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Brief von Hannah Höch an Hugo Häring. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Hannah Höch (1889 - 1978)

  • TitleBrief von Hannah Höch an Hugo Häring. Berlin
  • Date19.03.1930
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount2 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHE II 30.20
  • Other NumberBG-HHE II 30.20
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

"Friedenau am 19. März 1930
Lieber Häring
Vor einigen Tagen besuchte ich mit Freunden die von Ihnen gebaute Siedlung in Zehlendorf. [1] Bei dieser Gelegenheit fiel mir ein, und auf, dass Sie erstens absolut nichts von sich hören lassen (aber das hätte ja nichts zu sagen, das hätte ich ja auch tun können) aber weiter, dass Sie mich, als wir uns vor einiger Zeit am Nollendorfplatz im Kino trafen, doch eigentlich, so zu sagen, geschnitten haben. Ich wenigstens hätte mich gefreut, wenn auch nur wenige Worte mit Ihnen zu sprechen. Das kann auch nichts zu bedeuten haben; man braucht nicht jederzeit Lust zu haben jeden zu sprechen, aber - Ihr Verhalten hat mir doch nun zu denken gegeben: sollten Sie mir was vorzuwerfen haben und was. Und nun komme ich zu dem Schluss, dass Ihnen vielleicht nicht klar ist, wie seinerzeit meine Lage, Ihnen und der November-Gruppe gegenüber war. Da ich aber damals nicht durch meine Schuld in diese seltsame Situation kam, möchte ich darüber noch einmal sprechen.
Ich kam von Holland, nach 1 1/2 jähriger Abwesenheit auf 8 Tage zu Besuch nach Berlin. Setzte mich aus einem Grund, der absolut nichts mit der November-Gruppe zu tun hatte, in telephonische Verbindung mit Grätz. Er hatte nämlich wie Sie sich vielleicht erinnern die Kartenausgabe für das Sylvesterfest in Wilmersdorf, an dem Sie auch teilnahmen. Da am Telephon frage ich ganz nebenbei (ahnungslos!) und was macht die Nov.-Gruppe. Worauf er, Grätz, sagt: übermorgen ist eine Sitzung, kommen Sie doch dazu. Darauf ich: nun gut, ich bin nämlich nur eine Woche hier und da passt es ja ganz gut, ich komme. Ahnungslos. Ein paar Stunden später bin ich bei Ihnen. Da frage ich Sie ob Sie auch zu der Sitzung, übermorgen kommen, worauf Sie höchst erstaunt sagen nein, und ich könne doch eigentlich auch nicht hin, ich sei doch ausgetreten. Da war ich, dass haben Sie wohl wahrgenommen, sehr bestürzt, denn es war mir furchtbar unangenehm, dass ich mich für die Sitzung angemeldet hatte. Ahnungslos.
Und nun frage ich Sie und meine Kollegen die damals mit austraten: war es nicht nötig, dass Sie mir, und wenn auch mit einer Postkarte oder einem Zeitungsausschnitt mitteilten, dass wir die Konsequenzen ziehen mussten nach dieser denkwürdigen Sitzung und ausgetreten seien. So sitze ich also ahnungslos in Holland, nehme an es habe sich alles wieder eingerenkt (von Austreten war mir gegenüber überhaupt noch nicht die Rede gewesen, sonst hätte ich mich wahrscheinlich mal direct erkundigt, und komme endlich nach 1 1/2 Jahren in diese überaus peinliche Lage. Denn - für die Gruppe muss es natürlich ausgesehen haben, als sei mein Gespräch mit Hugo Grätz und meine Anmeldung zu der Sitzung eine nicht sehr saubere Wiederannäherung gewesen. Nachdem ich nun die Lage von Ihnen erfahren hatte, blieb mir nichts anderes übrig als Grätz zu sagen, dass ich über meinen Austritt nicht orientiert war.
Seitdem hat mich die Gruppe zwar zu ihren Ausstellungen etc. immer eingeladen aber ich habe auf keinerlei Weise reagiert.
Ich bitte Sie nun sehr, bester Häring auch den anderen Kollegen die von der Sache wissen, reinen Wein einzuschenken; denn ich bin in diese dumme Situation nur dadurch gekommen, dass es keiner von Euch für nötig gehalten hat mich zu unterrichten, oder jeder gedacht hat der andere habe wohl etc.
Ich hoffe, nun die Sache geklärt zu haben und hoffe Sie bald mal bei uns zu sehen.
Brugman und ich haben hier mit eigenen Händen die Bude neu und gemütlich gemacht. Wir haben auch, sowohl in Holland wie nun schon wieder hier, fessste gearbeitet. Leider ist uns unser liebes Ninnvieh [2] Weihnachten hier gestorben und ich bin davon 4 Wochen sehr krank gewesen, es kam Grippe und Überanstrengung von der Wohnungsmacherei dazu.
Nun aber sind wir wieder obenauf. Also, bester Häring, ich hoffe nun mal von Ihnen zu hören.
Ihnen und auch Frau Unda meine besten Grüsse
Ihre Hannah Höch.
T. Brugman grüsst auch."


[1] Die Waldsiedlung Zehlendorf wurde von 1926 bis 1928 von Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg im Berliner Bezirk Zehlendorf am Rande des Grunewalds für die Gemeinnützige Heimstätten-, Spar- und Bau-Aktiengesellschaft (Gehag) erbaut und von 1929 bis 1932 von Bruno Taut erweitert. In dieser Siedlung waren insgesamt 1918 Wohnungen untergebracht.
[2] d. i. die Katze Ninn