihr Heil in Holland versuchen. Ich glaube, liebe Hanna und liebe Tilli, dass Ihr zwei nun alles Wissenswerte erfahren habt. Ich nehme Euch beide herzlich in die Arme und wünsche der lieben Hannah alle Kraft, die ein gesunder Mensch braucht. Herzlich Eure
Helma. Jetzt kommt Kurt

Liebe Hannah!
Als ich durch Deinen Brief erfuhr, daß Du dir Struma [1] hast wegoperieren lassen, ahnte ich noch nicht, was das ist. Ich schlug dann meine Lexikonkonserve auf, und fand unter Struma, dass das der alte Strynx ist, und ein Fluss in der Balkanhalbinsel. Ich weiss, dass schlimme Dinge immer vom Balkan kommen, aber ich war ganz antsetzt, als ich weiter las, dass so ein Struma mehr als 300 Kilometer lang werden kann. Das ist ein Ding von den Ausmassen etwa unserer Elbe. Da kann ich es wohl verstehen, das Du Dir das Ding hast wegnehmen lassen, solange es noch klein ist, also gewissermassen in Form der Quelle. Dass dabei der halbe Hals hat aufgeschnitten werden müssen, ist noch ganz glimpflich abgegangen. In Zukunft aber rate ich Dir, nun nicht etwa noch eine Wolga oder einen Missisippi zu kriegen, denn dann ist sicherlich der ganze Hals gleich weg.
In diesem Sinne wünsche ich Heil. Dein
Kurt."

[1] Struma bezeichnet die zum Kropf führende Vergrößerung der Schilddrüse, eines der drei klassischen Symptome des Basedowschen Krankheit.