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Brief von Rosa Höch an Hannah Höch [und Til Brugman]. Gotha
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Rosa Höch (1873 - 1930)

  • TitelBrief von Rosa Höch an Hannah Höch [und Til Brugman]. Gotha
  • Datierung03.08.1929
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang2 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 917/79
  • Andere NummerBG-HHE II 29.12
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
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"Berlin Wannsee, d. 3. Aug. 29
Liebe Hanna!
Du mußt Dich wundern, von mir aus Wannsee ein Lebenszeichen zu bekommen, wo ich meine Sommerfrische aufgeschlagen habe auf Grete u. Erichs herzliche Einladung hin. Ich hätte wohl nichts schöneres finden können u. bin erstaunt, wieviel Schönheiten Berlins Umgebung hat, die wir so nach u. nach aufgesucht haben. Erich hatte seine Ferien u. Grete sich ebenfalls darauf eingestellt, möglichst viel freie Zeit zu haben u. so sind wir fast täglich hinausgepilgert in die schöne Welt. Wir sitzen hier dicht an Wald u. Heide u. Wasser, gehen 1/4 Stunde u. sind an der Havel, gegenüber der Pfaueninsel, wo die schönste Badegelegenheit ist, die ich insoweit ausnütze, als ich bis zu den Knien ins Wasser steige. Aber für die Kinder ists an heißen Tagen, die wir ja auch gehabt haben, ein Paradies. Sonst sind wir einen Tag nach der Machnowerschleuse u. zurück gelaufen, für mich herrlich u. hochinteressant, ein anders mal nach Potsdam gefahren, daß wir hier mit 10 Minuten Omnibusfahrt erreichen u. nach Sanssouci gepilgert, wo einem die Zeit des vergangenen Glanzes so recht vor Augen geführt wird. An einem andern Tag waren wir auf dem Pfingstberg in Potsdam, wo man die herrliche Aussicht hat, u. gestern haben wir eine Tour um den Sacrower See gemacht nach Nedlitz u. sind zu Mutter bis Bahnhof Wannsee gefahren. Es ist einfach wunderbar, was ich Alles gesehn u. erlebt habe. Zwischendurch haben wir mit Walter u. Hede noch eine große Autofahrt ins Land hinein gemacht, wo wir auf dem Rückweg in Werder auf der Bismarkhöhe Halt gemacht haben, wo man weithin über Wälder u. Seen sieht. Morgen wollen wir noch eine große Wasserfahrt bis Paretz machen u. dann muß Erich wieder in die Fabrik, und wir wandern wieder durch schönsten Wald an unsre Badestelle, wo auch Hede u. die Jungen mal mit waren, ein anderes mal dann Rubich mit ihren Kindern. Besuch gibts also hier genug, denn auch die ganze Familie Reckel war mal da an Karins Geburtstag, wo wir feste Kuchen gebacken haben. Seit ein paar Tagen ist auch Mutter Woll in Berlin, zunächst bei ihrem Sohn Herrmann, denn Hede hatte auch viel Besuch auf einmal unterzubringen, den Königsberger Sohn mit Familie, der mit der Rückreise von Tirol u. Allgäu erst in Gotha u. Friedrichsroda u. dann in Berlin Station machte. Übrigens möchte ich da einschalten, daß mich Hede gebeten hat, wenn ich Dir schreibe, mit zu erwähnen, daß Hermann Woll noch auf eine Bestätigung wartet, daß Du die Papiere (oder Auskunft, von ihm erhalten hättest in der Reichsverf.-Angelegenheit.
Hede u. Walter haben eine wunderschöne Wohnung in der Vionvillestr. in Steglitz, dicht am Stadtpark u. ich will nun diese Woche mal ein paar Tage dort absteigen, um auch von diesen beiden etwas zu haben. Walter gefällt es in seiner neuen Stellung sehr gut und ist er viel unterwegs, da er die ganzen Reparaturwerkstätten der Horch-Werke unter sich hat. Das Paar hat sich die Wohnung sehr fein ausgestattet u. fühlt sich glücklich unter den neuen Verhältnissen. Na, Du wirst ja bald selber sehn u. ich hatte eigentlich damit gerechnet, auch Dich u. Til hier zu treffen, da Du mir von einer Uebersiedlung am 1. August geschrieben hattest. Nun sagte mir Grete, daß es wahrscheinlich erst am 1/11 dazu kommt u. so ist es denn notwendig, daß ich Dir nun noch schriftlich über Fritzens Angelegenheit berichte. Ich habe die Briefe, die Du an die Geschwister geschrieben hast nicht gelesen, aber ich habe mir einfach das Recht genommen einem meiner Kinder, daß unverschuldet in Verlegenheit gekommen ist, zu helfen, so gut es eben möglich war.
Natürlich habe ich mich mit Anni u. Berthold, die ja genau das Intresse haben an der Sache, wie Ihr Anderen, eingehend besprochen, da es eine schwierige Angelegenheit ist, mit so vielen Kindern außerhalb in ein Einverständnis zu kommen, da dazu sehr viel Zeit gehört, die uns fehlte.
Die einfachen Tatsachen liegen so, daß Fritz durch sein Unglück in Butterfeld (an dem ja Liese auch die Schuld trägt) und seine unglückliche Ehe, die viel zu lange bestanden hat, in eine Klemme geraten ist. Er hätte sich, ehe er noch Aufwendungen für seine Häuslichkeit machte, scheiden lassen sollen. So glaubte er, seine Frau halten zu können u. das war sein Verhängnis, denn Liese ist nicht die Frau, einem Mann zur Seite zu stehen, wenn mal was schief geht.
Das, was Fritz hat durchmachen müssen, versteht nur, wer dabei war und ihn trifft nicht die geringste Schuld, allenfalls die, daß er nicht die ganze Schlechtigkeit eines verbrecherischen Weibes erkannt hat.
Die Lebensbank gab ihm damals das Geld, damit er von Butterfeld loskam u. ich übernahm die verlangte Sicherheitshypothek auf die 3/4 des Hauses, die mir gehören in der Annahme, daß es den beiden gelingen würde, innerhalb von ein paar Jahren diese Schuld abzutragen, was ein Leichtes gewesen wäre, wenn eben Liese gewollt hätte. Statt dessen tat sie alles, um den Mann ins Unglück zu stürzen, wirtschaftete leichtsinnig, machte Schulden, die er nun, nachdem er frei war, eben noch zu bezahlen hatte. -
Mittlerweise bekam er von der großen Leipziger «Feuer ein Angebot auf Grund schriftl. Fachaufsätze, die er in der Versich. Zeitung veröffentlichte, zu dieser Gesellschaft überzugehen, um da die Haftpflichtvers. einzuführen u. zu organisieren. Um nun von der Gothaer freizukommen, mußte er natürlich auch dieses Geld anderswo beschaffen u. so war es das natürlichste u. auch einzig mögliche, das Geld v. d. Sparkasse zu bekommen, die aber auch eine Sicherheit verlangte. Zu diesem Zweck mußte auf dem Grundbuch die Eintragung gemacht werden, daß das Grundstück zu 3/4 mir, zu 1/4 den 5 Kindern gehört. Das ist für mich nur eine Formsache, denn ich übernehme das Risiko nur auf 3/4 des Hauses u. trage es allein, sodaß Ihr Euch keine Sorge zu machen braucht. Fritz bekommt eine Stellung, die es ihm ermöglicht, seine monatliche Schuld auf d. Sparcasse abzutragen, sodaß er es in ein paar Jahren schaffen kann, als Sicherheit ist eine Lebensversicherung auf 5000 Mk lautend für mich beantragt u. ich habe das feste Vertrauen zu Fritz, daß er ehrlich bestrebt ist, sobald als möglich in Ordnung zu kommen. Mit Anni u. Berthold u. Mutter u. Grete habe ich alles durchgesprochen; sie haben begriffen, daß ich einfach nicht anders handeln konnte und so bitte ich auch Dich herzlich, Verständniß für meine Handlungsweise aufzubringen. Ich weiß, daß Du es gut mit mir meinst u. das beste für mich im Auge hast; ich bin aber ein unglücklicher Mensch, wenn ich eins meiner Kinder in Not weiß, ihm helfen könnte u. es nicht täte.
Inzwischen bemüht sich die Gothaer nun sehr, Fritz zu halten u. sie wollen ihm eine bedeutend bessere Position schaffen, sodaß die Möglichkeit besteht, daß er doch in G. bleibt; er möchte nun aber das nehmen, wo er mögl. viel verdient, das wird sich nun in diesen Tagen entscheiden. Mir persönlich wäre es lieb, wenn er bliebe, dann könnte ich weiter für ihn sorgen, nur ist er begreiflicherweise Gothamüde. Anni u. Berthold haben ihre Sommerreise schon gemacht, sie waren im Riesengebirge u. haben schöne Wanderungen gemacht mit dem Ehepaar Ihlenfeld, die in Waldenburg wohnen. Augenblicklich ist wohl Emmi Carlberg in Gotha, sie wurde wenigstens erwartet.
Und nun will ich schließen u. bitte Dich, bald mal was von Dir hören zu lassen. Ich grüße Dich u. Til herzlichst,
Deine Mutter.//
Grete u. Fritz lassen grüßen, erstere schreibt bald ausführlich
WAS MACHT NINN?
VIELE GRÜSSE
KARIN