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Brief von Otto Freundlich an Hannah Höch. Paris
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Otto Freundlich (1878 - 1943)

  • TitleBrief von Otto Freundlich an Hannah Höch. Paris
  • Date04.1928
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount2 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 173/79
  • Other NumberBG-HHE II 28.8
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

"Paris. Freitag. April. 1928.
Liebe Hannah Höch - es hat mich herzlich gefreut, von Ihnen etwas zu hören und zwar so ausführlich, daß ich mir ein Bild davon machen kann, was Sie tun, schaffen und wie Ihre Stimmung ist. Und es freut mich, daß diese gut ist. Sie haben tüchtig gearbeitet und haben sogar den Mut Siegerplantagen zu züchten. Schade, daß Ihre Pariser Reise zu Wasser geworden ist; dieses Wasser wurde uns reichlich zuteil und es hat manche Reisenden schnell wieder fortgeschwemmt. In mir reiselt es auch mächtig, und ich möchte mich auf die Bahn setzen und mal wieder gen Osten dampfen.
Auch ich bin in meiner Arbeit weitergekommen. Zwar habe ich nicht so viel produziert, wie Sie, aber das wenige hat mir doch weitergeholfen. Gern würde ich Ihre Arbeiten sehen und ich hoffe, dazu wird sich auch im Laufe des Jahres Gelegenheit finden. Denn sollte sich die schon lange erwarte günstige Wendung in Geldsachen endlich einstellen, so möchte ich auch mal nach Holland kommen, wenn Sie dort sind. Mondrian habe ich lange nicht gesehen, aber ich werde ihn doch einmal aufsuchen. Vielleicht da der Luxemburg auch die größten Höhlenbären jetzt wieder herauslockt, begegnen wir uns dort wie im vorigen Jahr. Ihre Wohnung mit dem großen sonnigen Balkon muß ja herrlich sein und ich kann mir denken, wie Sie ihn genießen.
Ihre Film-Liga muß doch ein lebenskräftiges Unternehmen sein, denn sie hat ja ermöglicht, was hier kaum in so geschlossenem Zusammenhang möglich ist.
In Köln soll im Juni eine Ausstellung der im Ausland lebenden deutschen Künstler sein. Gestern war man bei mir, um mich dazu einzuladen. Ich werde Ihre Adresse angeben, damit man auch Sie einladet. [1] Dadurch, daß ich in diesem Jahre im Salon des Indépendants ausgetretenstellt hatte, bin ich wieder an die Öffentlichkeit getreten, was vielen vielleicht nicht angenehm war, einigen aber doch. Zumal habe ich selbst einige Ellenbogenfreiheit dadurch gewonnen. So lange man brütet sitzt man im engen Nest. Jetzt will ich aber wieder fliegen und werde mit den Flügeln tüchtig in die Luft und auf die langen Nasen und Ohren hauen. Wenn ich ins Café du Dôme komme, merke ich, daß das Café du Dôme nicht mit mir zufrieden ist. Aber ich gehe doch manchmal hin und in meinen Adern fließt die Milch der frommen Denkart [2]. Das Café du Dôme ist die Auskunftsstelle für Deutsche, die mich besuchen wollen, mit dem Erfolge, daß sie gar nicht zu mir kommen, denn das Café du Dôme ist vielleicht darum nicht mit mir zufrieden, weil ich nicht genug arbeite, darum hält es jede Störung von mir fern. Wehe, wenn ich dort mit frischem Kragen oder einem neu aussehenden Anzug erscheine, wehe, wenn ich dort mit einer Frau und oder mit einem Mann sitze: der weiße Kragen ist ein Zeichen des Luxus, die Frau ein Zeichen der Ausschweifung, und der Mann vielleicht ebenfalls. Es ist ganz reizend. Ich schaffe mir eines Tages einen falschen Brillantring an, stecke ihn an den kleinen Finger, den ich abgespreizt halte, wenn ich die Pfeife rauche, damit der Simili recht funkelt. Alle die Kunstschieber, bezahlten Schreiberseelen, Chauvinisten und Familienmitglieder sind dort bei sich und zu Hause. Aber ich tue so, als wenn ich mich in einem Café befinde, wo ich still vergnügt meinen Schwarzen trinke und mich freue, daß ich ihn zahlen kann. Sicher möchten meine Gönner, daß ich eine Braut habe! Aber wenn ich nun mal eine haben sollte, das würde ihnen vielleicht auch nicht recht sein. Krähenwinkel ist ein wahrer Weisenknabe gegen das Café du Dôme.
Einst verkehrten dort die reinsten und schönsten Geister der Welt. Das ist allerdings lange her. Trotzdem ist Paris eine wunderbare Stadt. Sie hat Gesundheit und Vitalität und die stärksten positiven Kräfte finden eine gute Atmosphäre. Grüßen Sie die holländischen Blumenfelder, Ihre Balkondschungeln mit Inhalt. Herzlichste Grüße auch Ihnen und Ihrer Freundin von Ihrem Otto Freundlich"

[1] Wanderausstellung Deutsche Künstler im Ausland der Vereinigung für Junge Kunst
[2] Angelehnt an Friedrich Schiller: Wilhelm Tell, 4. Akt, 3. Szene. Monolog Tells in der hohlen Gasse bei Küßnacht: "In gährend Drachengift hast du / Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt"