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Brief von Peter Foerster an Hannah Höch. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Peter Foerster (1887 - 1948)

  • TitelBrief von Peter Foerster an Hannah Höch. Berlin
  • Datierung17.07.1927
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang3 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 886/79
  • Andere NummerBG-HHE II 27.3
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

"Berl. Lichterfelde, den 17./VII. 27. / Liebe Hannah Höch! / Ich habe mich sehr gefreut, einen Brief von Ihnen zu bekommen. Sie dürfen nicht böse darüber sein, wenn ich denselben erst jetzt beantworte. Ich schreibe sehr selten und ehe es zu einem Brief kommt, dauert bei mir lange. Wenn Sie nach Positano kommen, (auch für 8 Tage lohnend) gehen Sie zu Herrn Wolff, oder zu Fräulein Schumacher mit einem schönen Gruss von mir. Die werden Sie billig und den dortigen Umständen nach gut unterbringen. / Auch ich habe es sehr bedauert, dass wir uns Weihnachten nicht gesehen haben. Wissen Sie Hannah Höch ohne Phrase, Sie vermisse ich. Als ich letzhin bei Häring [1] eine sehr schöne Arbeit von Ihnen sah, fühlte ich, wie nützlich es mir sein könnte, Ihr Urteil über meine Arbeiten zu hören. Ich bin sehr unzufrieden mit mir und meine Arbeiten haben nicht gute Fortschritte gemacht. Wann kommen Sie wieder zurück nach Berlin? / Nun wollen Sie etwas hören über Genossen und ihr Treiben. Die N.G. [2] hat sich verjüngt und benutzt die Segallsche Schule als Reservoir für frischen Zufluss. Er (Segall) hatte in letzter Zeit grosse Plakate an der Litfasssäule, die die Segallsche Schule anpriesen. Zu gleicher Zeit hat auch Persil seine Himmelsschrift in wirkungsvollen Plakaten den Berlinern angekündigt. Ich fürchte dieses zeitliche Zusammentreffen war nicht zum Vorteil der Segallschule. Er ist anscheinend auf mich ein wenig böse, denn er begrüsst mich distanziert im Gegensatz zu seiner Lebensgefährtin, die nach wie vor sehr freundlich ist. Fuchs, dem armen Kerl, hat sein Bein böse mitgespielt, und gestern sagte er mir, dass sein Bruder Doktor ihm eröffnet habe, dass das Bein nie wieder ganz gut werden würde. Er leidet sehr darunter. Die Stadt Berlin hat auf der Akademieausstellung [3] (er hatte 3 Bilder dort) eine Winterlandschaft von ihm angekauft. (1300 M). Wir haben uns darüber sehr gefreut, denn er konnte Geld brauchen. Mies ist sehr beschäftigt mit der Werkbundausstellung in Stuttgart. Er hat ja die Oberleitung (ist ja 2. Vorsitzender des Werk-Bundes) und viel Ärger. Am 23. Juli soll eröffnet werden und es ist alles noch sehr im Rückstand. Der ruhige Mies wird kribblig und das passt doch nicht zu seinem Format. (Wissen Sie noch, wie Sie am Potsdamer Platz stehen blieben um sehen zu können wie Mies «im Raume steht». Hilberseimer [4], der konsequente Puritaner, hat in der Emserstr. einen 4. Stock als Atelier und Junggesellenheim sehr schön ausgebaut. Er musste aus seiner früheren Wohnung heraus. Seine Frau wohnt am Lietzensee. Dungerts [5] «Mearilla» [6] ist nach Paris gedampft. Sie soll, wie Dungert mir sagte, zusagenden Anschluss gefunden haben. Mahlberg [7] hat Flechtheim seinen Um- und Erweiterungsbau gemacht. Belling ist von Flechtheim kontraktlich verpflichtet worden. Bellings Frau gab einen interessanten Abend mit ihrer Tanzschule. Nun etwas von der Grossen Berliner. Sie ist anders organisiert worden. Nicht der Verein Berliner-Künstler machte sie, sondern das Kartell der vereinigten Verbände. Spiro [8] war Leiter und die Jury-freie bekam eine grossere Anzahl Säle. Die machte auch eine Christliche Kunstausstellung mit Charleston tanzenden Christusse. Ware Blasphemie, eine Fundgrube für Staatsanwälte, mit echtem religiosem Gefühl. Gibt es so etwas? (Ich meine solche Staatsanwälte). / Ubrigens, Sie sind ein dummes Mädchen (pardon) keine Bilder zu schicken, weil Ihnen das Transportgeld fehlt. Hätten Sie doch ein Wort geschrieben. Man hätte dann schon Geld dafür irgendwie aufgetrieben. Ich schicke Ihnen, sobald ich wieder mal in die Grosse komme, den Katalog derselben. Sie sehen dann ungefähr, was los ist. / Der gute Graetz [9] ist noch immer Geschäftsführer der N.G. trotzdem man ihn (ich glaube) auf 75 % Ration gesetzt hat. Er meinte letzhin zu Fuchs und mir, ob wir nicht wieder in die Gruppe eintreten wollen. Nein, liebes Hannchen, das nicht. Mir scheint es kommt nicht mehr auf Gruppen mit mehr oder weniger alten Ballast an. (in der Nov. Gruppe sind das die Zeichenlehrer mit saturierten Fortschrittsgesten und pedantischem Ehrlichkeitsfimmel (welche Mischung nicht wahr?) / Wichtiger wäre es, aus diesen nivellierenden Vereins- und Gruppengebilden, die Köpfe herauszufinden, auf die es ankommt im Sinne der Weiterentwicklung. An die glauben wir doch und dieser Glaube hält uns bei der Stange. / Ich hoffe, liebe Hannah Höch, dass ich jetzt genug über genug gequatscht habe. Nochmals bitte, seien Sie nicht böse, dass ich Ihnen erst jetzt antworte. Lassen Sie mich das nicht dadurch entgelten, dass Sie mir nicht mehr schreiben. Ein Brief von Ihnen ist für mich eine Freude. Ich appelliere an Ihr gutes Herz und grüsse Sie herzlichst als Ihr alter / Pitt Foerster. / Mies, Fuchs, Hilberseimer Häring, Goetz u. a. grüssen Sie auch. / Gruss von meiner Frau."
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[1] Emilia Unda und Hugo Häring.
[2] N. G. = Novembergruppe.
[3] Frühjahrsausstellung der Preussischen Akademie der Künste im April/Mai 1927.
[4] Ludwig Hilberseimer (1885-1967), Architekt.
[5] Max Dungert (1896-1945), Maler und Graphiker.
[6] Verballhornung des Namens von Marilla Dungert, der Frau von Max Dungert.
[7] Dr. Paul Mahlberg.
[8] Eugen Spiro (1874-1972), Maler und Graphiker.
[9] Hugo Graetz.