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Brief von Lu Märten an Hannah Höch. Berlin
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Lu Märten (1879 - 1970)

    • Involved Persons Lu MärtenKorrespondenzpartnerAbsender/inHannah HöchKorrespondenzpartnerAdressat/in
  • TitleBrief von Lu Märten an Hannah Höch. Berlin
  • Date23.1.1928
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Amount2 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 372/79
  • Other NumberBG-HHE II 28.3
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

Mit handschriftlichen Korrekturen

"Steglitz – Berlin/
Albrecht str. 72 C
23 Januar 28
Liebe Hannah!
Das war ein liebenswürdiger Einfall von Ihnen, mir einmal von Ihrem Dasein jetzt zu schreiben. Ich freue mich für Sie über alles, was Sie mitteilen. Und das kleine Bild. Ich sah es erst zuletzt und fragte bei jeder Zeile: wo aber hat sie die Mize? Und dann kam es, was ich wünschte, dass sie bei Ihnen ist. Wenn Sie jetzt die Katzen und im Allgeminen dazu - Tierliebe verstehen, so sicher auch dahin, dass sie nicht nur Spielerei wie manches - bei mir und manchen andern ist, sondern einen Hintergrund hat, der tief und lang in seiner Einheit und Zusammenhängen zu schildern wäre.
Von mir etwas nun zu berichten, ist schwer und wenig erfreulich im Gegensatz zu Ihrem lieben Brief und seinem Inhalt. Aber wenn ich ganz von mir schweigen würde, würden Sie denken, ich hätte Ihr Andenken nicht wie gedacht war, empfangen. - Schon seit Langem kämpfe ich schwer um die nackte Existenz. Versuche, durch Stipendien, Frist zum Leben und Arbeiten zu erringen, sind alle gescheitert, oft durch kleine Zufälle. So hätte mir die Schweizer Schillerstiftung gern das Nötige gewährt, aber sie war an Statuten gebunden, wonach sie keinen Ausländer - Nichtschweizer - gewähren durfte, Und in Deutschland ist alles zu arm, um da zu helfen. Bei dieser Gelegenheit hatten einige prominente Namen für mich Empfehlungen abgegeben und ich hatte auch R, Ullmann [1], da sie doch Schweizerin ist darum geschrieben, Als sie dann darauf schrieb und allerhand andre Wege vorschlug, nannte sie auch Ihrer Schwester Grete Namen, an die ich schreiben sollte. Aber ich habe das nicht getan, weil mich Ihre l. Schwester doch garnicht kennt, auch wie ich glaube, da keinen Rat wüsste. Ich wollte Sie damals aufsuchen oder Ihnen schreiben, da ich bei Reginas Briefen nicht immer sicher weiss, wie sie sich das dachte, aber ich wusste ja nichts von Ihnen, als das Sie in Holland seien. Dann musste ich weiter kämpfen, um eine Stellung zu erringen. Was das bei meinem körperlichen Kräften bedeutet, werden Sie annähernd wissen, und wie schwer dabei überhaupt soetwas zu finden war. Nach dem Versuch, (als ich endlich von der Stadt aus, einen dummen Posten bekam) acht Stunden inklusive mehr als zwei Std, Fahrt - auszuhalten, bin ich fast verzwifelt. Dann kam die Entlassung, denn es war ja nur eine Aktion der Künstlerhilfe von Seiten Berlins und befristet. Nachher, bis vor Kurzem neuer Kampf und sichre Aussicht in eine geistige Arbeit, wie ich sie nützlich und für mich auch möglich leisten könnte, zu kommen. Vertrauen auf Versprechen und schliesslich Vorzug von andern - wahrscheinlich Sozialdemokraten - für diesen Posten. Dann nach langem Hin und Her ein Ersatzangebot im Stat. Amt. das ich nun nehmen musste, aber nur auf Vier Stunden (bedingte da auch zwei Stunden Fahrt) - um mich nicht ganz aufzugeben, da ich sonst nach den Erfahrungen des Winters lieber Schluss gemacht hätte, - und natürlich dann auch nur die Hälfte des Gehalts. Reicht eben nur zum Essen und Trinken. Und es ist dumme Arbeit wieder, und absehbar nur zu denken. R. hat mich im Wesentlichen verlassen und das bedeutet ja, dass man sich auch im Wirtschaftlichen auf sich allein verlassen muss. Dies unter uns. All die vielen Etappen, die ich durchmachte und alles was ich versuchte, zu schildern, würde viel Raum beanspruchen und will ich Ihnen nicht zumuten. Einige meiner alten Freunde und neue, waren in allen Möglichkeiten hilfsbereit, aber sie sind ja alle selbst Künstler oder dergleichen und direkt, kann natürlich Niemand helfen. Regina hat vielleicht auch allerhand versucht aber es erfolgte kein Resultat und sie schweigt bis heute. Mein Buch - das Letzte grosse - hatte bis nach Japan seinen ideellen Erfolg, nicht den geringsten materiellen bei alledem. Einige junge Japaner aus Tokio kamen daraufhin hier auch zu mir und nehmen bei mir Unterricht in allen möglichen Wissenschaften, Dialektik, Geschichte ect. und in den Zwischenzeiten habe ich mich durch Stunden an Ausländer andrer Länder so durchgekrebst. Momentan habe ich tausend Pläne, aber nicht viel Kraft zum Tun, denn die Müdigkeit nach dem Bürodienst ist garzugross. Kabble mich mit den Rundfunkstellen herum, die in Punkto Hörspiel nichts als Dummheiten denken und schreiben und bieten, indess ich im Besitz eines ABSOLUTEN Hörspiels bin und nicht weiss, wie es zur Sicht stellen. Kämpfe auch um Rundfunkvorträge, die mir in Aussicht stehen. Sie wissen aber wohl, wie schwer und unsicher das Alles bei der reaktionären Leitung all dieser Dieser Dinge ist. -
Bei alledem bin ich nun schon vier Jahre nicht mehr in Luft und erholung gewesen und Sie würden sicher erschreckt sein über meine Totenblässe und wie ich alt geworden, wenn das die andern auch bestreiten. Wer sieht auch den Tieren des Waldes die Augen brechen.
Um Ihre Katzfrage nicht zu vergessen: Sie müssen die Ohren täglich und konsequent auswaschen, am besten mit verdünntem lauwarmen Wasserstoffsuperoxid. Das hilft sicher. Bei Katzen dürfen Sie niemals Seifen verwenden, die teerhaltig sind. Das ist Gift für sie. Also nur Seifen, die aus Oel gemacht sind, wie die guten Schmierseifen, Da aber Seife immer schlecht abzuspülen ist, ist verdünnter Alkohol oder Wasserstoff bei kranken Stellen, auch im Fell, besser. Anbei erhalten Sie auch eine Mizezeitung, die jetzt aus einer hiesigen Organisation entstanden ist. Ich kam grade aus einer sehr guten Ausstellung von Hauskatzen, als ich Ihren lieben Brief vorfand. Meine beiden schwarzen, Vater und Tochter sind weiter herrlich und liebend zueinander geblieben. Baucis, die böse komplizierte stolze Schöne, führt ihr Sonderleben daneben. Wenn sie mich aber allein hat, entfaltet sie ihre ganze eifersüchtige Zärtlichkeit und hin und wieder kommt der Geist der Eifersucht ins Vergessen und sie gestattet, Mann und Tochterchen, sie allergnädigst abzulecken. Alle drei verschieden und sehr interessant und im Ganzen meine einzige Freude und Heimat.
Mit gemeinsamen Bekannten, ausser Fischers, komme ich nie zusammen und habe naturgemäss aus allem was ich sagte, wenig Verkehr noch und wenig Kraft und Zeit, irgendwo hinzugehen.
Lassen Sie wiederhören, wenn Sie es gern tun und bleiben Sie im Reichtum der Dinge, die Sie arbeiten und treiben. Empfehlen Sie mich Ihrer Kameradin in alledem, und seien Sie herzlich gegrüsst
von
Ihrer
Lu Märten"

[1] d. i. Regina Ullmann (1884-1961), Lyrikerin und Erzählerin. Ullmann war seit 1908 mit Rainer Maria Rilke befreundet, der ihr literarisches Schaffen protegierte.