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9. und 10. Januar 1918
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Raoul Hausmann (1886 - 1971)

  • Title9. und 10. Januar 1918Raoul Hausmann an Hannah Höch
  • Date9/10.01.1918
  • CategoryAufzeichnungen
  • ClassificationNotizheft
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount1
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 4644/79
  • Other NumberBG-HHE I 10.1
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

Blaues Schreibheft

„9. und 10. Januar 1918.
Januar 1918.
(Ich schrieb 1916 gegen Strindberg (Damaskus)[1] »Nicht jeder Mann ist Adam« (Adam im Sinne der letzten verantwortlichen Mannheit;) wenn ich ihn hier zitiere, so zitiere ich ihn nur vom Augenpunkt der Analyse, negativ, ich stimme dem nicht mehr zu: wenn es das eben noch gibt, auch noch gibt: dieses analytisch-negative Weib-Sein, das er darstellt.
»Es liegt im Weib ein instinktives Verlangen, schuldlos zu sein, in ihrem Verhältnis zum Mann nämlich. Wer dies Verhältnis mit dem ersten skeptischen Wort entheiligt, der hat ja Schuld auf sich geladen (oder die Austreibung aus dem Paradies verschuldet. Nun, >sie< sprach das verhängnisvolle Wort (...) Dann wächst die Schuld an, wenn das Wort gesagt ist, und wenn die Zeit erfüllt ist, beim Bruch, wirft sie die ganze Last auf ihn: Du hast das und das gesagt! (...) Später dachte er einmal: Soll es so sein? Soll der Mann für sie tragen? Vielleicht vermag sie es nicht selber; vielleicht ist sie so (...) daß es ihr unmöglich ist, ein Gefühl wie Schuld hervorzubringen; vielleicht hält sie sich für unzulänglich, auf die Art, daß sie nur ein Medium ist, eine Zwischenhand für einen höheren Willen; oder faßt sich als eine Aufgabe, eine Idee.«[2] (Hier: sagte ich vor 3 Tagen, daß ich Deine Aufgabe: Widerstand, wohl kennte - aber es gäbe eine Grenze. Siehe: der Mensch ergreift Besitz.)
»Indessen: wer einen Streit anfängt, pflegt ja zur Verantwortung gezogen zu werden; wer die Herausforderung annehmen und sich verteidigen muß, geht frei aus; das ist ein wichtiger Unterschied.« (Ich sehe hier noch etwas andres: gemeinsame Verantwortung für den »Andren«.)
»Wenn sich das Mädchen verheiratet (also, meint Strindberg, nach der Aufgabe der Jungfrauschaft) und besonders nach dem Kind, pflegt sie ihren Charakter zu ändern. Auch während der Schwangerschaft macht sie solche Verwandlungen durch, daß man sie nicht wieder kennt (...) Und während der Periode des Weibes, die sehr geheimnisvoll ist, scheint sie in Verbindung mit dem Unterirdischen zu treten. Eine höllische Bosheit ist verbunden mit einer Ummaskierung; sie bekommt ein neues Gesicht, neue Begierden und Neigungen, aber meist Verlangen nach dem Unsinnigen. Sie sondert während dieser Tage ein Gift ab, das ist Jod; und ihr ganzes Wesen ist dann giftig.« (Bei Verzögerung der Periode können die Tage vorher schon so eine Auto-Toxikation vorstellen; siehe übrigens die Tatsache, daß manche Blumen welken, wenn eine Frau während der Periode sie berührt.)
»Der Staub des Weibes scheint aus einer feineren Materie zu sein, als der des Mannes, und eine ihrer Seelenhüllen auch. Wenn der Mann sie daher in seine Seelenhüllen einführen und sie wirklich unter der Haut besitzen will, muß er sein grobes Fleisch durch Entsagungen und Pflege reinigen; er muß sein selbstsüchtiges Böse ausroden, seinen Geist mit all den schönen Eigenschaften schmücken, die er besitzen möchte, aber vielleicht nicht hat. Dann erst kann seine Braut Einzug in sein Herz halten, und ist sie dort, so braucht er die Klappen nicht zu schließen, so lange er nämlich rein und fein hält in den beiden Kammern und in der Vorkammer.« (Siehe übrigens wieder: Der Mensch ergreift Besitz;) außerdem gilt hier: Paulus: »Doch ist im Herrn weder Mann ohne Weib, noch Weib ohne Mann; denn wie das Weib vom Mann ist, so ist auch der Mann durch das Weib, aber alles ist von Gott.«
Was ich unter dem »Ändern, Fremden in sich selbst« und unter »Wir« und unter »Vertrauen« verstehe - das schließt meine Verantwortung zu mir und von mir in der Erkenntnis des eigenen und fremden Fehlers ein. Die Selbsterkennung erschließt mir den Ändern.“


[Im Folgenden analysiert Hausmann einen vorausgegangenen Konflikt. Er wiederholt seine Vorwürfe gegen Hannah Höch.]


[1] August Strindberg: Nach Damaskus. (1898-1904). Deutsche Ausgabe erschienen bei Georg Müller, München und Leipzig, 1918.
[2] August Strindberg: Das Buch der Liebe: Ungedrucktes und Gedrucktes aus dem Blaubuch. 6. Aufl. München; Berlin, 1917. S. 107.