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Raoul Hausmann an Hannah Höch
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • TitleRaoul Hausmann an Hannah Höch»... Wer aber bis an das Ende beharrt, der wird selig«.
  • Date1.-5./7./19. Mai 1918
  • CategoryAufzeichnungen
  • ClassificationNotizheft
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount1
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 4647/79
  • Other NumberBG-HHE I 10.36
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

Blaues Schreibheft. 37 Seiten. Manuskript mit eingeklebten Typoskriptpassagen.

„1.-5. Mai 1918 R. Hausmann
»... Wer aber bis an das Ende beharrt, der wird selig«.
Den 1. Mai 1918 begonnen
»Das Recht zu sagen: genug, als Heraustreten aus Beziehungen, existiert. Verantwortung aber gebietet, dies zu sehen als: Abbruch der Beziehungen zu sich selbst. Beziehungen, als Gegenseitigkeit, kann man nicht aufhören lassen, da eben in der Auflösung der Gegenseitigkeit auch die Aufhebung der eignen Person liegt.«[1]
(Oktober 1917)
und darum durfte ich Dich nicht loslassen und darf es nie - und Du hättest wohl diese Trennung jetzt vornehmen müssen, damit ich gezwungen würde, zu sehen, aber Du hättest Vertrauen müssen, daß ich sehen und erkennen und mich umwandeln würde. [Randnotiz von Raoul Hausmann: „trotzdem war ich viel schlechter in den momentanen Situationen, mein Mißtrauen hat alles gestört“] und darum durftest Du nie glauben, unser Weg wäre jemals anders als gemeinsam und Du hättest keine Macht mehr, mit mir zu gehen. Trotz meiner Blindheit und meines Widerstehens habe ich nicht einen einzigen Augenblick jemals ernsthaft geglaubt, ohne Dir sein zu können: das ist mein göttlicher Starrsin, da blieb ich mir treu, daß ich in allen Zusammenbrüchen noch immer den Versuch eines Erlebens sah - eines Erlebens, das in Deiner Treue zu Dir selbst und in meiner Treue zu Dir wurzelt. Nie habe ich Deine Widerstände irgendwie kleinlich als »unbequem« empfunden, wenn ich sie auch oft nicht begriff - wohl weil ich nicht mutig genug war, und schließlich waren wir zuletzt Beide müde geworden. Aber unser Kampf ist etwas anderes, ist mehr, als der bloße Zufall zweier Menschen die Höch oder Hausmann heißen. Und wenn Du auch nicht den ganzen Mut zu mir gehabt hast - mich zu zwingen, zu erkennen, eben durch so eine äußerste Forderung - rein von Dir zu mir - aber leider lebtest und dachtest auch Du zu viel für Dich allein, wenn auch aus berechtigter Furcht vor mir; so bleibt eins immer bestehen: Ich habe den Mut zu Dir gehabt und wenn einer von uns diesen Mut je ganz verlieren könnte - dann wäre dies unser Beider Tod, nicht nur der meine. Denn ich war vom ersten Augenblick an der Vater Deines Kindes
- und ich werde es sein, oder es wird kein Kind sein, nie, und kein Andrer wird sein und dann würdest auch Du nicht sein.
Und das wußte ich ganz klar, daß auch Du das weißt, und wenn auch nicht ganz klar, so kann ich es doch aus Deinem Brief vom 23. April erkennen - das hielt mich. Daß ich noch für Dich existierte. Und so lange würde ich leben, leben, leben, trotz Verzweiflung und Schmerzen. Bis ich wieder den Weg zu Dir gefunden habe. Vielleicht ist auch das Egoismus. Dann wird es so sein müssen.
Nun möchte ich auf Deinen Brief vom 23. April sagen: so wie Du meinst, und heißt, daß Du zu meinem Sein, oder was man »Entwicklung« nennt, notwendig warst - so notwendig war ich Dir. Und wenn Du auch Recht hast, daß ich Dir Bücher »zuteilte« - so hast du doch durch mich Weininger[2] und Adler[3] gelesen. Ich wußte wohl, daß Du damit auch etwas gegen mich erhieltst - und habe Dir die Bücher doch gegeben. Aber ich bin gegen Weininger.
Es hilft nichts, daß der Mann schreibt: »Von einem moralischen Aussichtspunkte kann man diese Frauen, da sie stets männlicher als die ändern sind, nur freudig begrüßen, und müßte bei ihnen eher das Gegenteil einer Entwertung, nämlich einen Fortschritt und eine Überwindung zugestehen«[4] wenn seine Grundanschauung lautet:
»Der reine Mann ist das Ebenbild Gottes, des absoluten etwas, das Weib, auch das Weib im Manne, ist das Symbol des nichts, das ist die Bedeutung des Weibes und so ergänzen und bedingen sich Mann und Weib.«[5] - In der von mir erkannten antagonistischen Gleichwertigkeit ist der wertvollste Punkt: die Auflösung des überschätzten männlichen Wertes. Der graphische Ausdruck dafür, zugleich die deutlichste Darstellung, ist das alte chinesische Zeichen des tai-kir [Randnotiz: „Der Mann zwingt die Frau zur »Hysterie«] Und wie es nicht das absolute Nichts und nicht das absolute Etwas gibt, so gibt es auch nicht den absoluten Mann, zu dem die Frau sich hinentwickeln soll, - das führt eben bei Weininger logisch zur Ablehnung der Geschlechtlichkeit - sondern die Complexver- schlungenheit soll erkannt und gesteigert werden, das Weibliche im Mann und das männliche im Weib, darum antagonistische Gleichwertigkeit - alles andre ist Feminismus oder Antifeminismus. Wie falsch Weininger gerade hier denkt, das zeigt folgende Stelle, zu der ich im Voraus bemerken möchte, daß in ihr der ganze Weininger steckt: glänzendes Material, und falsche Voraussetzungen und Schlüsse; und daß ich persönlich dazu sagen will, diesen Masochismus besitze natürlich ich sehr stark - aber die Ursache ist eine andre - ich kenne sie noch nicht, kein Mensch kennt sie. also:
»Alle Individualität ist der Gemeinschaft feind: wo sie in höchster Sichtbarkeit wirkt, wie im genialen Menschen, zeigt sich dies gerade dem Geschlechtlichen gegenüber.«[6] [Randnotiz von Raoul Hausmann: „ist ebenso falsch wie: Eigentum ist Diebstahl. - sonst wäre Sein: Diebstahl und der Einzelne schlösse die: Alle aus, es gäbe keinen Verknüpfungspunkt.“] »Nur hieraus erklärt sich es, daß sicherlich alle bedeutenden Menschen, die, welche es verhüllt aussprechen können, wie die Künstler, ohne Ausnahme, so weit sie eine entwickelte Sexualität besitzen, an den stärksten geschlechtlichen Perversionen leiden (entweder am Sadismus, oder, wie zweifelsohne die größeren, am Masochismus). Das allen jenen Neigungen gemeinsame ist ein instinktives Ausweichen vor der völligen körperlichen Gemeinschaft, ein Vorbeiwollen am Coitus, denn einen wahrhaft bedeutenden Menschen, der im Coitus mehr sähe als einen tierischen, schweinischen, ekelhaften Akt, oder gar in ihm das tiefste heiligste Mysterium vergötterte, wird es, kann es niemals geben.«[7]
Ich meine mit Sexualität nicht den blanken Coitus. Aber ich sehe in der Sexualität etwas anderes als Weininger. Er ist hier moralisch-ethisch wie Tolstoi: Christ. [...]
»Wollust: nur dem Welken ein süßlich Gift, für die Löwen-Willigen aber die große Herzstärkung, und der ehrfürchtig geschonte Wein der Weine, Wollust: das große Gleichnis-Glück für höheres Glück und höchste Hoffnung. Vielem nämlich ist Ehe verheißen und mehr als Ehe, - Vielem, das fremder sich ist als Mann und Weib, - und wer begriff es ganz, wie fremd sich Mann und Weib sind!«[8]
Zarathustra
Wenn wir dahin gelangen wollen, wo wir keine Angststellung mehr zu einander haben - der Mann hat heute noch eine agressive Angststellung der Frau gegenüber, da er agressiv ist, ist sie vielleicht schwerer als Angststellung zu erkennen als die passive Angststellung der Frau - dann müssen wir unseren ersten Instinkten vertrauen - und die sagten Ja zu einander. Und wenn ich brutal Dich schlug, nachdem ich durch psychologische Beunruhigung Dich zum »lügen« gezwungen hatte - dann war dies meine Angst vor Dir - so wie Du Angst vor mir hattest - nur daß ich obendrein den Anschein der Gerechtigkeit für mich in Anspruch nahm. Und wenn ich nach allem Dich bitte, wieder mit mir zu sein, dann darf ich das, weil ich meine ganze Erbärmlichkeit so tief begriffen habe, daß ich Dich nie wieder vergewaltigen kann. Das kann ich nicht mehr.
Daß ich mit Deiner »Männlichkeit« nichts anzufangen wußte - also Angst hatte, vor meiner Auflösung oder der meines Machtwillens - und daß ich Dich nur zum »Weibchen« machen wollte, das ist im ersten Teil richtig, im zweiten falsch - denn die wahr Frau - »die sich sah bevor sie Eva ward« - hat ihre männlichen Complexe, quasi Einsprengungen (siehe Tai-Kih) aufs höchste ausgebildet, bleibt aber Weib - wird immer etwas ganz anderes sein als der Mann (auch er bildet seine Weibkomplexe aus) entgegen der Weiningerschen Theorie, nach der dann eben logisch die Geschlechtlichkeit aufhören müßte - aber dann auch kein Kind. Und Du - Du willst ein Kind - weil Du keine Theorie, sondern ein wunderbarer Mensch bist. Die Geschlechtlichkeit wird eine andre sein müssen als bisher - aber ist sie das bei Dir und mir nicht schon?
Bis jetzt gab es eigentlich nur die Mutter. Vielleicht gibt es einmal den Vater - ohne Gewalt und ohne Minderwertigkeitsmittel. Jedenfalls ist die Dreieinigkeit Mann Weib Kind geboren aus der antagonistischen Gleichwertigkeit, Auflösung im Vertrauen - und die Frau steht nicht über dem Mann, denn das wäre nur ein Rollenwechsel, eine Gewalt durch das Weib, wie bis jetzt durch den Mann.
So wie Du im Januar schriebst: Du seist so rein, daß Du Dein Kind erst haben kannst, wenn der Ausgleich (Ubereinklang) mit dem Mann da ist - So ist es. Und darum geht der Schluß Deines Briefes zu weit nach dem Mann im Weibe hin.
Du verstehst, daß ich hier nicht aus Angst mehr so rede, sondern daß es so ist: so gewiß ich der Vater Deines Kindes bin vom ersten Augenblick an, dem 28. April 1915,
und für dieses unser Kind haben wir gekämpft, Du warst die Reinere und Stärkere - aber ich komme schon! Dir ganz nahe -
Und es war so wie Du schreibst, ich habe mir Deine »Unmütterlichkeit« zurecht gemacht - d.h. ich habe alles getan, um diese Mütterlichkeit Dich nicht an mir entfalten zu lassen. Aber das war mir schon vor Erhalt Deines Briefes von allein klar geworden - und darum darf ich sagen: das ist vorbei. Ich kann nie wieder so mißtrauisch zu Dir sein, und ich kann nie wieder feig hinter diesem Mißtrauen mich verstecken. [Randnotiz: „Das war leider ein Irrtum - aber hilf mir, hilf mir bitte, bitte, bitte - Du -“]
woher ich gekommen bin - Das, was ich eine lange Zeit war, aber nicht mehr bin, ganz wo anders hin will.
Der Wille zur Macht. 970.
»Gefahr in der Bescheidenheit. Sich zu früh anpassen an Aufgaben, Gesellschaften, Alltags- und Arbeitsordnungen, in welche der Zufall uns versetzt, zur Zeit, wo weder unsere Kraft, noch unser Ziel uns gesetzgeberisch ins Bewußtsein getreten ist; die damit errungene allzufrühe Gewissens-Sicherheit, Erquicklich- keit, Gemeinsamkeit, dieses vorzeitige Sich-Bescheiden, das sich als Loskommen von der inneren und äußeren Unruhe dem Gefühl einschmeichelt, verwöhnt und hält in der gefährlichsten Weise nieder; das Achtenlernen nach Art von »Seinesgleichen«, wie als ob wir selbst in uns kein Maß und Recht hätten, Werte anzusetzen, die Bemühung, gleichzuschätzen gegen die innere Stimme des Geschmacks, der auch ein Gewissen ist, wird eine furchtbar feine Fesselung: wenn es endlich keine Explosion gibt, mit Zersprengung aller Bande der Liebe und Moral mit einem Male, so verkümmert, verkleinlicht, verweiblicht, versachlicht sich ein solcher Geist. - Das Entgegengesetzte ist schlimm genug, aber immer noch besser: an seiner Umgebung leiden, an ihrem Lobe sowohl wie an ihrer Mißbilligung, verwundet dabei und unter schwierig werden, ohne es zu verraten [Randnotiz: „1913,1914,1915“] unfreiwillig - mißtrauisch sich gegen ihre Liebe verteidigen, [Randnotiz: „dieses tiefe Mißtrauen glaubte ich überwunden, aber es war noch da - gegen Dich auch, Liebste“] das Schweigen lernen, vielleicht indem man es durch Reden verbirgt, sich Winkel und unerratbare Einsamkeiten erschaffen für die Augenblicke des Aufatmens, der Trauer, der sublimen Tröstung - bis man endlich stark genug ist, um zu sagen: was habe ich mit euch zu schaffen, und seines Weges geht.«[9] - und:
791 »Menschen, die Schicksale sind, die, indem sie sich tragen, Schicksale tragen, [Randnotiz: „das tun wir beide“] die ganze Art der heroischen Lastträger: oh wie gerne möchten sie einmal von sich selber ausruhn! [Randnotiz: „Darum ließ ich Dich nie zur Ruhe kommen“] wie dürsten sie nach starken Herzen und Nacken, um für Stunden wenigstens loszuwerden, was sie drückt! Und wie umsonst warten sie, sie sehen sich alles an, was vorübergeht: niemand kommt ihnen auch nur mit dem Tausendstel Leiden und Leidenschaft entgegen, niemand errät, in wiefern sie warten (...) Endlich, endlich lernen sie ihre erste Lebensklugheit - nicht mehr zu warten (...)«[10] Meine Ungeduld kam ja nicht nur aus Gemeinheit. Und dann: der Mensch, der nicht Napoleon sein kann, wird Rodion Raskolnikow sein müssen, Teil 1: Schuld, Teil 11 Sühne, aber dieser Teil ist nicht nur von Dostoiewski noch nicht gegeben worden ... - Der starke Mensch ist auch Verbrecher und im zweiten Teil erst lernt er das Tierische beherrschen -
Mit ändern Worten: der Mensch ergreift Besitz von sich, zweite Fassung vom Jahr 1917 - aber das war erst Theorie. Ich habe jetzt darum gelitten. Ich bin weiter, oder anders. Glaube mir.
3. Mai 18
»Daß nur Schmerz und Qual als die größten Glückserzeuger bezeichnet werden dürfen. Wir haben kein Recht, uns vor dem Entsetzlichen zu fürchten. Das Entsetzliche führt uns doch immer weiter, es wandelt uns um. Und wir sind nicht imstande uns umzuwandeln, wenn wir Schmerz und Qual fliehen (...) Fürchtet nicht den Schmerz und fürchtet auch nicht den Tod.«
(Scheerbarth)[11]
Du hast das einzig richtige getan, daß Du von mir fortgegangen bist. Aber, Du hättest es nicht als endgiltiges Fortgehen ansehen sollen. Du hättest mehr vertrauen sollen, trotzdem ich mit meinen Schlägen Deine Liebe getötet habe: eine vorhandene Liebe wirkliche Liebe wacht immer wieder auf: die Liebe ist stark wie der Tod. Das mußt Du wissen. Und Du kannst nicht anders, als mir vertrauen: auch wenn ich sage: Dein Ideal der reinen Jungfrau, die ihr Kind bekommt ohne vom Mann etwas zu wissen - die ist unmöglich, die stellt sich über den Mann, stellt eine Überwertigkeit der Frau her, ist genau vom ändern Ende her das, was bis jetzt der Vergewaltigungswille des Mannes war: ist ein Ausschalten des Mannes, nicht ein Aufnehmen von den mütterlichen Complexen der Frau aus. Ist: »und wer hat begriffen wie fremd sich Mann und Weib sind« - nur jetzt umgekehrt.
Bedenke dies recht: Jeder Mann ist ein Adam, dem Weib und Welt neu, primär entgegenstehen. Erkenne: Eva, die große Jungfrau-Mutter, Maria mit dem Kinde, dies zugleich Adam. Im Menschen kämpft Geist-Seele mit sich selbst, Geist Adam haßt darum Seele Eva, weil sie seines innersten alleinigen Gottes Mutter ist, damit auch seine. Durch welche Tode muß ihrer beider Haß, bis sie sich erkennen! Sie selbst sind![12]
Den Adam kannst Du fortlassen, oder auch sagen: jede Frau ist Eva, oder Maria, der Mann und Kind entgegenstehen, von ihr erwartet werden. [Randnotiz: „Die Frau, die nicht nur ihr Kind will, sondern auch die Mutter des Mannes ist“] Und von da aus gibt es nur die generative Gemeinschaft - von da aus gibt es weder Ehe, noch Moral, denn beide sind Mittel, Bequemlichkeiten des Mannes, um leichter die Frau zu beherrschen. Das letzte und schwerste, was aus der antagonistischen Gleichwertigkeit hervorgeht: die Beziehung als Bindung zur Gemeinschaft - das kann ich nicht verleugnen. Aber ich stehe dem heute so gegenüber, wie Du mir im März schriebst:
»Ich kann natürlich nichts gegen die Theorie der Beziehungen der Menschen zueinander haben, wenn ich auch zugeben muß, daß ich selbst noch nicht so weit bin, ungehindert zu jedem Menschen treten zu können, wenigstens nicht mit aufgeben meiner Persönlichkeit, aber vielleicht ist das jetzt noch ganz unwichtig.« Das ist jetzt noch ganz unwichtig. Und in meinem Brief vom 23. April, den Du mir zurücksandtest, schrieb ich Dir, was jetzt wichtig wäre: daß Du zu einer wirklichen Sicherheit mir gegenüber kommen mußt - und daß Du das nur kannst, wenn Du mit mir allein bist. Denn den Ursprung meiner Vergewaltigungsmethode habe ich darin erkannt, daß ich Dir nicht so ausschließlich gegenüberstand, wie Du dies jetzt brauchst (auch doch noch zu Deiner Entwicklung), weil ich zu sehr jedesmal, wenn auch unbewußt, von der ändern Frau herkam. - Sieh, ich gebe Dir schon von selbst, was ich geben muß, - Du sollst nicht fordern - sondern vertrauen. Und jetzt mußt Du jedes Wort als die reine Wahrheit nehmen. Ich will mit Dir zusammen leben. [Randnotiz: „Habe aber den Beschluß gefaßt, mich zu trennen und allein zu leben. Schon wegen meiner Ideen, die ich verwirklichen will. Neue Adresse vorläufig Zimmer- mannstr. 34[13]] Solange aber die Polizeiaffaire nicht erledigt ist, und das wird nicht vor dem 20. September sein, können wir, Du sowohl als ich, die sich aus unserem Zusammenleben ergebenden rein polizeilichen Schwierigkeiten nicht riskieren. Die Polizei war schon wieder bei mir, und vermutete weiß Gott was zu finden, sie konnte aber nichts finden, weil ich keinen Finger gerührt habe, in solchen Dingen. Jedenfalls ist es wirklich unmöglich, in der augenblicklichen Situation die Gefahren eines »Concubinats« auf uns zu nehmen. Das kann ich mit Dir ja alles besprechen. - Ich will aber bis September soviel Du willst bei Dir sein. Und dann: ich muß so langsam das Reichsmarineamt aufgeben. Die Dadageschichte14 wird von mir und Huelsenbeck so gut gemacht, (an unserem ersten Abend hatten wir 500 Mark Reingewinn) daß daraus wirklich etwas zu machen ist, wie der Sturm, wenn wir kaufmännisch geschickt genug sein. Und das sind wir. Du wirst Dich freuen, wie gerade kaufmännisch ich begabt bin. (lächle nicht!) Wir haben für 22 Mark bar bis zum 27. April die Zeitungen so in Atem gehalten, daß sie uns die Reclame besser besorgt haben, als wenn wir Hunderte für Inserate bezahlt hätten.15 - Jedenfalls bis jetzt steht Dada. Und bis zum Herbst wird es möglich sein, davon leben zu können. Ich habe mit Baader verschiedenes gemacht, Simultangedichte, ein Simultan-Roman[16], neue Holzschnitte; ich habe die Sent M’ahesa[17] für den kubistischen Tanz begeistert, werde ihr neue Kostüme machen, habe eine wunderbare Idee für einen Tanz und neue Musik, dann gebe ich jetzt ein neues Heft heraus, die Galerie dada wird gegründet - es ist wirklich eine neue Bewegung da. Und zwar machen Huelsenbeck und ich das. Jung tut nichts. Aber wir beide wollen ganz und gar radikal ernstlich davon leben! Und es wäre für Dich auch ein so schönes Betätigungsfeld!
Wie könnten wir Zusammenarbeiten! Und wir wüßten wofür: im September käme ich dann zu Dir, und wir hätten Boden unter den Füßen! Ins Ausland, wie ich zuerst nach der Affaire Hausschild[18] meinte, kann ich nicht. Aber hier ist viel zu machen. Ohne Einbildung. - Also: wenn Du mir vertraust, daß ich wirklich für Dich leben will, und ein ganzer Kerl geworden bin - dann erträgst Du mit mir zusammen jetzt noch diese 5 Monate. - Es ist unmöglich anders, so gern ich schreiben würde: laß mich zu Dir kommen, ich hole Dich ab, wir bleiben beieinander - es geht wahrhaftig nicht, ohne für Dich, aber noch mehr für mich die größten Gefahren zu bringen. Du glaubst ja nicht, was für Blödsinn die Polizei hinter mir vermutet. Ich kann, kann ja nicht so, wie ich von ganzem Herzen möchte. Und ich will Dir keine falschen Hoffnungen machen. - E. S.[19] wird mich nicht zurückhalten.
Also bitte ich Dich: sei nicht härter als es sein muß. Habe mich lieb und hilf mir. Ein andres Leben führen.
R.
Der Mann, Vater, der im Schooß des Weibes sein Ebenbild schuf, daß es ihm
gehöre,
also der Vergewaltiger mit der Minderwertigkeitstheorie - der darf nicht vertauscht werden gegen die reine Jungfrau, die vom Manne nur ihr Kind weiß und will - das wäre die Vergewaltigung der Welt durch die Jungfrau. [Randnotiz: „Nur antagonistische Gleichwertigkeit wird sein“] Nachdem ich nochmals Deinen Brief vom 30. April gelesen habe, muß ich sagen: Du mußt vertrauen. Ich rede nicht bloß. Du hast mich immer zu wenig an Dich gebunden - weil Du zu wenig vertraut hast. Auch wenn es tausendmal nicht nur so aussah, sondern so war, daß ich falsch handelte. Dein ganzes Vertrauen hätte mich entwaffnen müssen. [Randbemerkung: „auch ein Irrtum“] Zweifle doch nicht so: sonst werde ich der Polizei sagen müssen, daß sie mir einen Gefallen tut, wenn ich ein halbes Jahr Zuchthaus bekomme: denn, wenn Du jetzt nicht zu mir kommst. [Von Hausmann durchgestrichen: das ertrage ich nicht.“] [Randbemerkung: „wegen der augenblicklichen Verhältnisse mit der Polizei, wegen deren ich nicht ganz zu Dir kommen kann“] Und da will ich nur noch sagen: mir wurde es im März 1916 auf Pichelsberge verflucht schwer, Dir zu sagen: schön, komme jetzt nicht zu mir, aber dann kommst Du in einem Jahr - und da habe ich’s dann nicht mehr verlangt, weil Du das Deiner Familie nicht antun wolltest - ein Jahr lang bat und bat ich: bleibe bei mir -
Du mußt kommen, mußt sehen, daß ich stark bin, daß Du zu mir gehörst!

4. Mai 18.
Dann mußt Du noch bedenken: Dein Bruder hat mir gegenüber auf Deine Veranlassung hin sich folgendermaßen benommen: er verlangte von mir die absolute Zusicherung, daß ich mich nie mehr, weder brieflich, noch persönlich an Dich wenden solle, diese Zusicherung gab ich ihm nicht, sondern sagte, ich sähe ein, daß Du Ruhe brauchtest, und würde deshalb bis Pfingsten nichts unternehmen. Da erklärte er, daß er sofort gegen mich Anzeige erstatten wolle, wegen Bedrohung mit Lebensgefahr, er habe sich bei den Leuten unter Dir erkundigt, die bereit seien, gegen mich in der belastendsten Weise auszusagen, auch könnten sie bezeugen, daß ich mehrmals mit Gewalt in Deine Wohnung eingedrungen sei. Falls ich mich im Geringsten rührte, ließe er mich ausweisen, was nicht schwer sei, da ich ja sowieso der Polizei verdächtig sei. Na, ich habe ihm geholfen. Ich bewies ihm, daß er in Deinem Interesse handelte, wenn er sich mit meiner freiwilligen Erklärung zufrieden gäbe. Aber bei der Gelegenheit sagte ich zu ihm: wenn ich mich nun bemüht hätte, Hannah dazu zu bewegen, daß sie auch ohne Heirat zu mir gekommen wäre, was dann? Da sagte er, dann hätte man schon Mittel gefunden, Hannah zwangsweise zur Vernunft zu bringen, und dich (also mich) hätte mein Vater schon unschädlich machen lassen! - Daraus siehst Du, was uns erwartet. Und das kann ich in der augenblicklichen Situation, wo die Polizei fragt: warum malen sie so, warum ist das so gedruckt, ja, das ist doch eine Chiffersprache, machen sie uns nichts vor (n.b. war man heute, 4. Mai schon wieder bei mir) - nicht riskieren.
Aber ich hoffe auf Dein Vertrauen, und ich möchte sagen: gut kann alles werden - wenn Du siehst, daß ich alles tue, und wenn Du nicht zögerst - wenn Du ohne Mißtrauen kommst, nur kommst.
Du mußt sehen: ohne Zögern - denn nur Dein vertrauen trotz allem rettet hier!“

„5. Mai 18
»Wie wohl aber solche Gelassenheit etwas gar Hohes ist und aus der Maaßen selten, so gibt es doch noch einen Grad, der noch viel stolzer und vollkommener den Menschen emporträgt in sein letztes Ziel, und den wirkt die Liebe, die da stark ist wie der Tod, der uns das Herze bricht.« (Eckehart)[20]

»So lasset mich euch den Punkt weisen, auf den es hierbei ankommt! Wäre meine Vernunft auch so umfassend, daß alle Bilder vor meinem Bewußtsein stünden, die der menschliche Geist je in sich aufgenommen, ja, die es nur in Gott selber gibt: ohne daß ich sie doch als mein Eigen anspreche - so daß ich mich in meinem Tun und Lassen an keins von ihnen verhafte mit ihrem Vor und Nach, sondern jetzt, in diesem gegenwärtigen Augenblick, ein Freier und Lediger, Gott zur Verfügung stehe, was er am dringendsten will, das unverzüglich zu vollbringen wahrlich! so wäre mir alle diese Fülle der Bilder so wenig eine Hemmung, wie da ich nicht war - meine Seele wäre jungfräulich. Nun merket und sehet mit Fleiße! So jemand immer nur Jungfrau wäre, so käme niemals Frucht von ihm, soll er fruchtbar werden, dazu gehört notgedrungen, daß er Weib sei. Weib ist der edelste Name, den man der Seele zusprechen kann, viel edler als Jungfrau. Daß der Mensch Gott in sich empfängt, ist gut - in solcher Empfängnis erweist sich seine Jungfräulichkeit. Daß aber Gott fruchtbar werde in ihm, ist besser. Denn Frucht bringen, daß heißt wirklich danken für eine Gabe; und das die Seele in erwiedernder Dankbarkeit Jesum zurückgebiert in Gottes Vaterherz, das ist Weibes Sache. Viel guter Gaben werden empfangen in jungfräulichem Schooße, und werden doch nicht zurückgeboren von des Weibes Fruchtbarkeit, Gott zu echtem Dank. Die Gaben verderben und werden alle zunichte, daß der Mensch nimmer seliger und besser davon wird. Denn ihre Jungfräulichkeit ist der Seele zu nichts nutze, wenn sie nicht dazu ein Weib ist, mit ganzer Fruchtbarkeit. Daran liegt der Schade. Darum eben sage ich, Jesus sei aufgenommen worden von einer Jungfrau, die ein Weib war.« (Eckehart)[21]

Ich weiß meine Schuld. Aber: in mir ist auch ein Kindliches. Dies ist wahr - wie hätte ich sonst der Vater Deines Kindes sein wollen können? Und ich wollte Kind sein, trotz allem Widerstreben in mir gegen meine Auflösung als Mann in Dir, der Frau. Ich fliehe nicht mehr. Du hast die Macht, mir mir zu bleiben: Vertraue, daß ich mich überwinde. Mache mich zum Kind. Du fliehe auch nicht vor mir: Sei meine Mutter.
27. April 1918.[22]

»Ich habe eine Frage für Dich allein, mein Bruder: (...) bist du ein Mensch, der ein Kind sich wünschen darf? Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne, der Herr deiner Tugenden? (...) [Randnotiz: „frage ich mich“] Eure Liebe zum Weibe und des Weibes Liebe zum Mann (...)
Aber auch noch eine beste Liebe ist nur ein verzücktes Gleichnis und eine schmerzhafte Glut. Eine Fackel ist sie, die euch zu höheren Wegen leuchten soll. Uber euch hinaus sollt ihr einst lieben.
So lernt erst lieben! Und darum mußtet ihr den bitteren Kelch einer Liebe trinken. Bitternis ist im Kelch auch der besten Liebe: so macht die Sehnsucht zum Übermenschen (.. .)«[23]
Zarathustra

»Im echten Manne ist ein Kind versteckt, das will spielen. Auf ihr Frauen, so entdeckt mir doch das Kind im Manne! (...) In eurer Liebe sei Tapferkeit! Mit eurer Liebe sollt ihr auf den losgehen, der euch Furcht [Randnotiz: „Davon habe ich so viel, daß ich nicht mehr kann“] einflößt!«[24]
Zarathustra
»Sagt, wo findet sich die Gerechtigkeit, welche Liebe mit sehenden Augen ist? So erfindet mir doch die Liebe, welche nicht nur alle Strafe, sondern auch alle Schuld trägt!«[25]
Zarathustra

»Wahrlich, wahrlich ich sage euch: wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und nicht abstirbt, so bleibt es allein; stirbt es aber, so bringt es viele Früchte.«
Ev. Joh. xii. 24

Und endlich: wenn ich jetzt gleich zu Dir kommen muß - dann komme ich. Trotz allem und gegen alles.
5. Mai 1918

Nachsatz vom 7. Mai 18
Es ist mir ganz bewußt, daß ich ein tiefes Mißtrauen besitze und eine große Unruhe - daß es sehr schwer ist, mit mir zu leben und auszukommen; aber ich weiß dies jetzt, auch daß ich so viel Vertrauen von Dir verlangte aus innerer Unruhe - aber dann sollst Du mir helfen.
Nachsatz vom 19. Mai 18 Habe Mitleid mit mir


[1] Vgl. 9.50.
[2] Otto Weininger (1880-1903), Philosoph. Raoul Hausmann zitiert im Folgenden aus Otto Weininger: Geschlecht und Charakter. Wien; Leipzig, 1903.
[3] Alfred Adler (1870-1937), Begründer der Individualpsychologie.
[4] - [7] Otto Weininger. A. a. O. S. 345-403.
[8] Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen. 225-227. Tsd. Leipzig, 1919. (Nietzsches Werke. 1. Abt., Bd. 6). S. 277.
[9] Friedrich Nietzsche: Der Wille zur Macht. Drittes und viertes Buch. 2., völlig neugestaltete und vermehrte Ausgabe. 11. u. 12. Tsd. Leipzig, 1911, (Nietzsches Werke: 2. Abt.; Bd. 16) S. 346.
[10] Ebda S. 347; es handelt sich nicht, wie bei Hausmann angemerkt, um den Absatz 791, sondern um den Absatz 971.
[11] Paul Scheerbart: Lesabendio: ein Asteroiden-Roman. München; Leipzig, 1913. 22. Kap.
[12] Letzter Absatz Zitat aus: Raoul Hausmann: Der Mensch ergreift Besitz von sich, eingeklebter Typoskript- Ausschnitt.
[13] Adresse entspricht der Anschrift des Club Dada.
[14] Vgl. Nr. 10.17 ff.
[15] Einige Pressestimmen sind abgedruckt in: Karin Füllner: Dada-Berlin in Zeitungen: Gedächtnisfeiern und Skandale. Siegen, 1986. S. 20-27.
[16] Die Simultangedichte und der Simultanroman sind verschollen.
[17] Sent M’ahesa (?-1970), Ausdruckstänzerin, trat in ägyptisierenden Kostümen auf.
[18] Vgl. auch Nr. 10.46.
[19] Elfriede Hausmann-Schaeffer.
[20] - [22] Hausmann zitiert aus: Meister Eckharts Schriften und Predigten / aus dem Mittelhochdeutschen übersetzt und herausgegeben von Hermann Büttner. 2 Bände. Jena, 1909.
[23] - [25] Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. A.a.O. S. 96-104.