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Brief von Thomas Ring an Hannah Höch. [Baden b. Wien]
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Thomas Ring (1892 - 1983)

  • TitelBrief von Thomas Ring an Hannah Höch. [Baden b. Wien]
  • Datierung12.12.1932
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang1 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 517/79
  • Andere NummerBG-HHE II 32.24
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung

"12. Dezember 32
Liebes Hannchen, Hanneken, Hannerl oder wie Du Dich am besten zur zärtlichen, jungfräulichen Verkleinerung kleinkriegen läßt - eingeschneit am warmen Ofen im Hause eines Weinbauern am Wiener Wald gedenken wir Dein, wobei ich Dich verstohlenerweise und für eine Mimosenjungfrau kostenlos küsse mit meinem für diese Zwecke bereit gestellten Mund aus Ideoplasma, der Dir kein aufgelegtes Lippenrot abwischt. Eccolo. Wir wohnen hier mit Hahn [1] zusammen sehr schön und die Zusammenarbeit - soweit es infolge Brotarbeit und Hahns zur Aufführung fertigzustellender Kommödie dazukommt - läßt sich gut an. Wäre mehr Geld im Haus, so wäre es schöner, aber wir sind doch froh, diese Änderung gewagt zu haben. Herrliche Gegend hier, Waldberge, leichte Luft, eine alte Kurstadt aus der Beethovenzeit, in der auch die Menschen Stil am Leibe haben. Das österreichische Temperament - mehr Menschlichkeit, Gefühl - bekommt mir nach der Nüchternheit der Berliner Parteiluft sehr gut und schließt eingetrocknete Organe auf. Wir waren viel mit den Kindern auf den umliegenden Bergen, auch der kleine Thore [2] kraxelt tapfer 6 Stunden mit herum. Gertrud hat schon gemalt, ich habe nur etwas gezeichnet, belanglos, sonst geschrieben. Die Erkenntnistheorie baut sich langsam und konsequent aus, ich glaube ohne Überheblichkeit sagen zu können, daß die Menschen noch lange dran zu knabbern haben werden. Übrigens: geh doch mal zu Bekja [3] hin, ich habe dort einige Kästen Ölfarben für Dich bereitgestellt und ein Pappkarton ist noch im Keller in der rechten hinteren Ecke. Du kannst diese Farben verbrauchen, damit sie nicht eintrocknen, und mir später mal irgendwie ersetzen, wenn ich wieder male. Falls Du Geld flüssig hast, könnstest Du mir auch einen Aquarellkasten schicken (aber nur, wenn ohne Schwierigkeiten!). Wir werden hier bis Ende Februar bleiben und dann weiter nach Süden ziehn. Schreib uns mal! Viel und ausgiebig, ich werde weniger dazu kommen, was hoffentlich Deinen Gefühlen keinen Abbau tut! Auch Til einen herzlichen Gruß und Dir einen Gute-Nacht-Kuß//
Thomas
Hast Du den Dezember-Querschnitt gesehn? Da ist ein Aufsatz von mir drin unter Tom Weller [4]. Die Fotomontage haben sie nicht gebracht, nur die sachliche Zeichnung.
Liebes Hannele, Hannischka, wenn es die Finanzen tragen, kaufe mir doch einen kl. japanischen Pinsel mit Bambusrohrhülle. - Eine Frage: hast Du damals mit meinen Sachen den großen Dolch mitgenommen?"

[1] Rechtsanwalt Dr. Otto Hahn, der wesentlich zur Flucht der Familie Ring nach Österreich beigetragen hatte.
[2] Thore (*1927), Sohn von Thomas und Gertrud Ring.
[3] Bekja, eine amerikanische Türkin mit litauischer Staatsangehörigkeit, war eine gute Bekannte von Ring.
[4] Tom Weller (d. i. Thomas Ring): Verkehrsturm für Laienastrologen. In: Der Querschnitt / Chefred. Victor Wittner. Berlin: Propyläen. 12. Jg., [Dezember] 1932, S. 883-886.