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Brief von Thomas Ring an Hannah Höch. Senzig
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Thomas Ring (1892 - 1983)

    • Involved Persons Thomas RingKorrespondenzpartnerAbsender/inHannah HöchKorrespondenzpartnerAdressat/in
  • TitleBrief von Thomas Ring an Hannah Höch. Senzig
  • Date15.2.1928
  • CategoryKorrespondenz
  • ClassificationBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Amount2 Blatt
  • FondsNachlass Hannah Höch
  • Inventory NumberBG-HHC K 519/79
  • Other NumberBG-HHE II 28.4
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • On DisplayNo
Transcription / Description
Additional Reproductions

"Senzig am 15. Februar 1928 / Liebe Hannah /Unsre Korrespondenz hat einen langen Atem. Der Ansatz zum Geburtstagsbrief und zum Weihnachtsbrief für Dich ist immer wieder überrumpelt worden von täglicher Lebenstechnik und auch zu Fünfminutenbrennern der Ewigkeit hat es nicht gereicht. Unter dem tuts aber der Deutsche nicht, besonders wenn der Empfänger eine Frau ist und in Holland sitzt. Oder steht und malt oder liegt und faulenzt oder was zum T? treibst Du? Immerhin hast Du wohl mein Räuspern durch die Post vernommen - das Bild eines nach innen fahrenden Nordpolpächters und seine Außenprojektion: zwischen den Mühlsteinen. Um gleich mit der letzten Tür aus dem Häuschen zu fallen: was die marschierenden Soldaten im I. Teil sich da französisch zurufen ist mir nicht geistreich genug, ich bin aber augenblicklich zu entfernt aus dieser Atmosphäre, um was Besseres zu finden. Weißt Du was? Ich möchte in der nächsten Woche etwas damit anfangen und hätte gern da noch eine Änderung. Auch bin ich in der richtigen Schreibweise nicht sicher, abgesehen von den accents, die im Durchschlag nicht gemacht sind. Du weißt, man trift hier immer auf einen Philologen, wenn man zum Bühnenmann geht.
Über die Anthroposophen-Zeitschrift war ich doch positiv enttäuscht. Besonders was Ita Wegman [1] da bringt zeigt, daß irgendwer außer der Steiner-Erweichung [2] noch gründlich gearbeitet hat. Ob sie aber mein «Gäa» bringen werden, ist doch fraglich, obschon sich die Ergebnisse in Vielem berühren, denn es steht kein Wort vom Halbgott Rudolf darin. Wenn also für Dich ein großer Apparat nötig ist, um Dich erst Herrn Zeylman [3] vorstellen zu lassen usw., so laß es lieber. Geht es aber zwanglos, daß Du über die Sache mit ihm sprichst, so könnte man ja sagen, daß ich mich im Falle sie es drucken wollen in positiver Weise darin auch mit der Steinerschen Auffassung auseinandersetzen würde. Doch ist es auf jeden Fall ein Kompromiß für mich, ich möchte schon lieber das Ganze nach dem mitgeteilten Plan herausbringen und arbeite auch weiter daran, wenn ich dazu komme.
Nachdem ich nun, nach der Dir vertrauten männlichen Psychologie, gesagt habe was ich will, ein kurzer Bericht. Viel Durcheinander in den letzten Monaten, ein paar kräftige persönliche und öffentliche Enttäuschungen wegen einer Bürgschaft, in die ich vertrauend hineingetapst bin, gerichtlich zur Zahlung verknast, wegen meiner Teilnahme an der «Kulturgemeinschaft» durch ein Pamphlet in den Dreck der Hintertreppen-Astrologen gezerrt. Auf dem Positivkonto steht hauptsächlich Arbeit: außer dem Napoleon-Lenin [4], den Du dort hast, ein mythisches Kultdrama «Nibelungen» fertig, ein Gedichtband, der vielleicht in nächster Zeit herauskommt, vor allem viel gemalt und im Frühjahr eine Kollektiv-Ausstellung beabsichtigt [5]. Ein Jahr höchstens wollen wir noch in Senzig bleiben und dann winken verschiedene Möglichkeiten: Süditalien, Corsica, Pyrenäen, Schottland. Die Zeit bis dahin ist Loslösung zu einem entscheidenden Sprung. / Wann und wo können wir uns bei diesen Umständen mal sehen? Es scheint Dir nicht mehr in Holland zu gefallen. Bitte schreibe von Dir. / Herzlich / Thomas Ring"
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[1] Ita Wegman (1876-1943), Dr. med., Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft.
[2] Rudolf Steiner (1861-1925), Schriftsteller, Redakteur und Begründer der Anthroposophie.
[3] Willem Zeylmans van Emmichhoven (1893-1961), Dr. med., seit 1923 Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden.
[4] Mit "Napoleon und Lenin" versinnbildlicht Ring in seinem Stück Zwischen den Mühlsteinen zwei sich widerstrebende Machtprinzipien.
[5] Dies bezieht sich auf die am 9. Mai 1928 eröffnete Große Berliner Kunstausstellung, die 36 Werke Thomas Rings präsentierte.