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Brief von Thomas Ring an Hannah Höch, mit handschriftlichem Zusatz. [o. O.]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Thomas Ring (1892 - 1983)

  • TitelBrief von Thomas Ring an Hannah Höch, mit handschriftlichem Zusatz. [o. O.]
  • Datierung28.10.1933
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, maschinengeschrieben
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 514/79
  • Andere NummerBG-HHE II 33.19
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung

"Den 28. Oktober 1933.
Liebste Hannah,
wenn Jemand einen Geburtstag [1] tut, dann soll man ihm was erzählen, zähälen. Wenn aber selbiger so selten schreibt, dann muss man sich sehr quälen, quähälen: nämlich den Geburtstagstuterhaber in seines laufenden Jahres Drumunddran lebendig auf die Rampe, ja Rahampe zu kriegen zu steigen zu lassen auf die Rampe des Gemütstheaters. Das ist ungemütlich. Das ist undramatisch langweilig. Das weilt lange, bis die Handlung fortschreitet, wenn pro Jahr 1 Brief die Beziehung zwischen den Fuguren zur Sprache bringt. Wohin bring ich sie nur? Ist das ein Theater. Da müssen Steine reden. Da muss eine Steinlawine losbrechen als Claqueur dieser stummen Darbietung. Die auf der Bühne sitzende Mimin ist nämlich eine Mimose, eine kosmische Jungfrau, lichtecht in der Komik und waschecht in der Tragik, vom eiskaltesten Wasser eines Feuerbachs in Öl gemalt, also sozusagen Iphigenie. Iphigenial sitzt sie und schweigt sich hörbar aus. Man müsste ihr den O-Rest geben. Also rechnen Sie Fräulein: 1. Ankündigung, man geht von Berlin fort. 2. Abkündigung, man fährt durch Holland. 3. Rest: wo steckst Du? Der Orest ist eine Frage und war schon immer ein fragwürdiger Junge, ein würdevoll fragender Silbenstecher, der die irgendwo würdevoll steckende Iphi, sein schwesterliches Generl gesucht hat bis dass er sie fand, nämlich restlos fand. So ein Fant. Daraus dass er dabei dasig wurde, hat sich die Fantasie entwickelt, die noch immer eine nicht vor sich gehende Handlung durch Theater ersetzt hat. Also geh in Dich, handle, schreibe schlicht, damit das Eis des Feuerbaches bricht, damit es werde Licht, worüber schon ein anderer Autor in der Zeit der Talgkerzen und werdenden Petroleumlampen gestorben ist.
Sollten die Pflaumen, liebe Hannah, infolge Madenverlustes nicht hinreichend sein, so wachsen hier weitere Bäume in den Himmel. Sonst aber nichts. Nämlich sonst steht es bei uns mit allem ziemlich mau. Keine Aufträge, wodurch sich der Winter in immer dichtere Schleier hüllt. Die Lehrbriefleute schicken zum Teil Anerkennungen, zum grossen Teil kein Geld, sodass jetzt schon 80 Emm ausstehen, was länger schwer auszustehen ist und auf Mahnungen kommt nur der Erfolg der Portoausgabe. Dieser Erfolg ist wenigstens sicher, aber mit derartigen Sicherheiten lässt sich schwer ein solches Unternehmen länger untermauern. Nächstens bekommst Du No. III, der die vorhergehende Theorie psychologisch und wie ich hoffe menschlich in Fluss bringt und sich finanziell dann hoffentlich über Wasser hält. Komisches Volk in Deutschland. Viele, deren Raten in Anerkennung ihres Grundwasserstandes auf 2 und 1 Mark gesetzt wurde, schicken auch diese nicht, nicht einmal eine Postkarte, weil sie wahrscheinlich zu viel für Festabzeichen und Erntekränze brauchen. Man muss die Feste feiern wie die Überzeugungen fallen. Und um die, die fort sind, ist ein grosser Kranz des Schweigens.
Diese Nachtseiten der Laterne Dir deshalb erzählt, weil ich Dich dringend bitte, Ise Bienert aufzusuchen, ihr die Hefte zu zeigen und für die Teilnahme zu gewinnen oder mir wenigstens zu berichten, wie es um sie steht. Ihr Schweigen ist mir bei dem Interesse für meine Arbeit unerklärlich, ich kann meine Anfrage vom Frühjahr nicht wiederholen und bei Eurer Beziehung wird Dir der direkte Weg leicht sein. Auch Hennig oder andere Möglichkeiten bitte ich Dich zu versuchen, da man eben alles versuchen muss, um diese Sache durchzuführen. Und vielleicht findet sich doch Jemand für sein oder zu seinem Horoskop, habt Ihr keine holländischen Bekannten, bei denen man eine Zungenspitze riskieren kann?
Vor allem: was tust Du, was hast Du vor, wie steht es um Dich, in Dir? Wir sind ausser dem Geschilderten alle gesund, wieder gesund nach einer Herbstgrippe. Ein Foto sollte mitgehn, ist nicht fertig geworden. Später. Sehr sehr herzlich Dein//
Thomas R.//
Für dies Lebensjahr alle guten Wünsche!"//

[1] Am 1.11.1933 beging Hannah Höch ihren 44. Geburtag.