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Brief von Kurt Schwitters an Hannah Höch und Til Brugman. Retelsdorf bei Schönberg i. M.
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Kurt Schwitters (1887 - 1948)

  • TitelBrief von Kurt Schwitters an Hannah Höch und Til Brugman. Retelsdorf bei Schönberg i. M.
  • Datierung24.10.1926
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Beschriftunghandschriftlicher Zusatz von Helma Schwitters
  • Umfang1 Blatt [teilweise zerstört]
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 438/79
  • Andere NummerBG-HHE II 26.24
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung

"Retelsdorf b. Schönberg i. M. 24.10.26.
Liebe Hannah und liebe Tilly!
Ich habe es mir nie träumen lassen, dass Ihr noch einmal ein glückliches Paar werden würdet. Jetzt wird mir allerdings Manches klar, was ich früher nicht verstehen konnte, aber jedenfalls sage ich Euch Lieben meinen allerherzlichsten Glückwunsch. Ich bin nicht der Ansicht Doesburgs, der in Eurem Zusammensein ein Unglück sieht, ich finde, Ihr passt eigentlich bei Licht besehen sehr gut zusammen. Ich bedaure allerdings lebhaft, dass Du, liebe kleine Hannah, nun so unerreichbar fern bist, aber ich freue mich, [daß] dadurch gleichzeitig eine festere Beziehung zu Tilli entstanden ist. Es ist tatsächlich merkwürdig, dass die Ereignisse einen kleinen Kreis schaffen, der Hannover, Berlin, Paris und den Haag umspannt. Dresden gehört auch noch dazu. Aber ich begreife eins nicht, weshalb habt Ihr alle vor mir verstecken gespielt. Mir wurde verheimlicht, dass Siena [1] heiraten wollte, statt dessen hat mich Til nur gefragt, was ich wohl meinte, ob ihr Zusammenleben mit Siena wohl so ganz in Ordnung wäre. Bin ich ein altes Klatschweib, dass man mir nicht offen sagt, was los ist. Ich glaube ja, Ihr beide waret in ziemlich miserabler Verfassung, besonders Hannah, bei der ich den Grund nicht sehe, und so war es die beste Lösung für beide. Was ist nur mit unserer kleinen Hannah Schlimmes passiert, dass sie so ganz aus den Fugen geraten ist? Ich merkte das gleich in Holland, dass Du alles vergassest oder liegen liessest. Zwar kenne ich das schon aus Prag, aber nicht in dem gewaltigen Umfang. Bessere Dich! Nach Berlin komme ich nur zur Eröffnung meiner Ausstellung am 31.10. [2], also in 8 Tagen. Ich werde Ausleger dann aufsuchen. Helma ist mit Ernst mit hier, sie werden dann einige Tage darauf nach Hannover reisen. Die Typhusgefahr ist wohl vorbei. Hoffentlich. Wie war es bei Frau Bienert? Auch diesen Bacillus habe ich über Tilly auf Dich übertragen, oder? Aber womit willst Du nun Geld verdienen, Hannah? Hast Du schon Aussichten? Til weiss sicher Rat. Ebneth kommt auch nach Berlin zum 31.10. zur Eröffnung unserer gemeinsamen Ausstellung. Die Übersetzung vom Fahrrad [3] habe ich in Hannover, Til bekommt sie, wenn ich zurück bin. Die Revue [4] muss allerdings weiterkommen. Wir müssen mal Stuckenschmidt zu erreichen suchen und ihn fragen, ob er schon gearbeitet hat, oder ob er keinen Wert darauf mehr legt. Ich werde mal sehen, ob er in Berlin ist. Dann könnten wir schlimmsten Falls einen anderen Komponisten hinzuziehen. Aber wen? So. Nun alles beste. Eue
Kurt.
«De Gehmurde Fiets» doch gefunden. Herzlichst Eure Helma."

[1] Sienna Masthoff (1892-1959), Konzertsängerin und Lehrerin für Sologesang, Lebensgefährtin von Til Brugman von 1917 bis 1926.
[2] Gemeinschaftsausstellung von Kurt Schwitters mit Lajos von Ebneth und Arnold Topp in der Galerie Der Sturm im November 1926.
[3] De Gehmurde Fiets (holländ.: Die gemauerten Fahrräder), Groteske von Til Brugman.
[4] Anti-Revue "Schlechter und besser" von Kurt Schwitters, Hannah Höch und Hans Heinz Stuckenschmidt.