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Brief von Thomas Ring an Hannah Höch. Senzig
  • Repro: Anja Elisabeth Witte
    • Thomas Ring (1892 - 1983)

  • TitelBrief von Thomas Ring an Hannah Höch. Senzig
  • Datierung04.10.1927
  • GattungKorrespondenz
  • SystematikBrief
  • MaterialPapier, handgeschrieben
  • Umfang4 Blatt
  • KonvolutNachlass Hannah Höch
  • InventarnummerBG-HHC K 518/79
  • Andere NummerBG-HHE II 27.8
  • CreditlineErworben aus Mitteln des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin, 1979
  • AusgestelltNein
Transkription / Beschreibung
Weitere Abbildungen

Senzig den 4. Oktober 1927
Sehr sehr vielen Dank für den südlichen Brief. [1] Liebe Hannah da kreist also ein Wesen in Europa, dem Blinddarm der Erde den sie sich immer noch nicht wegoperiert hat, und es kreist nicht allein, sondern in astronomischer Treue mit einem Schwesterstern - liebe Hannah, die im Himmel bekannten Dinge sind auf der Erde so selten als der Mensch häufig ist. Wenigstens soweit das Auge sieht, das zu 90 % lügt weil es der Zweckzelle des Ego verbunden ist und mit besonders pessimistischem Schleier das deutsche Auge sieht, mit dem immer wieder frisch angestochnem grauen Star - liebe Hannah also zum dritten Mal Anlauf - diese ernsthafte Vorbereitung soll Dir eigentlich sagen, daß ich lustig bin, froh, ausgearbeitet, irgendwann hier draußen ist das letzte Eisenband um den Kopf geplatzt und ich beginne mein Konto zu ahnen, das irgendwelche Seeräuber oder Priester oder Kriegsleute oder Bauern oder Arbeiter aufgespeichert haben - was so alles zusammenkommt, um einen Funken Leben zu nähren und wie sublim knisternd er hochflitzt in das Unbekannte, jawohl Unbekannte, denn die exakteste Feststellung, Feststampfung des seltsam dem Hungrigen bekannten Dinge läßt die Wippe der Möglichkeiten nur umso überraschendere Flittchen als Weltflitterchens mittanzen - also nun egal ob Komet oder Sonnenstäubchen, ich bin da. Und das Ergebnis dieser Zeit in Senzig ist: ich bin da. Nicht ich war, oder ich werde sein und wie die schönen Spiegelwitzchen heißen. Warum? Ja, wenn man den perspektivischen Lunapark der Gründe so gleichzeitig losquietschen lassen könnte und dann sind sie, die die Geisterhand des Geschehens berauschend sachlich maschinell in die Naturdinge stellt so aus der Intellekthand der Reflexion geschüttelt eigentlich sensationslos. Aber immerhin - hier haben wir einen unmärkisch kalkgrünen, klaren See entdeckt in dem man nackt schwimmend alle Asphaltlogik vergißt. Und eine einsame Sandwüste ist da, ein diluviales Tal wie es die Eiszeit verlassen hat, unten ein Sumpfdickicht aus Erlen, in dem die Nachtschatten beinahe nach Krokodilen riechen, wenigstens hat sie mein Junge gesehen und ich glaub ihm immer mehr. Ich glaube dem Eichhorn und der Schwalbe, dem Hasen und der Möve und sehe ganz andere Dinge als der zoologische Guckkasten. Das und noch viel mehr wird ausbrechen oder bricht schon aus. - Und auch die Pflanzen. Tier- und Gottspeicherungen im Menschen, das Salz nicht zu vergessen, das in seine Kristallordnung strebt um gelöst, erlöst zu werden wieder im Kreislauf und der vulkanische Hexenkessel der Katastrophen, die Gegenwart die an die Türen pocht. Zwei Punkte der Vergangenheit haben mich eine Zeit fixiert, ich bin ihnen wohl nicht blos im Namen verschuldet: Thomas von Aquino und Thomas Münzer. Synthese nun? Kein Wort darüber. Arbeit. --------
Dies Jahr ist bei mir, nach dem ausgebauten Sternrhythmus und den Ereignissen einer Siebenjahrperiode, Sensenjahr, Ernte altgereifter Frucht, Abschluß. Zwei dramatische Arbeiten, ein mythisches Kompositium und eine Explosion.//
Schicke vielleicht bald was. Dann Mappen von Geschriebenem, bunt wie das Chamäleon sich wendet. An der politischen Realität, die die Irrealität der Egoismen ist, mehrmals die Finger verbrannt in Dichtung hinein, zurückgeschnellt im Gasdruck wieder in Dinge. Repressionsmotor. Astrologie, an der Zeitschrift zu sehn, im Aufbau von Menschen aus Akademikerfräcken. Tagforderung der Mineralien aus Reichspapier bleibt das Bergwerk der Astro-Arbeit für Menschen, denen meist in Beantwortung unsinniger Fragen Sinn hineingeluxt wird. Zwei Holzplastiken, kleiner und größer, kein Bild, viele Farbstiftzeichnungen und einige Aquarelle. Stimmt noch nicht, ein Biest aus Holz, Celluloid, Glas und Metall hängt ja in der Ausstellung [2], geht aber aus dem Leim und wird dadurch dada, kinetischer Humbug, an dem die ernsthaften Leute überlegen ob das nun Absicht oder Nichtkönnen ist. Zur Sache des einliegenden Manuskripts. Das gnostische Huhn hat ein Weltei gelegt und es gehört sich, dazu zu gackern. Wenn der holländische Verleger [3] dazu zu kriegen wäre, ist mir sehr, sehr geholfen, denn mit dieser Art Arbeit sitze ich seit Jahren im untersten Stollen an der Erzader und hämmere, poche drauf los, weiß, wo das Gold steckt aber kein Mensch holt das alte Gerümpel weg um es einzuschmelzen, weil sie lieber erst immer ihre altgewordenen Kochtöpfe flicken. Gebrauchsanweisung: Gäa ist allein für sich als Broschüre zu drucken, wenn der Verleger Schneid No 1 hat, das mindeste Risiko eingehen will. [4] Gäa ist ferner Anfang und Grundstein einer Folge von 5 Bändchen, wenn der Verleger Schneid No 2 hat, was ihn nichts mehr kostet, als in das 1. Bändchen hinten die Anlage des Ganzen und die Aussicht auf Erscheinen rein zu drucken. Gäa ist ferner für Verleger mit Schneid No 3 der erste Teil eines Buches aus 5 Teilen:
äa
Das chemisch-physikalische Weltbild vom Standpunkt der Astrologie.
Bio]
Die Konstitution des Geschehens.
Genos
Sexualität und Horoskop.
P
Staat und Nation in der Menschenastrologie.
Th
Schöpfung und Lebensform zur Individualität.
(Hier kann mir Til raten, ob Genos eine Ulenspiegelei ist, ob Genea zu nehmen ist, um altgriechisch zu modern exakt das Geschlecht bei der Wurzel zu fassen. Ich glaube, genea hat mehr die Bedeutung von Familie, Stamm als das bekannte Ich + Du mit verschiedenen organischen Vorzeichen).
Am liebsten wäre mir natürlich, das ist klar, wenn das Ganze herauskäme. Man könnte schließlich auch Gäa als Broschüre erst herausbringen und im Satz stehen lassen, bis das Ganze nach und nach zusammenkommt und dann als Ganzes drucken. Fertig ist, bis auf ev. kleine Korrekturen bei nochmaligem Durchkauen, Gäa. Ziemlich fertig sind Bios, Genos, Polis, davon sind große Auszüge das in der «Astrologie» Veröffentlichte, von Bios ist noch nichts gedruckt. Am wenigsten fertig ist Theos, weil ich das Dach nicht zusammensetzen mag, wenn noch kein Grund und Boden für das Haus zu sehen ist. Sollte der Mann Lust und Geld haben für das Ganze, so könnte er mir vielleicht 2-300 M vorschießen, denn ich muß sonst immer die Möglichkeit zu dieser Arbeit durch andere Arbeit finanzieren. In 2 Monaten könnte unter diesen Umständen alles fertig sein. - Die äußere Situation für den Buchhändler-Erfolg ist die: Astrologie wird in den kommenden Jahren die akute wissenschaftliche Streitfrage, nachdem ein Teil der Akademiker angesteckt worden ist (s. beiliegenden Zettel der Kulturgemeinschaft). Die Akademiker selbst sind aber auf dem Gebiet ziemlich hilflos und reden aus gutem Glauben allgemeinen Sums um die Sache herum, wissen nicht, wie sies anfassen sollen, bis auf Winkel und den Statistiker Kraft, die aber sind in Teilgebieten festgelegt. Die Professoren drücken sich philosophisch um die Technik und die astrol. Techniker haben durchweg weder Niveau noch Totalblick. Zwischen diese Stühle wird nun die nach allen Seiten platzende Bombe «Astrologie als Naturwissenschaft und Lebensproblem» (so soll das Ding heißen) gelegt. Die Kulturgemeinschaft [5], die Zeitschrift, habe ich hinter mir und verschiedene Besprechungen sind sicher. So müßte das Buch also auch ein händlerischer Erfolg für den Verleger werden. ---------
Liebe Hannah, der Bericht von der Krankheit hat mich erst bestürzt, aber es war ja schon Genesung, als die Nachricht eintraf. Gefreut hat mich die gute Nachricht vom Miniaturlöwen. Es ist ein guter Klang in Deinen Zeilen. Vielleicht führt die Reiselust doch mal nach Berlin. Im Bild grüßen Dich ein paar Menschen, die immer mehr lernen, am Anfang von Allem zu stehn.
Dir und Til Brugmann alles Schöne und Aufrichtige
Thomas Ring
Die beiden Zeichnungen sind natürlich nicht klischeefertig, zum ev. Druck würde ich überhaupt ein nochmals durchgesehenes Manuskript schicken.
Das Buch Psychologie u. Yoga habe ich nicht, werde mich aber mal drum kümmern.
Gleichzeitig geht Gedrucktes ab.
Nebel ist seit 1 Jahr in Ascona; kommt jetzt diesen Herbst zurück."

[1] Hannah Höch hielt sich im August in Norditalien auf.
[2] Hierbei handelt es sich um Rings zerstörtes Werk Konstruktion II, eine dreidimensionale Materialassemblage, die auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1927 zu sehen war.
[3] Möglicherweise ist hiermit der mit Hannah Höch befreundete holländische Verleger Anthony Bakels gemeint.
[4] Das Buchmanuskript Gäa ist unveröffentlicht geblieben.
[5] d. i. Sterne und Mensch : Zeitschrift für Astrologie als Wissenschaft und Weltanschauung; Organ der Deutschen Kulturgemeinschaft zur Pflege der Astrologie.