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Briefentwurf (unvollständig) von Hannah Höch an Raoul Hausmann
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Hannah Höch (1889 - 1978)

  • TitelBriefentwurf (unvollständig) von Hannah Höch an Raoul Hausmann
  • Datierung17.06.1918
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang3 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 3986/79
  • Andere NummerBG-HHE I 10.48
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

„17. Juni 1918.
Ob ich dafür gestraft werde. Kann man für die Anlagen die einem gegeben sind gestraft werden? Ob mich Sehnsucht langsam zernagen wird? Ob diese immerwährende dumpfe Beklemmung zum Irrsein führt? Ob mich die Einsamkeit erfrieren läßt? Gleichviel...
Vielleicht auch ist der Gewinn der vergangenen Jahre groß genug mich über Wasser zu halten - und was ich neu wieder zurückgewinne, von früher - die unbefangene Seele, die offene, ohne Verstellung und ohne Verdrängung? Wenn da Menschen ein und aus gehen können - weil mein Auge klar ist? Und dann - leben - wieder - himmlische Bergeinsamkeit - in Sonnen - Hochlandwiese - schwül drängender Duft, brodelnde Wachskraft - blühen - Falter - Bienen, Käfer, alles kleinste Viehzeug tummelt sich - - ich sehe, lebe Blumen [mit], den Grashalm, die Tiere; werde ich nun - heute nicht zum ersten mal fühlen können: »Menschen kommt - landet an meiner Brust?« Oh Flügel wollen mir wachsen - fliegen ... nach meiner helleren Heimat fliegen Warum kamst Du nicht mit mir? Ich stieg so schüchtern zu Dir hinab und brachte Dir doch auch [durchgestrichen: „ein reiches Leben - Erleben mit.“] Du erkanntest mich doch - warum kamst Du nicht blindlings an meine Brust? Du spürtest doch die Wunder meines hemmungslosen Leibes, Geistes Dir gegenüber und erlebtest wie ich in schwindelnde Höhen nach Dir griff - zu lösen zu Zweien den Geist, zu lächeln zu Zweien der Bergwiese, dem Nachthimmel, zu sammeln zu Zweien mitleidig des Weltjammers fallende Blätter, zu jubeln der Sonne, zu fühlen die Allkraft, demütig zu sein vor der Blütenpracht, zu erproben und zu entspannen physische Kraft
meine Sehnsucht jubelte um Dich ich hatte doch einmal göttliche Kraft - mein Blut aber sang dem Einen, der mein Eigener und dem ich die Einzige sei. Warum kamst Du nicht mir? Du stießest meine Seele in so harte Abgründe. Ich verlor viel...
Ich klage nicht - ich gewann noch mehr. Ich danke Dir Wissen, Klarheit über mich, über die Menschen, ich lernte wissend das Mitleid kennen ich ... erlebte »das Wunder des fühlbaren, geliebten Körpers.«
Warum kannst Du Dich nicht loslassen, alles andere fallen lassen, um mit mir zu sein? Warum suchtest Du, und suchst ja noch heute nach nichtwahren Motiven gegen mich, die verdecken sollen Dein Wissen, daß ich nichts gebraucht hätte wie einen ganzen Raoul Hausmann? Warum? Warum?
Schwäche? Dankbarkeit? Was ist Dankbarkeit anderes als Schwäche. Wenn Naturkräfte, nenne ich’s dreist göttliche Kräfte walten, ist Dankbarkeit ein bürgerlicher Begriff. Das sieht mit bürgerlichen Augen roh aus. Was gehen mich bürgerliche Augen heute noch an?
Wenn Dein Wunsch zu mir so zwingend wäre wie der meine zu Dir, so würdest Du genau so wie ich nur die eine einzige sehen können, würdest auf mich losstürzen und Dich mir ganz bringen. So - wie Du mich ganz verlangst. - Von Deiner Vergangenheit fehlt mir schon so viel, daß ich die Gegenwart und Zukunft Dich fessellos frei haben müßte um zu leben, ich weiß wie ich Dich über alle Stürme hinweg lieben könnte - unbeschwert, längst frei von Grenzen die ich aus der »Familienatmosphäre heraus als Leitlinie gestaltet habe« - so aber kann ich nie etwas für Dich tun weil ich nie zu Dir selbst gelangen kann weil ich überall an Schranken, Irrwege, Hinterhälte stoßen muß, die mich böse machen; und weil ich an Dir böse werden muß, darum hasse ich Dich. Ich habe mich an Dir 3 Jahre todwund gestoßen. Nun habe ich Dich aufgegeben weil Du nicht mein bist, so frei wie ich Dein bin.
Und was sagt mir das Leben und die Dichtung Jungs? Bin ich nicht mit Fleisch und Blut durch diese Qualen alle geschritten? Ich weiß, ich brauchte nicht noch einmal zu hören wie drei schwache Menschen sich ziellos quälen - denn dies ist ihre Schwäche, ziellos - denn das Ziel will ja gar keiner erreichen. Jeder ist furchtbar egoistisch noch immer, alle lügen - auch dort. Wenn einer ginge ... wirklich ginge ... gütig liebevoll - Verflucht müßten dann die zwei Anderen sein wenn [sie] nicht so viel Kraft aufbrächten ein Leben zusammen zu leben. Aber zu Dritt geht es nicht.
Ich gehe jetzt.
Sie, der ich weiche, der ich mein ... überlasse, die es auf sich nimmt berechtigter zu sein wie ich, die soll jetzt [Das folgende Blatt fehlt.]