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Brief von Theo van Doesburg an Hannah Höch. [Clamart]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Theo van Doesburg (1883 - 1931)

  • TitleBrief von Theo van Doesburg an Hannah Höch. [Clamart]Briefkopf: "NB DE STIJL [...]"
  • Date24.12.1924
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount1 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 126/79
  • Other NumberBG-HHE II 24.19
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

"Clt den 24 Déc. 1924
Liebes Hännchen Höch:
Gleich mit diesen Brief schicke ich ihnen Tzarás «Mouchoir de nuage» [1]. Vielleicht können sie eine Aufführung vermitteln. Ein Übersetzer gibt es schon, die Sache läßt sich wunderbar verdeutschen. Also machen sie was sie nur können. Ich war längeren Zeit verreist, war auch noch in Holland und habe von dort aus mit die Verein Zeitgenössischer Kunstfreunden uber einen Vortrag korrespondiert. Ich glaube sie habe Angst mir einzuladen. Oud hat ihnen (glaube ich) das Stijlhuhn kalt geschnitten aufgetischt. Ich habe nur einen Vortrag «Der Wille zum Stil» [2] in Deutschland gehalten und damit sehr viel erfolg gehabt. Was fürchten die Leute mir ein zweite Mal zu hören? Oder genügt es die Leute meine «Echo» zu hören?
Als Resumé meiner Reise habe ich alle Explosionsstoffe in einen neuen Vortrag «L'art comme arrêt du developpement de la Vie» zusammengepresst. Vielleicht hat mir das krank gemacht.
Ich bin nl. schon 5 Tage ins Atelier eingesperrt und glaube für die Erste Mal in meinem Leben Grippe gehabt zu haben.
Wien muß ein Mensch auch krank machen, oder zum Popoïsmus bringen. Dort ist alles Kunst und zwar gewerblicher Kunst. Im Kaffee spielt man Oper und im Oper spielt man überhaupt nicht. Im Volksoper habe ich Herrn Schönberg [3] ausgepfiffen weil er vom Prater (Grottenbahn!) besessen ist.
In Paris wird es wieder lebendig. Picabia: «Relache» [4] in Théatre des Champs Élysées ist erfrischend. Das würde Ihnen Spaß machen! Wann kommen Sie wieder nach Paris? Die neueste Bewegung ist «Le mouvement accéléré» [5], wobei alle dadaisten angeschlossen sind. Ich werde Ihnen das Flugblatt schicken.
Picasso hat jetzt neue sache, welche ganz farbig sind, fast wie Stijlbilder, und ohne Popo. Ich gratuliere dich mit deine erfindung [Popo]ïsmus. Was mit Richter los ist weißt kein Mensch. Ich möchte selbst mal über fahren. Viking Eggelink war hier. Er will nur für ein Select Public seinen Film vorführen [6]. Leider daß er zu lange damit gewartet hat. -
Schreibe uns doch bald mal wie es in Berlin ist und sei herzlichst gegrüßt von Ihr Does u. Nelly"

[1] Tristan Tzara: "Mouchoir de nuages, tragédie en 15 actes". Erstveröffentlichung in: Sélection. Antwerpen. - Nov. 1924, S. 97-142.
[2] Vortragsreihe Der Wille zum Stil im Kunstverein Jena, 29.3.1922, in Weimar, 31.3.1922, und in der Kornscheuer in Berlin, 9.4.1922.
[3] Arnold Schönberg (1874-1951), Komponist, Musiker und Maler.
[4] Am 4.12.1924 wurde Relâche (Keine Vorstellung) als letzte Aufführung des Ballet Suédois im Théâtre des Champs-Elysées uraufgeführt. Das 40minütige Ballett wurde gemeinschaftlich vom Choreographen Jean Börlin, dem Dichter Blaise Cendrars, dem Filmregisseur René Clair, Erik Satie und Francis Piacabia produziert.
[5] In Nachfolge der Zeitschrift Interventions erschien im November 1924 die erste und einzige Nummer von Le mouvement accéléré : organe accélérateur de la révolution artistique et littéraire, geleitet von Paul Dermée. Für die Zeitschrift schrieben Erik Satie, Francis Picabia, Paul Dermée, Céline Arnauld, Yvan Goll, Vincent Huidobro, René Crevel, Frantisek Kupka, A. Henneuse und Georges Ribemont-Dessaignes.
[6] Sehr wahrscheinlich ist hiermit eine Vorführung von Eggelings Film Diagonale Symphonie (Symphonie diagonale) gemeint.